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Der österreichische Mensch – ein Erziehungsopfer?

Meinung / von Michael Fleischhacker / 15.10.2016

Um Österreich zu verstehen, muss man sich auch mit dem österreichischen Menschen auseinandersetzen. Ist er ein Erziehungsopfer, ein Dienstaristokrat oder ein habitueller Durchwurschtler, der am Ende eh schon immer alles besser gewusst hat? Ein professioneller Untertan, der sich sein Leben lang vom Staat versorgen lassen möchte?

Dieser Beitrag ist Teil der Serie Agenda 2025 auf NZZ.at. Sie widmet sich den Herausforderungen und Chancen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion, die der Psychiater Erwin Ringel 1984 unter dem Titel „Die österreichische Seele“ veröffentlichte, gehören zum Kanon der Österreich-Literatur, der, wie man weiß, in seinem Kernbestand aus ungelesenen Büchern besteht.

Der Suizidforscher Ringel, in den frühen 80er Jahren Inhaber des ersten Lehrstuhls für medizinisiche Psychologie, der sich mit dem Phänomen des Religionsverlustes durch religiöse Erziehung befasst und sich für die Anerkennung der Psychosomatik eingesetzt hatte, sah den österreichischen Menschen, einen geknechteten Neurotiker, vor allem als Erziehungsopfer.

William Johnston hingegen, der in seiner historischen Studie „The Austrian Mind“ den Bedingungen für die intellektuellen Entwicklungen zwischen 1848 und 1938 nachging, begreift den „österreichischen Menschen“ als „Dienstaristokraten“, als habsburgischen Edelbeamten, als „theresianischen Menschen“, der dank einer einheitlichen Ausbildung dazu in der Lage war, den heterogenen Vielvölkerstaat durch seine vermittlerischen Fähigkeiten zusammenzuhalten.

Dienstaristokrat Grillparzer

Die präziseste, über die jeweiligen historischen Umstände hinaus zutreffende Beschreibung des österreichischen Menschen hat denn auch der Dienstaristokrat Franz Grillparzer in seinem Drama „König Ottokars Glück und Ende“ geliefert. Dort lässt er den Dienstmann Ottokar von Horneck auftreten, der Rudolf von Habsburg sein Land anpreist. „Es ist ein gutes Land“, hebt Horneck an, „wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde.“

Gegen Ende, nachdem er die landschaftlichen Vorzüge, die auch die heutigen Österreicher in Umfragen als Hauptgrund für ihren Nationalstolz angeben, gepriesen hat, beschreibt er dem neuen Herrn die Menschen, die hier leben:

Drum ist der Österreicher froh und frank,
Trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden,
Beneidet nicht, läßt lieber sich beneiden!
Und was er tut, ist frohen Muts getan.
’s ist möglich, daß in Sachsen und beim Rhein
Es Leute gibt, die mehr in Büchern lasen;
Allein, was not tut und was Gott gefällt,
Der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn,
Da tritt der Österreicher hin vor jeden,
Denkt sich sein Teil und läßt die andern reden!

Ja, das macht der Österreicher, er denkt sich seinen Teil und lässt die anderen tun und reden. Hinterher hat er es dann aber gelegentlich eh schon immer gewusst. Man könnte auch sagen, dass man es beim österreichischen Menschen mit einem habituellen Durchwurschtler zu tun hat. Auch diese Mittellage beschreibt der österreichische Dienstaristokrat Grillparzer mit bildhafter Präzision:

O gutes Land! o Vaterland! Inmitten
Dem Kind Italien und dem Manne Deutschland,
Liegst du, der wangenrote Jüngling, da:
Erhalte Gott dir deinen Jugendsinn
Und mache gut, was andere verdarben!

Das Hauptproblem mit der österreichischen Mentalität sieht William Johnston in der historischen Verspätungslage, in die Österreich geraten ist. Die „Deutschösterreicher“, die nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie den Clemenceau’schen „Rest“ bewohnten, waren eine verspätete Nation, nach der Katastrophe der Hitlerei und des Zweiten Weltkriegs durften sie auch keine Deutschösterreicher mehr sein, und Europäer wollten sie nie werden.

Untertanen

Untertanen sind sie immer geblieben. Das erklärt auch am ehesten die Bereitschaft der Österreicher, die Entscheidung über ihre höchstpersönlichen Angelegenheiten staatlichen und parastaatlichen Einrichtungen zu überlassen. Nicht einmal die Entscheidung, ob man einer Interessenvertretung beitreten will oder nicht, muss vom Bürger selbst getroffen werden. „Pflichtmitgliedschaft“ ist wohl so etwas wie die Fortsetzung der Dienstaristokratie mit anderen Mitteln.

Grundlage eines solchen Systems ist neben der mentalen Prädisposition der Bürger auch das Vorhandensein ausreichender Ressourcen. Denn die Sedierung des österreichischen „Wallungsmenschen“ (so einer der Essayisten in Johnstons Buch „Der österreichische Mensch“) basiert auf dem Prinzip der Vollversorgung. Wer nicht selbstständig denken soll, muss auch vom Nachdenken über das eigene Fortkommen befreit werden. Der Staat sorgt für dich, dafür sorgst du dich nicht um den Staat und lässt seine Repräsentanten in Ruhe und im Verborgenen walten.

Die Ignoranz der Systemerhalter

Das macht Reformen schwierig, deren Notwendigkeit sich ja vor allem dann zeigt, wenn die Ressourcenbasis schwindet. Die Klage österreichischer Politiker, dass man in diesem Land für Reformen vom Wähler bestraft würde, zeugt von eklatanter Ignoranz gegenüber dem System: Plötzlich beklagt man sich darüber, dass Menschen, deren Stimmen man über Jahrzehnte mit dem Versprechen gekauft hatte, sie müssten sich über Grundlagen und Finanzierung des Allversorgerstaates keine Gedanken machen, sich über die Limitierungen dieses Systems keine Gedanken machen wollen?

Vor diesem Hintergrund wird die Frage, ob man zuerst die Mentalität der österreichischen Bürger reformieren muss oder die sozialen Sicherungssysteme und das Bildungssystem, zur Henne-Ei-Frage. Beides wird erst gelingen, wenn das System finanziell gegen die Wand fährt. Also mit Verspätung, wie fast alles in diesem Land.