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Alaba – einfach überschätzt

Meinung / von Stefan Osterhaus / 22.06.2016

Nicht nur Österreichs Verteidiger Alaba verkennt seine Möglichkeiten.

An Superlativen hat es nicht gemangelt vor den Titelkämpfen. Vom „Wunderteam“ sprachen manche Optimisten, die auf die Möglichkeiten der Österreicher blickten – eine Reminiszenz an die „Wiener Wunder-Elf“ aus den dreißiger Jahren. Dass es so weit kam, lag vor allem an einem: an David Alaba vom FC Bayern. „Das Wohl und Wehe der österreichischen Nationalmannschaft hängt von ihm ab“, schreibt ein österreichischer Journalist in einem Beitrag für eine deutsche Zeitung. Anders formuliert: Er trägt die Hoffnungen einer ganzen Nation auf seinen Schultern.

Immer nur aufwärts

Nun, nach zwei Spielen und nur einem gewonnenen Punkt, sieht er sich in der Kritik, ja wird medial sogar als „Totalversager“ verunglimpft. Es ist eine neue Erfahrung für David Alaba. Er hat eine rasende Entwicklung durchlaufen. Als er im FC Bayern mit 17 Jahren unter dem Coach Louis van Gaal zu ersten Einsätzen kam, spielte er im defensiven Mittelfeld. Schnell wurde klar, dass es für ihn noch zu früh ist. Jupp Heynckes, der van Gaal beerbte, machte ihn zu einem der besten linken Verteidiger der Welt: 2013 war sein bestes Jahr. Die linke Bayern-Flanke mit Franck Ribéry und ihm war unwiderstehlich. Er gewann das Triple mit den Bayern, war Teil der besten Mannschaft, die dieser Klub je hatte.

Als Josep Guardiola übernahm, war er eine feste Größe. Aber Guardiola ist ein Trainer, der gern experimentiert, der Positionen wechselt wie ein Hütchenspieler, der keine Rochade scheut. Für manche Gegner ist das verwirrend. So fand sich Alaba hin und wieder auch in der Innenverteidigung und selten auch im Mittelfeld wieder, was ihm gefiel. Im Januar erklärte er: „Ich sehe meine Zukunft im Mittelfeld.“

Guardiola wird ein großer Einfluss auf den Fußball der Gegenwart nachgesagt. Es ist kein Mythos. Mit seinen Ideen hat er nicht nur den Fußball der Bundesliga beeinflusst, sondern auch den der Nationalteams. Als er Philipp Lahm, der rechts wie links als Außenverteidiger eine Klasse für sich war, ins zentrale Mittelfeld stellte, zog Deutschlands Nationalcoach Joachim Löw nach. Aber es ist ein Unterschied, ob der Gegner Eintracht Frankfurt ist oder einer von internationalem Format. Das Lahm-Experiment wäre an der WM 2014 beinahe schiefgegangen, noch rechtzeitig beorderte Löw Lahm zurück in die Defensive. Auch Österreichs Nationaltrainer Marcel Koller hat sich vom Polyvalenz-Virus Guardiolas infizieren lassen, indem er Alaba zutraute, sogar noch weiter vorne zu spielen. Alaba ist nicht der Einzige, der Mühe damit hat. Selbst einer wie Bastian Schweinsteiger, Alabas alter Münchner Teamkollege, fällt deutlich ab, wenn er sich in die Offensivzentrale stellt.

Es ist ein anderes Spiel. Er hat das Feld nicht vor sich. Entscheidungen müssen in noch kürzerer Zeit getroffen werden. Es verlangt nach Lösungen auf engstem Raum. Und selbst wenn Alaba diese Rolle ausfüllen könnte, was er nicht tut, so bedarf es der Mitspieler auf seinem Niveau. Die Fehlpass-Quote, die ihm nun unter die Nase gerieben wird, geht auch auf das Konto der Kollegen.

In der Hierarchie unten

Und es gibt noch andere Faktoren, die im allgemeinen Unmut über die Leistung Alabas nicht die nötige Berücksichtigung finden. Im FC Bayern ist er einer von vielen Weltklassespielern. Er spielt nicht nur mit sehr guten Fußballern, manche sind Phänomene: Thomas Müller und Manuel Neuer oder Jérôme Boateng, der Niederländer Arjen Robben und der Franzose Franck Ribéry, der alte Baske Xabi Alonso und ehedem Schweinsteiger. Unter ihnen war er nie ein Leader, keiner, der mitreißt. In der Hierarchie der ersten Bayern-Elf steht er ziemlich weit unten.

Auch der Trainer Marcel Koller ist über die Leistung Alabas in die Kritik geraten. Fair ist dies nicht. Zwar hat Österreich beim 0:0 gegen Portugal nicht überzeugen können, wurde beherrscht. Aber ein Blick auf die Formationen genügte, um festzustellen, dass ein Klassenunterschied bestand. Der Gedanke, das Offensivpotenzial seines besten Spielers zu nutzen, war verführerisch genug, um es zu versuchen. Nach zwei Spielen kann man das Experiment als misslungen bezeichnen. Insofern ist es nur integer, dass Koller sich der Kritik an Alaba nicht anschließt, sondern ihn schützt. Indem er Alaba ein ordentliches Spiel attestierte, obschon dies erkennbar nicht der Fall war, übernimmt er die Verantwortung. Aber vielleicht führt die Diskussion um David Alaba zu einer ganz anderen Frage: Wer konnte glauben, dass Österreich einer der sogenannten Geheimfavoriten ist? Wohin ein solcher Irrsinn führen kann – und dass ein einziger guter Spieler für eine solche Rolle nicht genügt –, lässt sich anhand dieses Falles bestens studieren.