Kattingers Grenzgänge

Alle Etappen im Überblick

von Matthäus Kattinger / 17.11.2015

Ab Mitte Oktober wird täglich eine Etappe der Wanderung entlang der toten Grenze veröffentlicht. In dieser Übersicht finden Sie alle Abschnitte, die schon veröffentlicht wurden:

Prolog: Auf den Dreisesselberg ausführliche VersionKurzfassungDa der Ausgangspunkt meiner vom deutsch-tschechisch-österreichischen zum slowenisch-ungarisch-österreichischen Dreiländereck führenden Grenztour an der bayerisch-böhmischen Grenze liegt, soll der Weg dorthin der eigentlichen Grenztour als Prolog vorangestellt werden. Wenn wir in Schwarzenberg aus dem Postbus steigen, sind wir auch in der unmittelbaren Lebenswelt des hier omnipräsenten (und noch mehr instrumentalisierten) Heimatdichters Adalbert Stifter gelandet. Über Ober-Schwarzenberg steuern wir auf dem nach Stifters epischer Geschichte des Adelsgeschlechtes der Rosenberger benannten „Witiko-Steig“ auf den Dreisesselberg; steigen wir durch den bis gut 1.250 m voll in Saft stehenden Tann (wie in Stifters Beschreibungen etwa im „Hochwald“) auf den von Borkenkäfer und Wirbelsturm „Cyril“ völlig devastierten Böhmerwald-Kamm. (Gesamtlänge 8 Kilometer, 600 Höhenmeter, Gehzeit 2 Stunden, 15 Minuten). Der Prolog soll aber auch dazu dienen, neben grundsätzlichen Anmerkungen zu den folgenden 30 Tagesberichten meine persönliche Motivation für diese Grenzwanderung darzustellen.

Etappe 1: Vom bayerischen Dreisesselberg bis nach Schöneben. ausführliche VersionKurzfassungBei der ersten Etappe sollte man trotz Schengen-Raum den Pass dabei haben, denn auf der böhmischen Seite kann es schon passieren, dass nach dem „Passport“ gefragt wird (etwa von Sicherheitsbeamten am Plöckensteiner See). Die Tour führt vom bayerisch-tschechischen Dreisesselberg auf dem Böhmerwald-Kamm zunächst über den Bayerischen Plöckenstein zum eigentlichen Startpunkt des Grenzganges, der Dreiländerecke (dem Dreimarkstein). Von dort erwandern wir gemächlich den höchsten Berg des Böhmerwaldes, den österreichisch-tschechischen Plöckenstein/Plechy. Direkt hinter dem Gipfelkreuz drehen wir hinunter nach Böhmen: besuchen zunächst auf den Spuren des Dichters das wuchtige Stifter-Denkmal, um dann zum Plöckensteiner See abzusteigen. Eine gute Stunde später erreichen wir auf dem Kamm wieder österreichisches Gebiet, wandern hinunter in das von Stift Schlägl, dem grössten Waldbesitzer und einem der grössten Arbeitgeber der Region, zum Erlebnisdorf entwickelte Holzschlag. Danach queren wir mehrmals die Loipen des gemeinsam von Stift Schlägl und dem Präsidenten des Österreichischen Schiverbandes, Peter Schröcksnadel, betriebene Schigebiet Hochficht-Böhmerwald. An der Talstation mit dem „Gasthof zum Überleben“ vorbei steigen wir an der Erlebnispiste mit einem Zwischenstopp am Stinglfelsen bis knapp unter den Gipfel des Hochficht auf. Doch trotz vieler Schneekanonen wird die Tour den bekannten Klischees einsamer und naturnaher Böhmerwald-Wanderungen voll gerecht. Parallel und sehr nahe zur Grenze zu Tschechien geht es unterhalb des Fleischhackerberges vorbei (ob sich da der Chefredakteur von NZZ.at topographisch verewigen wollte, konnte weder verifiziert noch falsifiziert werden), in der Folge durch längst wieder intakten Hochwald nach Schöneben. Auf dem breiten Plateau finden sich neben der Kirche der Heimatvertriebenen auch der Zugang zum Schwarzenberg’schen Schwemmkanal und das Böhmerwald-Zentrum (Streckenlänge 22,7 Kilometer, Gehzeit sechs Stunden, 800 Höhenmeter).

Etappe 2: Von Schöneben über Oberhaag nach Haslach an der Mühl. ausführliche VersionKurzfassungNach der fast zur Gänze im Wald verlaufenen ersten Etappe geht es heute zurück in die Zivilisation – auch wenn es sich meist nur um kleine Gemeinden, Rotten oder einschichtige Höfe handelt. Die Ausnahme ist die Marktgemeinde Haslach an der Mühl, unser Etappenziel, eine alte Industriegemeinde mit dem Schwerpunkt Textil. Die schwierigste Entscheidung stellte sich schon am Start: Soll ich dem Nordwaldkammweg folgen oder dem von heimischen Touristikern zum (s)achten Weltwunder ernannten Schwarzenberg’schen Schwemmkanal entlangwandern? Ich habe mich FÜR den Nordwaldkammweg aber nicht gegen den Schwemmkanal entschieden; denn ich warte mit dem Schwemmkanal nur einige Stunden zu, begleite diesen ohnehin nahe St. Oswald bei Haslach auf seinem attraktivsten, weil steilsten Stück. Für die Wahl des Nordwaldkammweges sprechen einige interessante Dinge auf oder etwas abseits der Strecke: der Abstecher auf den Bärenstein, das Denkmal der Unter-Moldauer (siehe Analyse Verschwundene Dörfer) und die Schwedenschanzen bei Oberhaag. Fast genau zur Hälfte des Weges werden wir oberhalb von Wurmbrand durch einen eindrucksvollen, gut einen Kilometer langen Hohlweg parallel zur Grenze absteigen – dieser hätte sich die Auszeichnung „Naturdenkmal“ verdient. Über St. Oswald bei Haslach, an einer alten Handelsstraße von der Donau nach Böhmen gelegen, geht es dann durch kleine Weiler in fast stetem Auf und Ab ins Etappenziel nach Haslach an der Mühl, bekannt als einstige Hochburg der Textilindustrie. Heute erinnert noch das Webereimuseum an diese Zeit. Es laden aber auch andere originelle Museen zum Besuch ein, wie die „Mechanische Klangfabrik“ oder das Kaufmannsmuseum (Streckenlänge 26 km/Höhenunterschied 800 hm/Gehzeit 7½ h).

Etappe 3: Von Haslach an der Mühl über Guglwald nach Bad Leonfelden. ausführliche VersionKurzfassungDie heutige Etappe könnte Jean Fourastié als Demonstration dienen: Von einem traditionellen Zentrum der Textilindustrie geht es in die auf Tourismus und Dienstleitungen setzende Kleinstadt. Von Haslach an der Mühl, dem einstigen Weberei-Zentrum, wandern wir immer nah der Grenze in den Thermenort Bad Leonfelden. Die Drei-Sektoren-Hypothese von Fourastié zur wirtschaftlichen Entwicklung bietet zudem einen guten Anknüpfungspunkt für eine Analyse von Wirtschaft und Arbeitsmarkt im Mühlviertel. Waren wir bisher nur in sehr dünn besiedelten Regionen unterwegs, so steht dem Etappenziel Bad Leonfelden erstmals auch auf tschechischer Seite ein etwas dichter besiedeltes Gebiet gegenüber, nämlich das Ostufer des Lipno-Stausees bis nach Vyšší Brod. Die direkte Verbindung von Vyšší Brod nach Bad Leonfelden verläuft über den Grenzübergang Weigetschlag. Vom Marktplatz in Haslach geht es zunächst durch kleine einschichtige Rotten und Weiler, nach der Helfenberger Hütte des Alpenvereins finden wir uns für zwei Stunden durchgehend auf schönen Waldwegen. Dann wird die Idylle jäh durch die 83-Seelen-Gemeinde Guglwald unterbrochen. Wie aus dem Nichts drängt sich die Disney-artige Kulisse des Wellness-Komplexes ins Bild. Im dazugehörigen Park finden sich die wie geduldete Fremdkörper wirkende Gedächtniskapelle samt Gedenkstätte der aus der Heimat vertriebenen Böhmerwälder.

Etappe 4: Von Bad Leonfelden auf den Scheitelpunkt der Pferde-Eisenbahn in Kerschbaum. ausführliche VersionKurzfassungEin weiterer Tag liegt vor uns, der dem Mühlviertel-Klischee vollauf gerecht wird: ein fast stetiges Auf und Ab, dominiert von Immergrün, eingestreut kleinen Orten, Rotten oder nur alleinstehenden Häusern, dabei ein steter Wechsel von Wiesen, Feldern und Wäldern. Sieht man vom Startort Bad Leonfelden ab, bleiben wir auch heute im sehr dünn besiedelten Bereich des Mühlviertels, auch wenn wir uns dem Einzugsgebiet der „Mühlviertel-Hauptstadt“ Freistadt nähern. Eine Stunde vor Erreichen des Etappenziels werden wir den einzigen Bahnweg von Oberösterreich nach Böhmen queren, und im Zielort Kerschbaum auf die wichtigste Straßenverbindung von Linz nach Budweis und Prag, die in Bau befindliche Mühlviertel-Schnellstraße von Linz über Freistadt zur tschechischen Grenze bei Wullowitz treffen (siehe Verkehrsverbindungen Mühlviertel-Böhmen). Von Bad Leonfelden geht es zunächst über die „Salzstraße“, einen der vielen früheren Salzhandelswege, bis fast an die Grenze. Im grenznahen Rading ist eine im Vergleich zu Oberhaag (Etappe 2) eindrucksvollere Schwedenschanze zu besichtigen. Immer nahe an der Grenze drehen wir nach Osten; nach Böhmdorf schwenken wir in den von Reichenthal ausgehenden Zehn-Mühlen-Weg ein, der uns an Grassl-, Säge- und Süß-Mühle vorbeibringt. Eine halbe Stunde nach der Siedlung Zulissen kommt von Summerau der Pferde-Eisenbahn-Weg herauf, 50 Meter weiter quert dieser die Geleise seiner viel schnelleren Nachfolgerin, der Linz mit Budweis verbindenden Summerauer Bahn. Mit der Kirche von Rainbach im Blickfeld drehen wir nach Norden, folgen dann dem mehr an eine Rätselrallye als an eine Markierung erinnernden Pferde-Eisenbahn-Weg über Stock und Stein, bis wir nahe des Kerschbaumer Sattels aus dem Wald treten. Durch den Ort marschieren wir runter zum Gasthof an der Pferde-Eisenbahn mit dem renovierten Stationsgebäude als Museum und einem kurzen Stück revitalisierter Pferde-Eisenbahn-Geleise. Streckenlänge: 20 km, Gehzeit fünf Stunden, 450 Höhenmeter.

Etappe 5: Von Kerschbaum über das Naturjuwel Maltsch nach Sandl. ausführliche VersionKurzfassungVom Pferde-Eisenbahn-Museum in Kerschbaum geht es heute zunächst parallel zu der am stärksten befahrenen Straße des Mühlviertels (von Wullowitz über Freistadt nach Linz) nordwärts in Richtung Grenze. Doch noch bevor der Bahn-Nostalgieweg westwärts ins Böhmische dreht (an die heutige Summerauer Bahn heran), verlassen wir diesen im Dorf Leopoldschlag und schwenken ostwärts nach Markt Leopoldschlag mit dem Informationszentrum Grünes Band Europas. Dort treffen wir erstmals auf ein absolutes Naturjuwel, den hochdekorierten Grenzfluss Maltsch. Diese bildet über mehr als 20 Kilometer bis hinauf zum Grenzübergang Wullowitz die natürliche Grenze zwischen Österreich und Tschechien. Ihre Feuchtgebiete und die angrenzenden Au- und Uferwälder sind Heimat für viele seltene Tierarten. Zwischen Äckern und Wiesen gelangen wir nach Mardetschlag, steigen am Obelisken für den schon mit 22 Jahren verstorbenen k.k. Hoftheaterdichter Theodor Körner vorbei zur Grenze auf. Bei der in die Jahre gekommenen Lexmühle wechseln wir beim ehemaligen Zettwing (Cetviny) auf die tschechische Seite. Von Zettwing blieb außer Grenzkaserne und Marienkirche nichts erhalten, alles andere wurde nach dem Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht. Nach der Marienkirche schwenken wir ans Ufer der gemäß EU-Vorgaben auch in Tschechien naturbelassenen Maltsch. Einige Kilometer begleiten wir die Maltsch in Tschechien flussaufwärts, bis wir bei Mairspindt auf der aus der Zeit der Regentschaft von Přemysl Ottokar stammenden „Steinernen Brücke“ wieder nach Österreich zurückkehren. Nun steuern wir den Markt Windhaag an. Danach geht es durchgehend auf asphaltierten Güterwegen ins fast 300 m höher liegende Sandl, das wir bei der Talstation des Skigebietes Viehberg erreichen, dem zweithöchsten Berg im mittleren und östlichen Mühlviertel. An dessen Nordostseite entspringt übrigens die Maltsch. Wir sind etwa 5½ Stunden unterwegs – bei einer Streckenlänge von 22 Kilometern und 450 zu überwindenden Höhenmetern.

Etappe 6: Von Sandl über ein mehr nationales Dreiländereck nach Karlstift. ausführliche Version. KurzfassungHeute sind wir in kaum besiedeltem Gebiet unterwegs. Mit Ausnahme des ersten und des letzten Kilometers erwartet uns dafür das bisher schönste Stück der Grenztour – auch wenn die prächtige Kastanienallee hin zu Schloss Rosenhof nur von der parallel verlaufenden Forststraße erlebt werden kann. An deren Ende empfiehlt sich ein Abstecher über den „Rundweg Rosenhofteiche“. Schon im Bereich der früher als Wasservorrat für das Holzschwemmen dienenden Teiche wird klar, dass die Rosenhofer Forstverwaltung den Mischwald zulasten der sonst dominierenden Fichte forciert. Beim wesentlich größeren, an die Weite nordeuropäischer Seenplatten erinnernden Oberen Rosenhofer Teich schwenken wir wieder in den Nordwaldkammweg ein. An die Teiche schließt sich eine traumhafte Wanderung durch intakten Hochwald bis zur Grenze an. Dort stoßen wir beim Dreiländereck „Böhmen/Österreich ob bzw. unter der Enns“ (so die Inschriften auf dem 1661 errichteten Obelisken) auf einen fast verwunschen schönen Platz. So als ob der Eiserne Vorhang in der Erinnerung zur Idylle verklärt werden sollte: der lauschige Grenzbach, die üppig wuchernde Natur, auf tschechischer Seite ein an ein Knusperhäuschen erinnerndes Holzhaus. Da sind die Tafeln mit den Hinweisen, dass die Mitte des schmalen Waldweges die Staatsgrenze bildet, nur noch Versatzstücke. Dann marschieren wir eine gute halbe Stunde nahe oder auf der Grenze an einschichtigen Häuser vorbei, bis wir nach der Rotte Stadlberg auf die Bucherser Gedenkkapelle am Radfahrer-Übergang zwischen Karlstift/Sandl und Vyšší Brod treffen. Zufällige Begegnungen im kleinen Grenzverkehr lassen erahnen, wie schwer es angesichts der Probleme mit der Nachbarn Sprache ist, aus dem Leben nebeneinander ein Miteinander werden zu lassen. Etwas später drehen wir in großem Bogen an der Quelle der Lainsitz vorbei, um knapp vor dem Holzhackerdorf und Etappenziel Karlstift noch den Aichelberg mit der Dreifaltigkeitskapelle zu überwinden (Streckenlänge 13 Kilometer, Gehzeit 3½ Stunden, 250 Höhenmeter).

Etappe 7: Von Karlstift über den Nebelstein nach Weitra. ausführliche Version. KurzfassungHeute steht eine ziemlich lange Etappe über den Nebelstein als Schnittstelle für vier der zehn großen österreichischen Weitwanderwege an. Wir starten im Holzhackerdorf Karlstift, wenden uns dort zur Talstation der Aichelberg-Lifte, um bei einem prächtigen Forsthaus in den Wald einzutauchen. Auf einer Forststraße folgen wir eine Stunde dem – nomen est omen – idyllischen Einsiedelbach. Dann geht es durch Wald, mal kurz auf der Straße, dann steil im Wald bergan, dann wieder gemächlich auf Forststraßen dahin, bis wir Althütten, die Siedlung unterhalb des Nebelsteins, erreichen. Von dort ist es noch eine halbe Stunde bis zur Alpenvereins-Hütte und dem Gipfelkreuz am 1.017 Meter hohen Nebelstein. Nach dem kurzen, steilen Abstieg geht es abwechslungsreich über Wiesen und Felder, dazwischen immer wieder durch Wälder, manchmal auch kurz auf Straßen, vorbei an der farbenprächtige Kapelle Maißen am Sagberg in Richtung Moorbad Harbach. Etwa einen Kilometer vor der Heilbad-Gemeinde und vier Kilometer vor dem Mandlstein, dem quasi inoffiziellen Endpunkt des Nordwaldkammwegs, drehen wir beim Bio-Bauernhof und „Genießer-Gasthof“ Holzmühle rechts in Richtung Wultschau. Das langgezogene Strassendorf durchwandernd, biegen wir etwas später rechts in den Wald, um nach einigen Haken im lockeren Forst an der Lainsitz entlang durch das wunderschöne Gabrielental Weitra, die älteste Braustadt Österreichs mit imposanter Stadtmauer und Burg, anzusteuern. Es sind zwar nur 450 Höhenmeter, aber die 28 – 29 km nehmen uns sieben Stunden in Anspruch. Den fiktiven Ruhetag nutzen wir, um von Weitra aus dem 13 km nordwestlich liegenden Nove Hrady (dem ehemaligen Gratzen) mit dem prächtigen Naturpark Tercino Udoli einen Besuch abzustatten.

Etappe 8: Von Weitra über Dietmanns ins zweigeteilte Gmünd.  ausführliche Version. KurzfassungDie heutige Etappe verbindet die beiden wichtigsten Städte im westlichen Waldviertel. Kaum aus Weitra draußen, beginnt das Wundern. Bei nur geringen Höhenunterschieden queren wir mehrmals die langgezogenen Geleise- Schleifen der nur noch für touristische Zwecke verkehrenden schmalspurigen Waldviertelbahn. Allein der geringen Höhenunterschiede wegen dürften diese Schleifen nicht notwendig gewesen sein. Dann erregen die Weiher (Ulrichs- bzw. Alt-Weitraer Teich) links und rechts der Straße unsere Aufmerksamkeit. Vorbei am einstmals wohl eindrucksvollen, jetzt aber von den Eigentümern, der Herrschaft Fürstenberg, dem Verfall preisgegebenen Meierei Friedrichshof kämpfen wir uns teilweise sehr naturnah durch den Satzungswald nach Dietmanns. Am Ortsende des weitläufigen Straßendorfs drehen wir zunächst im Wald einige Kilometer weg von Gmünd, um dann durch den Asangwald vorbei an einigen Teichen und am Sole-Fels-Bad die Neustadt von Gmünd zu erreichen. Danach geht es neuerlich an einigen Teichen vorbei, bis wir die Schremser Straße erreichen und über diese ins Zentrum, den Stadtplatz, marschieren. Das mit dem Vertrag von Saint Germain geteilte Gmünd (aus den Vororten Unter-Wielands und Böhmzeil wurde České Velenice, die Lainsitz zur Staatsgrenze) erregte zuletzt Aufsehen durch das EU-gefördertes Projekt „Healthacross in Practice“, nimmt doch das Krankenhaus Gmünd seit gut einem Jahr Patienten von jenseits der Grenze auf. Dagegen fehlt es dem grenzüberschreitenden Wirtschaftspark sichtbar an Dynamik und Synergien.
(Streckenlänge 23 km, Gehzeit 5½ Stunden, 150 Höhenmeter).

Etappe 9: Von Gmünd durch den Naturpark Blockheide nach Litschau. ausführliche Version. KurzfassungVon Gmünd geht es heute in die nördlichste Stadt Österreichs nach Litschau – die meiste Zeit werden wir im Wald unterwegs sein. Die Region um Litschau war vom Eisernen Vorhang besonders stark betroffen, war sie doch im Norden und im Westen völlig und im Osten weitgehend von der toten Grenze umgeben. Zudem dominieren nach Süden und Südosten Moore, Seen und Wälder. Dieser Abschnitt der toten Grenze zählte im Übrigen nicht nur zu den einsamsten, sondern auch zu den gefährlicheren Abschnitten des Eisernen Vorhangs, wie dem Buch des Historikers Stefan Karner „Tragödien am Eisernen Vorhang“, zu entnehmen ist. Nun ist die Region auch heute noch kein stark frequentiertes Land, was besonders für den nördlichsten Punkt Österreichs, den kleinen Ort Rottal, gilt. Vom Hauptplatz in Gmünd marschieren wir am Malerwinkel vorbei in den Naturpark Blockheide Gmünd-Eibenstein. Der Naturpark ist eine Art komprimiertes Waldviertel; man findet dort quasi alles, was man sonst über das ganze Waldviertel verstreut suchen müsste. Dominiert wird diese Form einer bäuerlichen Kulturlandschaft von den meist riesigen Granitblöcken mit unterschiedlichsten Formen; etliche der Wackelsteine können ohne große Anstrengung bewegt werden. Nach dem Ende des Parks wandern wir über Ludwigsthal und den Hartlwald nach Steinbach. Dort folgen wir Eisenwurzenweg und Iron Curtain Trail ein Stück nach Norden, um aber bald ein Stück nach Westen zu drehen, zum Glasmuseum Alt-Nagelberg. In diesem Zentrum der Glasmacher im Waldviertel, einem Teil des Glaskunstdorfes Nagelberg-Brand können Interessierte bei ausgewählten Glasbläsern selbst Mund und Hand anlegen (das gilt für die gesamte Glasmacher-Gemeinde Brand-Nagelberg). Ab Brand hat uns für eineinhalb Stunden der Wald wieder. Ab dem kleinen Ort Gopprechts führt der Weg meist über Felder und Wiesen, bis wir mit der Abzweigung in den Höllgraben das Weichbild von Litschau erreichen. Bald sehen wir Schloss und Kirchturm der seit wenigen Jahren als Luftkurort anerkannten Stadt über die Äcker sich erheben. (Streckenlänge: 29 Kilometer, Gehzeit sieben Stunden, 200 Meter Höhenunterschied).

Etappe 10: Von Litschau über Kautzen nach Dobersberg. ausführliche Version. KurzfassungLogistisch gesehen ist auf dieser Etappe Improvisation angesagt, denn einen von Litschau nach Dobersberg führenden Weitwanderweg gibt es nicht einmal in Bruchstücken. Daher habe ich genommen, was sich gerade angeboten hat: Das war mal ein Radweg (wie die Anbindung des Kamp-Thaya-March-Radweges an Böhmen), mal ein regionaler Wanderweg, dann wieder ein Güterweg und gelegentlich musste ich auch zu weniger befahrenen (Auto-)Nebenstraßen Zuflucht nehmen. Ohne Auto geht hier übrigens gar nichts, der öffentliche Verkehr ist fast völlig auf Schüler ausgerichtet – Ältere aber auch Wanderer sind in den meisten Regionen des Wald- und auch des Weinviertels keine Zielgruppen. Erleichtert wurde meine Routenwahl dadurch, dass es auf der Strecke keine „Musts“ gibt. So marschiere ich zuerst durch die für das obere Waldviertel so typische Teich- und Moorlandschaft; es wechseln Wiesen, Wald und Felder mit etlichen größeren Teichen dazwischen (Hochmoore finden sich etwas weiter südlich bei Schrems oder Hoheneich). So stellt sich ein angenehmes Gefühl der Einsamkeit wie auf finnischen oder schwedischen Seenplatten ein.
Nach Schandachen und dem Steinfurter Teich quere ich die Straße von Heidenreichstein nach Nová Bystřice; über Leopoldsdorf und die idyllische Kapelle im Wald zu Parten nähere ich mich der Grenze. Dieser entlang bzw. parallel zu ihr geht es über Reinsberg-Dobersberg und Radschin nach Kautzen, das ab Mitte der 1980er beispielgebend in der Dorferneuerung und später auch in der Nutzung alternativer Energieträger war. Noch in Kautzen drehe ich nach Südosten, nähere mich an einigen Mühlen und einer eindrucksvollen Holzkirche vorbei auf dem nach einem berüchtigten Räuberhauptmann benannten Graselweg dem 1230 zum Markt erhobenen Dobersberg. Im Etappenziel treffe ich auch auf die sich aus dem Süden (Waidhofen) nähernde Thaya. Die Strecke ist 27 Kilometer lang, die Gehzeit beträgt 6½ Stunden, Höhenunterschiede halten sich in engen Grenzen.

Etappe 11: Von Dobersberg über Karlstein nach Raabs an der Thaya. ausführliche Version. KurzfassungDie heutige Etappe zerfällt in zwei annähernd gleich lange Abschnitte; zuerst drehen wir mit der schrittweise und politisch bewusst demontierten Thayatalbahn und der Thaya nach Norden – allerdings nicht ganz so weit, wie es die Thaya macht. Dann wandern wir auf Güterwegen und Nebenstraßen durch verstreute Siedlungen, um vor der Gerhardsmühle in den Wald südwärts nach Karlstein zu schwenken. Im einstigen „Horologenlandl“, dem Zentrum der Uhrmacherkunst Österreichs, werden zwar keine Uhren mehr erzeugt, die Uhrmacher-Fachschule gibt es aber nach wie vor, auch wenn diese nun vorrangig Feinmechaniker und Mechatroniker ausbildet. Diesen Wandel verkörpert auch der größte Arbeitgeber in Karlstein, der bei Schiebedächern den Weltmarkt anführende Autozulieferer Pollmann. Doch ein Pollmann ist zu wenig, um die Wirtschaft des Waldviertels aus der fast schon säkularen Stagnation zu führen. Mit der Burg Karlstein hoch über dem Ort, wechseln wir an das Südufer der Thaya, um zunächst auf schönen Waldwegen, dann in mehreren Schleifen Speisendorf anzusteuern. Auf Nebenstraßen erreichen wir Liebnitz mit der gleichnamigen Mühle und einem riesigen Gesundheitshotel-Komplex; anschließend folgen wir am durchwegs idyllischen, manchmal steilen Ufer der gelegentlich mäandernden Thaya nach Raabs. Dort kommt es unterhalb des Schlosses zum Zusammenfluss „unserer“ Deutschen Thaya mit der bei Weikertschlag die Grenze überschreitenden Mährischen Thaya (Moravska Dije). Die Streckenlänge beträgt etwa 22 Kilometer, als Gehzeit sind fünf Stunden zu veranschlagen, die vielen wenn auch kurzen Gegensteigungen vor Karlstein sowie am Thaya-Ufer ab Liebnitz summieren sich auf gut 400 Höhenmeter.

Etappe 12: Von Raabs an der Thaya über Drosendorf nach Geras. ausführliche VersionKurzfassungZwar bewegten wir uns schon zwischen Dobersberg und Raabs in einem Bereich mit frühen Burgen und Grenzbefestigungen, so richtig massiert ist das aber auf der heutigen Etappe vor allem zwischen Raabs und Drosendorf zu beobachten, wo sich eine richtige Burgenkette, von Raabs über Kollmitz, Eibenstein nach Drosendorf, zieht. Die Wanderung selbst ist äußerst abwechslungsreich, aufgrund der vielen Auf und Ab zwischen Raabs und Eibenstein aber auch relativ anstrengend. Alle in dieser Etappe berührten größeren Gemeinden (Raabs, Drosendorf, Geras) leiden unter der anhaltenden Abwanderung. Von Raabs weg bleiben wir einige Zeit nah der Thaya, drehen dann in einem größeren Bogen bis Kollmitzdörfl, um nach einem Abstecher zum Uhufelsen mit dem Klinger-Mausoleum die Ruine Kollmitz mit Resten der Böhmischen Mauer anzusteuern. Erstmals 1112 erwähnt, zählt die Ruine Kollmitz zu den größten und wichtigsten Ruinen im Osten Österreichs. Danach folgen wir zwei Stunden der Thaya an deren Südufer, auch wenn wir nicht alle ihre Schlingen mitmachen. Nach Haidlmühle und Historikersteig wird es ein kurzes Stück fast alpin, dann überwinden wir in mehrmaligem Auf- und Abstieg die Kirchleiten, bis wir an mehreren idyllisch gelegenen Mühlen vorbei Eibenstein erreichen. Nach mehrmaligem Wechsel über die Thaya drehen wir in Primmersdorf bei Schloss und Schüttkasten in den Kobergraben. Nach Autendorf nähern wir uns im Robesgraben wieder der Thaya und erreichen über einen Steig Drosendorf. Die Kleinstadt ist vor allem für ihre praktisch zur Gänze erhaltende Stadtmauer mit den prächtigen Stadttoren bekannt. Durch das Horner Tor verlassen wir das eigentliche Drosendorf, um deren Altstadt anzusteuern. Von dort geht es auf Güter- und Karrenwegen über Wolfsbach und Kottaun nach Stift Geras. Nach Querung der Bahngeleise der ehemaligen Lokalbahn Retz-Drosendorf empfängt uns Geras mit dem zu einem Wellness-Hotel umfunktionierten Schüttkasten. Unbestrittener Mittelpunkt ist aber das Prämonstratenserstift in der Ortsmitte. Die Streckenlänge beträgt 29 Kilometer, die Gehzeit 7 Stunden, die Höhenmeter summieren sich auf mehr als 500.

Etappe 13: Von Stift Geras über Langau nach Hardegg. ausführliche VersionKurzfassungDie Zusammenfassung der Zusammenfassung könnte lauten, eine schöne Wanderung ohne große Höhenunterschiede und Anstrengungen, die im letzten Teil mit dem Eintauchen in den grenzüberschreitenden Naturpark Thayatal ihren unbestrittenen Höhepunkt findet. Wie gering besiedelt die Region ist (bzw. wie stark die Landflucht war, zum Teil immer noch ist), zeigt sich daran, dass wir von der Kleinstadt Geras mit ihren 440 Einwohnern (ohne Katastralgemeinden) in die kleinste Stadt Österreichs, nämlich Hardegg, mit nur noch 82 dauerhaften Bewohnern (Hauptwohnsitz) wandern. Besonders gefordert ist der Bürgermeister von Hardegg, der frühere Nationalrats-Abgeordnete und jetzige Präsident des Österreichischen Genossenschaftsverbandes, Heribert Donnerbauer, der im Gespräch über das Leben in der fast einwohnerlosen Stadt an Thaya und Grenze mit der großartigen Kulisse von Naturpark, Thaya und Ruine erzählt. Und sich optimistisch zeigt, die Abwanderung nicht nur zu stoppen. Wir beginnen die Etappe vor Stift Geras, drehen nach dem Ortsende auf einen Karrenweg, der uns in einer Stunde mehr durch Flur als durch Wald nach Langau bringt. Von dort geht es in einem großen Bogen an die zum Erholungszentrum umfunktionierten ehemaligen Baggerseen („Bergwerkseen“), bis wir nach einem längeren Stück Wald das praktisch ausschließlich für sein Barockschloss bekannte Riegersburg erreichen. In der Folge bleiben wir auf der wenig befahrenen Straße Richtung Hardegg, kommen durch das langgezogene, für die einzige Perlmuttknopf-Dreherei Österreichs bekannte Straßendorf Felling. Nach dem alten Forsthaus tauchen wir in das verwunschene Paradies des erst im Jahr 2000 begründeten grenzüberschreitenden Naturparks Thayatalein. Die Etappe endet vor der Kulisse der imposanten Burgruine an der legendären Thaya-Grenzbrücke in Hardegg. Die Strecken ist gut 23 Kilometer lang, es sind rund 5½ Stunden Gehzeit einzuplanen, die Höhenunterschiede reduzieren sich auf die Auf- und Abstiege an der Thaya vor Hardegg.

Etappe 14: Von Hardegg nach Retz. ausführliche VersionKurzfassungHeute werden wir knapp vor dem Etappenziel Retz vom Wald- ins Weinviertel wechseln, wiewohl der Wanderer davon kaum etwas mitbekommt. Es war zwar schon in den letzten beiden Etappen zu erkennen, dass die Böden besser für Landwirtschaft geeignet sind als im westlichen Waldviertel, doch mit der „Überschreitung“ der Ausläufer des Manhartsberges kommen wir in jene Region Österreichs, die sowohl Kornkammer als auch Wein- und Gemüsegarten Österreichs sein will (mehr dazu auf der übernächsten Etappe). Doch bis es soweit ist, erleben wir in den ersten zwei bis drei Stunden (je nachdem, ob mit oder ohne Thaya-Umlauf) zwischen der Hardegger Thaya-Brücke und der Mündung des Kajabaches die volle Intensität und Idylle der Uferwelt des Nationalparks Thayatal. Nach einem kurzen Abstecher zur Ruine Kaja werden wir nach einer längeren Passage durch lichter werdenden Wald auch Schloss Karlslust einen kurzen „Blick“-Besuch abstatten. Die Straße von Niederfladnitz nach Znaim querend, bietet sich danach noch ein schauriger Umweg zum 1721 errichteten Retzer Galgen an. In einem lang gezogenen Bogen meist am Waldrand geht es dann nach Hoffern an der Nostalgie-Bahn Retz-Drosendorf, wo wir in den Kamptal-Thaya-March-Radweg einschwenken und die Grenze zum Weinviertel überwinden. Die Annäherung an Retz beginnt mit Soldatenfriedhof und Windrad. Etwas später marschieren wir durch das Znaimer Tor auf das Gesamtkunstwerk des Hauptplatzes Retz – dem Leben auf und unter der Erde. Retz ist nicht nur Erlebniskeller und gewachsene Hauptstadt der „Genussregion Kürbis“, sondern hat auch eine in manchem ähnliche, wiewohl einwohnermäßig sieben Mal größere Schwester, nämlich das 14 km entfernte südmährische Znaim.

Etappe 15: Von Retz durch Pulkautaler Kellergassen nach Hadres. ausführliche VersionKurzfassungBei dieser Etappe kommen auch Krimi-Freunde auf ihre Rechnung – auch wenn es nur um ein mögliches Wiedererkennen von aus „Polt“-Krimis bekannten Orten, Kellergassen und verträumten Landstrichen geht. Doch auch ohne Wissen um die Originalschauplätze des „Entschleunigungs-Krimis“, ist die dort so meisterhaft vermittelte Melancholie des nördlichen Weinviertels immer wieder zu spüren. Wenn sich in der Einsamkeit die Frage stellt, befinde ich mich in einem zum Aussterben – weil zum Abwandern - verdammten Landstrich? Oder in einer gerade deshalb so lebenswerten, ja privilegierten Idylle? Nach dem raschen Wechsel von der Erlebnisstadt Retz in die verträumte Einsamkeit aus Niemandsland, Wiesen und Feldern „erklimme“ ich (der Anstieg misst sich aber eher in Zentimeter) die sogenannten Schafberge. Dort ist gegenseitiges Erschrecken angesagt. Das niedere Gesträuch beidseits des Karrenwegs ist bevorzugtes Domizil der Rebhühner, die sich zum Unterschied von den abgebrühten Rehen auf den Feldern von (seltenen) Wanderern immer wieder aufschrecken lassen. Dann tauchen wir in die Welt der Pulkautaler Weinberge ein. Besonders eindrücklich wird dies auf dem Hutberg-Plateau, wenn links und rechts soweit das Auge reicht, nur Riede zu sehen sind. Was man in den Weinbergen – und nicht nur zur Lese – auch sieht, sind Autos mit tschechischen Kennzeichen. Diese sind nicht nur billige Arbeitskraft, sondern mittlerweile auch Eigentümer mancher Riede. So geräuschlos hier offensichtlich im kleinen Grenzverkehr das Zusammenleben funktioniert, so bleibt das große politische Verhältnis zwischen Wien und Prag belastet. Wir marschieren danach vom Hutberg die Kellertrift hinunter nach Haugsdorf. Auch da zeigt sich, dass die Kellergassen-Idylle nicht (mehr) ganz heil ist, prangt doch auf einigen der Keller das Schild „Zu verkaufen“. Dagegen haben andere – erkennbar an neuen, wenig stimmigen Holztüren – kaufkräftige Zweitwohnsitzer gefunden. So lang sich die Kellertrift auch bis in das Ortszentrum von Haugsdorf runterzieht, so wird sie doch von der Kellergasse in Hadres klar übertroffen. Diese reklamiert mit 1,6 Kilometer die längste zusammenhängende Kellergasse in Österreich zu sein

Etappe 16: Von Hadres nach Laa an der Thaya. ausführliche VersionKurzfassungBei Radrundfahrten würde die heutige Etappe wohl als „Roller-Etappe“ taxiert. Zunächst bleiben wir noch in den kleinen Weinbaugemeinden des Pulkautales, dann erwartet uns die einzige Steigung des Tages, die 50 Höhenmeter zu den Kellergassen des Rabenberges. Ein bisschen Gefühl von Industrie stellt sich wenige Kilometer vor dem Etappenziel ein, wenn wir nach dem nah der Grenze liegenden, in die Jahre gekommenen Karlhof das wie aus der Retorte anmutende Werk der Jungbunzlauer vor uns haben. Die im Eigentum der Familie Kahane stehende Fabrik erzeugt Zitronensäure. Die Freude des Wanderers an der Idylle es so fruchtbaren Landstriches wird dadurch beeinträchtigt, dass es im Weinviertel bald keinen als Wanderweg deklarierten Güter- oder Feldweg mehr gibt, der nicht asphaltiert ist. Unabhängig davon macht diese Etappe den Ruf des Weinviertels als Kornkammer bzw. Gemüse- und Weingarten Österreichs verständlich. Es sind übrigens in österreichischen Dimensionen gedacht meist größere und große Felder; im Vergleich etwa zum östlichen Teil des Waldviertels kann man da fast schon von industrieller Landwirtschaft bzw. zumindest von Ansätzen von Economies of Scale sprechen (ohne dass diese die Grossflächen im Norden Deutschlands auch nur annähernd erreichen). Nach dem Straßendorf Wulzeshofen wartet noch ein eigenartiges, wie ein landwirtschaftliches Kombinat wirkendes Unternehmen auf uns, der Blaustaudenhof. Was von aussen wie ein in die Jahre gekommener Betrieb aussieht, entpuppt sich als ein auf weiten Flächen einer äusserst vielfältigen biologischen Landwirtschaft verpflichteter Bauernhof. Nach dem „Bio-Kombinat“ biegen wir 1km vor der Grenze und knapp vor der Mündung der Pulkau in die Thaya rechts ab und marschieren durch die Wäldchen im Norden von Laa an der Thaya runter in die seit der Inbetriebnahme der Therme sichtlich aufblühende Stadt mit einem ähnlich Retz eindrucksvollen Hauptplatz. Für die 27 Kilometer ohne nennenswerte Anstiege benötigen wir sechs Stunden.

Etappe 17: Von Laa an der Thaya über Falkenstein  nach Schrattenberg. ausführliche VersionKurzfassungVor uns liegt eine lange, aber abwechslungsreiche Tour durch interessante Orte mit historischen Bezügen. Nach Retzer Lagen und Pulkautal kommen wir durch das nächste traditionelle Weinbaugebiet, die Region Falkenstein/Poysdorf/Poysbrunn/Herrnbaumgarten/Schrattenberg. Mit 15.800 Hektar Weingärten ist das Weinviertel das größte Weinbaugebiet Österreichs – das Zusammenwirken von pannonischem Klima und Lössböden bietet die besten Voraussetzungen. Wir starten am Hauptplatz in Laa, verlassen die Thermenstadt nach Südosten. Entlang der für diese Gegend so typischen Gräben erreichen wir über einsame, kerzengerade gezogene Feldwege das Gebiet von Sandbergen mit ausgedehnten Getreidefeldern. Der für den geologischen Aufbau des Weinviertels so charakteristische Staatzer Berg wandert am Horizont mit, während wir über Neudorf die Weinbaugebiete von Falkenstein erreichen. Zwischen Burgruine und Wald steuern wir die nur 400 Menschen zählende Weinbaugemeinde an, verlassen diese durch die stimmige Kellergasse. Statt weiter über den Galgenberg nach Poysdorf zu marschieren, drehen wir über das Plateau der Ackerweingärten nach Poysbrunn, der zweiten Schwester-Gemeinde, bekannt auch für sein spätsommerliches Märchenfest. Von Poysbrunn orientieren wir uns an der den Horizont markierenden, überlasteten Bundesstraße von Wien zum Grenzübergang Drasenhofen. Drasenhofen ist aber auch der Anknüpfungspunkt für eine besonders brutale Spielart der Vertreibung der Sudetendeutschen, nämlich den „Brünner Todesmarsch“, haben doch die Überlebenden bei Drasenhofen die österreichische Grenze erreicht. Vom Hügelkamm geht es runter in die dritte Weinbau-Schwester-Gemeinde, das „verruckte Dorf“ Herrnbaumgarten. Diese ist aaber auch für das „Nonseum“, ein Museum der verrückten Ideen, bekannt. Von Herrnbaumgarten ist es noch eine Stunde meist durch Weinberge ins Etappenziel Schrattenberg. Die Tour erstreckt sich über 30 Kilometer, bei einem Höhenunterschied von 400m sind wir sieben Stunden unterwegs.

Etappe 18: Von Schrattenberg nach Bernhardsthal. ausführliche VersionKurzfassungDiese Etappe erstreckt sich über zwei Tage; man könnte sagen, die erste, die Wanderung von Schrattenberg nach Bernhardsthal, ist quasi die Pflicht, der zweite Teil, der Ausflug zu den Liechtenstein-Schlössern in Valtice und Lednice, im obigem Sinne die Kür. Vom Kirchenplatz in Schrattenberg übersetzen wir den Mühlbach, folgen diesem zunächst durch den Vorort Radschin, dann zwischen Feldern und Weingärten bis zur Hubertuskapelle. Dort wechseln wir für gut zwei Kilometer auf die wenig befahrene Straße in Richtung Bernhardsthal. Dann drehen wir auf einen Karrenweg, der uns nach Katzelsdorf mit den zwei großen Fischteichen bringt. Vorübergehend orientieren wir uns dann nach Süden, nehmen aber nach Querung der Straße von Reintal nach Grosskrut sowie des Hamelbaches wieder Kurs nach Osten. Danach bleiben wir für einige Kilometer auf einem Feldweg auf der Südseite des Hamelsbaches. Nach einem Meierhof mit Pferden streifen wir das Südende von Reintal, bis wir hinter einem großen Sonnenblumenfeld die ersten Förderanlagen der OMV erkennen. Knapp vor den eingezäunten Förderanlagen schwenken wir bei einem Bildstock nach links, um auf kerzengeradem Güterweg Bernhardsthal anzusteuern. In der nordöstlichsten Gemeinde des Landes umrunden wir den großen Landschaftsteich, um auf dessen Hinterseite zum Bahnhof gelangen. Von dort startet der Abstecher nach Breclav (Lundenburg), wo ich den ehemaligen Liechtenstein-Schlössern Valtice (Feldberg) und Lednice (Eisgrub)samt Parkanlagen einen Besuch abstatten will. (Streckenlänge 19 Kilometer, Gehzeit vier Stunden, Höhenunterschied 80 Meter).

Etappe 19: Von Bernhardsthal nach Hohenau. ausführliche VersionKurzfassungAuf dieser und den nächsten drei Etappen begleiten wir die Thaya bzw. nach dem Zusammenfluss die March durch das Europaschutzgebiet March-Thaya-Auen zur Donau. Im Norden des Weinviertels treffen aber auch zwei konträre Interessen aufeinander. Einerseits ist das Weinviertel Kornkammer bzw. Gemüse- und Weingarten Österreichs, andererseits auch die wichtigste österreichische Region der OMV zur Öl- und Gasförderung. Letztere hat mittlerweile Bernhardsthal erreicht, schiebt sich immer näher an die Grenzen zu Tschechien und die Slowakei heran. Zumindest an der Oberfläche bilden die March-Thaya-Auen den Verteidigungswall, sind also das Bollwerk der Natur. Versinnbildlicht wird dies im zwei Meter hohen und drei Meter breiten Damm, der sowohl Schutzschild für Tier- und Pflanzenwelt als auch umgekehrt der Bevölkerung vor Hochwasser ist. Auf dem Weg von Bernhardsthal nach Hohenau sind wir meist auf dem Damm unterwegs. Nach einem Besuch der Hügelgräber aus der Hallstattzeit im Südosten von Bernhardsthal drehen wir direkt zum Damm bzw. zur Thaya. Aufmerksame Wanderer können im Auwald links und teilweise auch rechts des Schutzdammes einige der 49 in der Vogelschutz-Richtlinie mit signifikanter Bedeutung genannten Vogelarten beobachten – von insgesamt 230 Vogelarten in den Auen. Ein signifikanter Punkt der heutigen Tour is der Zusammenfluss von Thaya und March im Nordosten Hohenaus. Die March bildet bis zum Dreiländereck als Morava die natürliche Grenze zwischen Tschechien und der Slowakei. Bevor wir in den Zielort Hohenau gelangen, gilt es noch eine Novität zu bestaunen. Die einspurige Brücke über die March ist im gesamten Grenzverlauf zur Slowakei nördlich der Donau der einzige Auto-Übergang. Die Grenzbrücke wird via Ampel einspurig geführt und ist zudem zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh gesperrt. Die Strecken ist rund 20 Kilometer lang, die Gehzeit beträgt gut 4 ½ Stunden, die Höhenunterschiede sind minimal.

Etappe 20: Von Hohenau über ehemalige Schlachtfelder nach Stillfried. ausführliche VersionKurzfassungEine relativ lange, aber abwechslungsreiche Etappe erwartet uns. Wir verlassen Hohenau zwischen den Silos der Zuckerfabrik und den Vogelschutz-Teichen, halten uns danach zunächst auf dem Dammweg. Aufgrund der Breite des Überschwemmungsgebietes (das hier zwei Kilometer breit ist), eignet sich der Damm bestens zur Vogelbeobachtung. Auch findet sich dort eine Beringungsstation für Vögel. Dann verlassen wir den Dammweg, marschieren in der Folge durch riesige Felder (meist Kürbis) zwischen Damm und Bahn. Nach einem kurzen Ausflug auf die andere Bahnseite kehren wir in der Gemeinde Drösing in unser angestammtes Revier zurück – und auf asphaltierte Güterwege, die uns nach Sierndorf bringen. Dort wechseln wir auf den reich mit Weingärten bestückten, bis Jedenspeigen reichenden Kamm des Goldberges, der zwar nur 40 Meter höher liegt, aber einen prächtigen Ausblick nicht nur auf die March-Auen sondern auch – von der Papstkapelle aus – auf das einstige Schlachtfeld zwischen Jedenspeigen und Dürnkrut ermöglichen. Dort hatte 1278 der Habsburger Rudolf I den Böhmen-König Przemysl Ottokar den II entscheidend geschlagen. Es war nur eine von vielen grossen Schlachten am Schlachtfeld Weinviertel. Dann geht es runter nach Jedenspeigen zu dem am westlichen Ortsende gelegenen, einigermaßen renovierungsbedürftigen Schloss. Dann geht es durch den Ort vorbei an der im neugotischen Stil renovierten Kirche St. Martin wieder auf die March-nähere Bahnseite. Im frugalen Niemandsland und in einiger Distanz zum March-Damm steuern wir den Schlachten-Partnerort Dürnkrut (auf der anderen Bahnseite) an. Zum Unterschied von Jedenspeigen ist das Schloss herausgeputzt, was insofern nicht verwundern kann, als sich doch dort das Gemeindeamt einquartiert hat. Wir wechseln wieder die Bahnseite, wandern die nächsten eineinhalb Stunden fast durchgehend neben den Geleisen in Richtung Süden. Vor allem im ersten Teil drängt die March ganz nahe heran, zeitweise bleibt zwischen Bahn und March nur noch Platz für den Dammweg. Dann aber ist Stillfried erreicht, der älteste Ort des Bezirkes Gänserndorf und logischerweise Sitz des Urgeschichte-Museums. Die Etappe erstreckt sich über gut 25 Kilometer; bei einer Gehzeit 5 ½ Stunden sind 100 Höhenmeter zu überwinden.

Etappe 21: Von Stillfried durch die Auen an der March nach Marchegg. ausführliche VersionKurzfassungWie schon an den zwei vorhergehenden Tagen sind wir auch heute vorwiegend auf dem Dammweg bzw. in oder am Rande der geschützten Natura 2000 March-Thaya-Auen unterwegs. Von Stillfried geht es bald an das March-Ufer, wo wir an einer Kette von Fischerhütten der vor sich hinträumenden March vorbeikommen. Gelegentlich sehen wir zur rechten Seite, über Bahn und Strasse hinweg, die Kuppel der im 17. Jahrhundert von einem der Pest entronnenen Feldherren im 30-jährigen Krieges als Dank errichteten Rochus-Kapelle herüberschauen („Wutzelburg“). Dann erreichen wir Angern an der March, nicht zuletzt dafür bekannt, dass sich die Bevölkerung bereits zum zweiten Mal gegen eine Brücke in die Slowakei (und damit für die Beibehaltung der Angerner „Mini-Fähre“) ausgesprochen hat (siehe Angern und die Brücken über die March). Dann folgt eine längere Passage auf dem Damm nahe bzw. direkt an der March, zunächst mit Äckern zur Rechten, dann links und rechts von Auwald flankiert.
Wenn der Auwald auf unserer rechten Seite wieder Wiesen und Feldern weicht, erblicken wir einige hundert Meter zurückgesetzt den riesigen Komplex der Erdgasaufbereitungsanlage samt des mitteleuropäischen Gas-Hubs Baumgarten. Es dauert einige Zeit, bis wir den Industriekomplex hinter uns lassen; wir marschieren weiter auf dem Damm, auf der linken Seite schieben sich immer öfter Nebenarme der March, Brackwasser aber auch Teiche bis an den Dammweg heran. Damit sind wir schon im Nahbereich des WWF-Reservats March-Auen, dessen Zentrum die Wälder am Nordrand von Marchegg sind. Das äußert sich auch in der Namensgebung der Wege. Für die letzten zwei Kilometer nach Marchegg können wir zwischen Unken-, Storchen- und Biberweg wählen (jeweils mit entsprechenden Tierzeichnungen angekündigt) – wobei eine Verbindung dieser Wege möglich und sinnvoll ist. Am Schlusspunkt der Etappe und der Reservat-Wege steht das aus den Resten einer mittelalterlichen Stadtburg entstandene Barockschloss Marchegg. (Streckenlänge 21 Kilometer, Gehzeit 4 ½ Stunden, 50 Höhenmeter).

Etappe 22: Von Marchegg über Hainburg nach Wolfsthal. ausführliche VersionKurzfassungVom WWF-Reservat March-Auen geht es heute in einem grossen Bogen über die Donaubrücke auf die Südseite der Donau und von dort über Hainburg und die Donau-Auen nach Wolfsthal - immer wieder mit freiem Blick auf die slowakische Hauptstadt Bratislava. Zunächst zieht es uns nochmals in die March-Auen, wo wir mit Blick auf Schloss Hof, einem der fünf in einem Marketing-Verbund vereinten Marchfeld-Schlösser, die Fahrradbrücke der Freiheit ansteuern. Dann folgt ein gut eineinhalb Stunden dauerndes Stück zwischen Feldern und später parallel zur Donau durch den östlichen Teil der Stopfenreuther Au, einem Synonym der österreichischen Umweltbewegung, hat man doch dort in einer energiepolitisch höchst fragwürdigen Aktion im Winter 1984 den Bau der letzten Donau-Staustufe verhindert. Auf einem Dammweg geht es dann bis zur Donaubrücke. Nach Querung der Donau erreichen wir Hainburg, bekannt für eine der besterhaltenen Stadtmauern in ganz Europa. Diese erstreckt sich über 2,5 km, drei Tore und 15 Türme; erhalten ist etwa noch der mächtige Wasserturm als Eckturm der Stadtmauer beim Personenbahnhof. Direkt an der Donau am Steilabhang des Braunsbergs entlang können wir eine gute halbe Stunde später die Mündung der March in die Donau bei der Burgruine Theben beobachten. Die Slowakei hat übrigens in den letzten Monaten einiges unternommen, um brach liegende Donau-Arme wieder an den Strom anzubinden. Zuletzt wurde der fast 50 Jahre nicht angebundene Thebener Donau-Arm geflutet. Wir bleiben zunächst noch in den Donau-Auen, drehen dann aber weg vom Strom über die Felder der Schlossau in Richtung Südwesten und erreichen nahe des Schlosses Walterskirchen an der Strasse von Hainburg nach Bratislava unseren Zielort, das langgezogene Strassendorf Wolfsthal. Die Streckenlänge beträgt gut 28,5 Kilometer, wir sind 6 ½ Stunden unterwegs, müssen kaum Höhenunterschiede überwinden.

Etappe 23: Von Wolfsthal über „Klein-Chicago“ nach Nickelsdorf. ausführliche VersionKurzfassungGemessen an zehn (Roller-) Etappen davor, müsste man heute fast von einer Bergetappe sprechen, steht doch gleich nach dem Start ein Anstieg von fast 200 Meter auf die Königswarte bevor. Aber nach dem Abstieg wird’s in Berg sofort wieder brettleben. Noch bevor wir den angeblich schnellst-wachsenden (und laut Statistik kriminellsten) Ort Österreichs erreichen, stimmt uns ein Rastplatz auf die Genussregion Kittseer Marille ein. Kittsee selbst war bisher eher für sein Barockschloss bekannt, das bis vor einigen Jahren das Ethnographische Museum beherbergte, seit Neuestem wird der Ort mit Chicago in einem Atemzug genannt. Denn im Nordosten des Ortes breitet sich zwischen der 1. und mittlerweile 7. Chikago-Gasse (mit „k“ !!) eine reine Slowaken- Siedlung aus - in sich gekehrt, aber doch keine „Gated Community“. Ein nicht ganz so isolierte Slowaken-Siedlung findet sich auf der Nordwest-Seite des Ortes. Auch wenn ein wesentlicher Teil der rund 105.000 Grenzgänger in Österreich zwischen Kittsee und Nickelsdorf ins Land kommen, ist ein grosser Teil der Kittseer Slowaken zum Arbeiten aber in die andere Richtung unterwegs. Nach so viel Slowakei in Österreich marschieren wir direkt an der (aus Bratislava kommenden Bahn) nach Pama mit seiner starken kroatischen Minderheit. Dort drehen wir in Richtung Osten, erreichen Deutsch-Jahrndorf, von wo es noch eine gute halbe Stunden bis zum östlichsten Punkt Österreichs ist. Um diesen von Äckern umgebenen Punkt im Niemandsland wurde zuletzt ein Skulpturengarten angelegt. Nur: Wer verirrt sich hierher? Aus der Einöde gehen wir einige hundert Meter zurück, steuern dann über etliche Kilometer so unbesiedeltes wie ebenes Grenzland Nickelsdorf an. Die einzige Abwechslung bieten Brücken: zuerst queren wir den Leitha-Kanal, dann den Komitatskanal, schliesslich die hier schmalbrüstige Leitha selbst. Hinter der Leitha-Brücke erkennen wir den aufgrund der ungarischen Grenzzäune wieder völlig menschenleeren Bahnhof in Nickelsdorf (Für die 33 Kilometer mit den 200 Höhenmetern sind gut sieben Stunden einzuplanen).

Etappe 24: Von Nickelsdorf nach Frauenkirchen. ausführliche VersionKurzfassungNun waren wir in den letzten Tagen (mit Ausnahme der Königswarte) fast ausschliesslich in den „tiefen Regionen Österreichs“ unterwegs, doch heute geht es nochmals einige Meter – und zwar auf 120 Meter Seehöhe – bergab. Die geringste in Österreich gemessene Seehöhe beträgt übrigens 116 Meter – gemessen westlich von Apetlon bzw. bei Pamhagen. Von Nickelsdorf aus geht es am Areal des Nova-Rock-Festivals vorbei zum Kleylehof. Teile des seit etlichen Jahren nicht mehr bewirtschafteten Hofs wurden Mitte der 1990-er Jahre von einem Bildhauer aus Andau gepachtet, der dort Musikfestivals veranstaltete, eine Sommerbühne betrieb und die Alternativkultur förderte. Vom Kleylehof wandern wir auf einer extrem breiten Schotterstrasse durch einen Wald von Windrädern in eine der burgenländischen Festungen der Hochkultur, das von einem der grossen Barock-Baumeister, nämlich Lukas von Hildebrandt, entworfene Schloss Halbturn mit seinen über den ganzen Schlosspark verstreuten Skulpturen. Auf der Südseite des Schlosses und damit am Nordende des Dorfangers können wir die von einem anderen grossen österreichischen Barock-Baumeister, nämlich Fischer von Erlach, erbaute Josephskirche bewundern. Damit ist der Reigen der grossen Barockbauten im nördlichen Burgenland noch nicht beendet, ist doch unser Etappenziel Frauenkirchen mit der barocken Wallfahrtskirche, der Basilika zu Mariä Geburt samt Franziskanerkloster. Die Wallfahrtskirche wurde während der beiden Türkenbelagerungen zweimal zerstört, Anfang des 18. Jahrhunderts als Stiftung von Paul Esterhazy neu aufgebaut. Doch treffen wir auf unserer Tour entlang der Grenze im Nord- und Mittelburgenland immer wieder auf Besitzungen des Hauses Esterhazy. Die Etappe erstreckt sich ohne nennenswerte Höhenunterschiede über 21 Kilometer, für die 4 ½ Stunden einzuplanen sind.

Etappe 25: Von Frauenkirchen nach Illmitz und mit der Fähre nach Mörbisch. ausführliche VersionKurzfassungHeute geht es ins Herz des Naturparks Neusiedler See-Seewinkel, in die Welt der mehr als 40 kleineren und grösseren Seen mit ihrer vielfältigen Vogelwelt. Allerdings befallen einen etwa an spätsommerlichen Wochenenden Zweifel an der Vereinbarkeit von Massen- (Rad-)-Tourismus selbst in den Naturpark-Kernzonen (wie die Bewahrungszonen um die Lange Lacke) und dem Schutz der so vielfältigen Fauna und Flora. Auch wenn – wie ein zweiter Besuch zeigt – im frühen Oktober der spätsommerliche Rummel nur noch als böser Spuk in Erinnerung bleibt. Wir starten in Frauenkirchen, orientieren uns zunächst an der relativ neuen, im Niemandsland südlich von Frauenkirchen errichteten St. Martins Therme. An der Bahn entlang erreichen wir St. Andrä, von wo es nicht mehr weit zum Zicksee ist. Dessen Schlamm wird wegen des Natrongehaltes bei Rheuma- und Hautkrankheiten empfohlen – allerdings zählt der Zicksee, was Wasserqualität und Hygiene anlangen, zu den auch von der EU kritisierten Nachzüglern unter Österreichs Badeseen. Zwischen Heide und Ufer erreichen wir die Reihersiedlung, drehen dann hin zum Vogelparadies „Lange Lacke“. Über Apetlon mit dem tiefsten gemessenen Punkt Österreichs (113,5 Meter) steuern wir Illmitz an, die tiefst gelegene Gemeinde Österreichs und flächengrösste des Burgenlands. Wer vom Ortszentrum den Hafen mit den Fähren ansteuert, dem bieten sich auf den folgenden vier Kilometern interessante Abstecher. Herausgegriffen seien die Gehege der weissen Esel, die Koppel mit den Warmblutpferden und die Bewahrungszone Sandeck mit Aussichtsturm zur Linken, die Biologische Station zur Rechten oder das Seevogel-Musum schon nahe bei den Fähren. Auch wenn ab Mitte Oktober keine Fähren mehr nach Mörbisch fahren, denkt niemand im Lande mehr an die Pläne Anfang der 1970-er Jahre, als der damalige Landeshauptmann Theodor Kery mit einer Brücke von Illmitz nach Mörbisch das Burgenland in die Moderne führen wollte. Zum Unterschied von Illmitz birgt Mörbisch im Zentrum (vom Fährhafen gut zwei Kilometer durch die „Schilf-Allee“ ) zwischen der Hauptstrasse und der parallel dazu verlaufenden Hauerstrasse prächtige, enge Hofgassen mit diversen Verzierungen und auch viel Grün.

Etappe 26: Von Mörbisch entlang des ungarischen Seeufers nach Deutschkreutz. ausführliche VersionKurzfassungStart und Ziel sind in Österreich, doch den Großteil der heutigen Etappe sind wir in Ungarn unterwegs. Von der Ortsmitte in Mörbisch ist es nicht viel mehr als eine Viertelstunde bis zum Grenzübergang beim Mithräum, einem Reliefstein aus der Römerzeit Pannoniens, der zeigt, wie Mithras den Stier tötet. Einen Kilometer abseits unseres Weges nach Fertörakos, dem früheren Kroisbach, lädt das Denkmal zum mittlerweile historischen Paneuropäischen Picknick zu einem Abstecher ein. Fertörakos war einer jener fünf Gemeinden, die bei der Volksabstimmung 1921 mit klarer Mehrheit für ein Verbleiben bei Österreich gestimmt hatte, aber durch das umstrittene Pro-Ungarn-Votum in Ödenburg/Sopron auch zu Ungarn kam. e ist u. a. für sein renoviertes, heuer im Juni wieder eröffnetes Felsentheater bekannt (Wagner-Liszt-Festival) – diese liegt nahe unserer Hauptstraße. Nach Verlassen des Ortes warten knapp zehn ziemlich eintönige Kilometer auf uns. Zur Linken Weingärten und dahinter der Neusiedler See, zur Rechten Weingärten – dazwischen eine schmale, in erbärmlichem Zustand befindliche Straße. Ein großer Teil der Weingärten gehört übrigens den Esterhazy-Stiftungen. Nach der Enteignung von Grund- und Waldbesitz sowie ein gutes Dutzend Schlösser in Ungarn im Jahr 1947 ist Esterhazy mittlerweile wieder in Ungarn tätig; das neue Engagement von Esterhazy in Ungarn ist ein gutes Beispiel dafür, dass grenzüberschreitende Projekte nur Sinn machen, wenn beide Seiten daran auch wirklich interessiert sind. Ein Gegenbeispiel ist die mit viel Pomp vom Wiener Rathaus aus der Taufe gehobene zentraleuropäische Initiative Centrope, die seit drei Jahren wie ein von der Politik weggelegtes Spielzeug vor sich hin stirbt. Über Balf (früher Wolf) und die bischöfliche Residenz steuern wir den Grenzort Kophaza an, von wo es nicht mehr weit ist ins Zentrum von Blaufränkischland, ins österreichische Etappenziel Deutschkreutz. Ohne Abstecher sind wir 23 Kilometer unterwegs, für die bei 100 Höhenmetern knapp fünf Stunden nötig sind.

Etappe 27: Von Deutschkreutz über Lutzmannsburg nach Klostermarienberg. ausführliche VersionKurzfassungSchon in der gestrigen Etappe 26 habe ich auf die Initiative Blaufränkischland hingewiesen, zu der sich – mit Deutschkreutz als Zentrum – ein gutes halbes Dutzend Gemeinden im Mittelburgenland zusammengetan hat. Wie groß die bewirtschafteten Weingärten sind, davon bekommt man einen Eindruck, wenn man Deutschkreutz in Richtung Süden verlässt. Es sind wohl zwei bis drei Kilometer jeweils in Länge und Breite, in denen man fast nur Weingärten sieht (genaueres ließe sich sagen, könnte man eines der auch in den Rieden unvermeidlichen Windräder erklimmen). Nach den Weingärten wartet auf den Wanderer eines der 13 Naturwald-Reservate des Burgenlandes, der zwei Kilometer breite Streifen des von Eichen und Hainbuchen dominierten Kreutzerwaldes der Esterhazy-Forstbetriebe. Mit Naturwald-Reservaten soll die natürliche Dynamik des Waldes wieder hergestellt werden, weshalb der Wald weitgehend sich selbst überlassen bleibt – samt „liegendem und stehendem Totholz“. Vorbei an der gut 1000 Jahre alten Frauenbrunnen-Quelle, einem Naturdenkmal, steuern wir Nikitsch mit einem besonders hohen Anteil von Burgenland-Kroaten an. Über Kroatisch-Minihof geht es danach nach Lutzmannsburg, bekannt für seine Sonnentherme, die als einzige der österreichischen Thermen ausdrücklich auch Kinder bewirbt. Lutzmannsburg verfügt auch über einen besonders schönen Dorfanger, drapiert mit alten Weinpressen und Brunnen. Auf der anderen Seite der Grünflächen findet sich der Pranger. In der zu Lutzmannsburg gehörenden Gemeinde Strebersdorf verabschiede ich mich von der Straße (Wanderwege sind in dieser Region eine Ausnahme), schlage mich auf unmarkierten Feldwegen ganz gut entlang der Rabnitz bis Klostermarienberg mit dem bekannten Zisterzienserstift durch. Die Etappe erstreckt sich über knapp 28 Kilometer, für die bei nur geringen Höhenunterschieden gut sechs Stunden zu veranschlagen sind.

Etappe 28: Von Klostermarienberg über Köszeg und den Gschriebenstein nach Rechnitz. ausführliche VersionKurzfassungDie heutige Etappe wird sowohl von der Länge als auch von den Höhenunterschieden her etwas anstrengender, sind doch 28 Kilometer zurückzulegen und 700 Höhenmeter zu bewältigen. Dafür aber wartet als Höhepunkt des 6 ½ Stunden- Marsches ein wahres Kleinod von Kleinstadt auf den Wanderer, das vom Zweiten Weltkrieg – nicht jedoch von vier Jahrzehnten hinter dem Eisernen Vorhang - verschont gebliebene Köszeg (das ehemalige Güns). Wer vom Mittelburgenland auf Köszeg zumarschiert, kann dies unter für Wanderer akzeptablen Bedingungen erst seit wenigen Jahren machen – blieb doch bis dahin bloß der Straßenübergang bei Rattersdorf. Nun aber bietet sich ab Klostermarienberg der Euro 13, der Iron Curtain Trail, als Ausweg an. Durch prächtigen herbstlichen Wald gelangen wir zunächst ins ungarische Olmod (Bleigraben), von wo wir auf einer Nebenstraße Köszeg ansteuern. So wenige Straßen vom Mittelburgenland nach Köszeg führen, so viele sind es, auf der man von der Peripherie ins Zentrum der 12.000-Einwohner-Stadt gelangt. Dort wartet als wahrer Augenschmaus die Innenstadt mit ihrem mittelalterlichen Kern, dem Heldentor mit Heldenturm, dem farbenprächtigen Rathaus und den vielen Kirchen; nicht zu vergessen im Nordwesten der Stadt die Jurisics Burg. Von der Innenstadt folgen wir dem rot-weißen Signet des Weitwanderweges Alpannonia auf meist gemächlich steigenden Wegen durch die dichten Wälder des Naturparks Geschriebenstein-Irottkö. Fixpunkte am Weg zur Grenze am Geschriebenstein sind die Reste der alten Burg (Ohaz), die Steirerhäuser und die Hörmann-Quelle . Durch den Grenzturm auf dem Geschriebenstein mit der Aussichtswarte verläuft. Vom höchsten Berg des Burgenlandes (884 Meter) drehen wir durch den – nomen est omen – Finstergraben und später durch das weit freundlichere Faludital in Richtung Rechnitz. Vorbei an den kaum noch vorhandenen Resten des „Öden Schlosses“ (einer Art Pendant zur Ohaz-Burg) erreichen wir zunächst den zum Badesee umfunktionierten Faludi-Stausee und dann das Etappenziel Rechnitz.