Alpenländische Sprachverwirrung

von Lucia Marjanovic / 07.05.2015

Wenn Sie die Neue Zürcher Zeitung im Original lesen, werden Sie einige Unterschiede zu unserer Version feststellen: Fotos sind plötzlich weiblich, Sie müssen selbst entscheiden, ob die Bank Fahrzeuge oder eine Geldstrafe bezahlen muss, und Plastik wird mit c geschrieben.

Ein Blick in Schweizer Kochbücher offenbart eine neue Welt; nicht nur kulinarisch, auch sprachlich. Da wird mit Gschwellti, Rüebli, Cornichons, Gipfeli und GuetzliGluschtiges für jede Gelegenheit“ produziert.

Aber da unser Koch kein Schweizer ist, haben wir im kulinarischen Bereich nur die üblichen österreichischen Sprachprobleme.

Unsere Sprachschwierigkeiten beziehen sich eher auf andere Themen, zum Beispiel auf Banken. Denn Schweizer Banken vergeben keine Kredite, sondern sie sprechen sie. Und zwar nicht innerhalb, sondern innert einer bestimmten Zeit. Ein Übername ist keine falsch geschriebene Übernahme, sondern ein SpitznameFranzösisch: surnom. Und jemand trägt ein Ticket nicht bei sich, sondern auf sichDas kommt wahrscheinlich ebenfalls aus dem Französischen.. Wenn jemand abgeschoben wird, wird er ausgeschafft.

Aber bis anhinbis jetzt war es noch halbwegs verständlich, oder?

In der Schweiz gibt es keine Straßen

Wenn Sie auf einige der NZZ-Links geklickt haben, ist Ihnen sicher aufgefallen, dass ein bestimmter Buchstabe dort nicht vorkommt.

In der Schweiz, und nur in der Schweiz (na gut, in Liechtenstein auch), ist das richtig geschrieben.

Manche Leute scheinen ja noch immer zu glauben, dass mit der neuen Rechtschreibung das scharfe S generell abgeschafft worden ist. (Bastian Sick hat dieses Phänomen treffend als S-Störung bezeichnet.) Das ist aber nicht der Fall. Es kommt nur seltener vor.

Grundsätzlich gilt im deutschen Sprachraum außerhalb der Schweiz und Liechtensteins: Wenn der Vokal vor dem S-Laut kurz gesprochen wird, folgt ss: Wasser, Tasse, Hass etc. Wird der Vokal lang gesprochen, schreibt man ein ß: Straße, grüßen, Maß etc.

Genauere Regeln findet man im Duden und weitere interessante Fakten auf Wikipedia.

Da der deutsche Sprachraum aber ziemlich groß ist, gibt es Wörter, die man nicht in jeder Region gleich ausspricht. Darum sind manchmal zwei Schreibweisen zulässig: etwa bei Spaß (interessanterweise wird die Schreibweise „Spass“ als österreichisch bezeichnet) oder bei der Mass Bier.

Die Schweizer verzichten im Allgemeinen auf diese Unterscheidung und können sich aussuchen, ob sie etwas in Maßen oder in Massen konsumieren.

International ausgerichtete Schweizer Verlage orientieren sich in der Rechtschreibung am restlichen deutschsprachigen Raum. Der Diogenes Verlag verwendete lange Zeit sogar mehr scharfe S als nötig, weil er erst vor wenigen Jahren auf die neue Rechtschreibung umgestellt hat.

Warum das nicht der Computer automatisch ausbessern kann

Computer, die in allen Fällen zuverlässig unterscheiden können, ob wir Maße oder Masse, Buße oder Busse meinen, gehören, ebenso wie der Universalübersetzer, noch ins Reich der Science-Fiction.

Weitere Probleme: Einen Strauß schreiben wir immer mit scharfem ß, außer wir meinen Richard. Und warum man „Aussprache“ und „aussenden“ mit Doppel-S schreibt, obwohl „außen“ ein scharfes S hat, ist Computern ebenfalls schwer zu erklären.

Die Foto von dem Heidi

Nicht nur die Rechtschreibung und der Wortschatz sind anders, auch die schweizerische Grammatik klingt für uns manchmal ungewohnt.

Zum Beispiel ist ein Foto in der Schweiz (zumindest in der NZZ) weiblich und zwar nicht, weil das Lektorat geschlafen hätte. Allerdings scheint die NZZ nicht immer konsequent zu sein: das beste Pressefoto des Jahres.

Dafür ist „ein Viertel“ männlich: Tornos schrumpft um einen Viertel

Und die berühmteste Schweizerin, Heidi, ist nicht weiblichDas Heidi und die Geißen hüpften und sprangen fröhlich neben ihm her. Aus: Heidis Lehr- und Wanderjahre, 1. Kapitel, zumindest nicht grammatikalisch: „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat.“

Wenn wir schon bei Heidi sind: Der Grund, warum der Geißenpeter nicht ordentlich lesen lernt und auch Heidi ihre Schwierigkeiten hat„Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer.“ – „Das wäre! Und woher weißt du denn diese Neuigkeit?“ – „Der Peter hat es mir gesagt und er weiß es schon, der muss immer wieder probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer.“ (aus dem Kapitel: Eine Großmama), wird wohl der große Unterschied zwischen geschriebener und gesprochener Sprache sein (siehe unten).

Aber dass je nach Region unterschiedliche Artikel verwendet werden, ist ja nicht neu. Schließlich kann man auch der/das Keks, der/die/das Joghurt, der/das E-Mail, der/das Radio etc. sagen. Und auch der gute Goethe hatte eigene Vorstellungen:

„Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben“ (Faust, Vers 1.053) („Der Gift“ gibt es übrigens, aber laut Duden heißt das was anderes.)

Staaten haben ebenfalls manchmal einen anderen Artikel, nämlich gar keinen. Die Huthi und Iran – eine jemenitische Geschichte

Auch in anderen Fällen verzichten unsere Schweizer Kollegen auf Artikel, wo es uns niemals einfallen würde: „Seit Anfang Jahr gilt in der Schweiz ein neues Erwachsenenschutzrecht.“

Aber, wie schon Mark Twain feststellte, ist die Verteilung der Artikel sowieso völlig willkürlich und in keiner Weise nachzuvollziehen.

In German, a young lady has no sex, while a turnip has. Think what overwrought reverence that shows for the turnip, and what callous disrespect for the girl.


Gretchen: “Wilhelm, where is the turnipRübe?”
Wilhelm: “She has gone to the kitchen.”
Gretchen: “Where is the accomplished and beautiful English maiden?”
Wilhelm: “It has gone to the opera.” (Mark Twain: The Awful German Language)

Korrekte Todsünden

„Wegen dem“ und „dank dem“ sind laut Wörterbuch zwar umgangssprachlich korrekte Formulierungen, werden aber bei uns in Deutschaufsätzen noch immer als Todsünde behandelt. In der Schweiz vermutlich nicht, denn in der NZZ sind diese Formulierungen gängig.

Schweizerdeutsch mit Victor

Um die Neue Zürcher Zeitung zu verstehen, müssen Sie nicht Schweizerdeutsch sprechen. Falls Sie es dennoch lernen wollen: Dafür gibt es Unterrichtsmaterialien.