Als Sumsi aus der Schule flog

von Elisabeth Gamperl / 18.12.2014

Ich bin ein niederösterreichisches Provinzkind. Damit wurde mir Raiffeisen quasi in die Wiege gelegt. Als Volksschülerin stapfte ich mit 20 anderen Knirpsen in Zweierreihe einmal jährlich am Weltspartag quer durch das Dorf zur örtlichen Filiale. In der einen Hand rasselte die Sparbüchse, die mir meine Mutter in der Früh noch mit Schilling-Münzen beschwert hatte, in der anderen hielt ich mein Sumsi-Sparbuch. Wir entleerten in der Bank unsere Dosen und durften dann zwischen Kalendern, Bällen, irgendwelchem „Made in China“-Plastik-Krimskrams und dem Sumsi-Biene-Stofftier entscheiden. Es war immer ein aufregender Tag für uns, schließlich mussten wir da nicht in der Schule sitzen und mit unserer betagten Volksschullehrerin Rechenaufgaben lösen. Jedes meiner vier Geschwister hat einmal so eine Stoff-Biene nach Hause gebracht.

Auch in der Hauptschule bekamen wir noch Führungen durch die Bankfiliale, wo der nette Herr im Anzug vor unseren mit Hautunreinheiten übersäten Gesichtern die Vorteile des Bausparens erklärte. Verstanden habe ich nichts, meiner Mutter redete ich trotzdem einen Vertrag ein.

Ich wurde unter dem Giebelkreuz sozialisiert und damit war und bin ich nicht alleine. Auch heute werden Schüler von Banken umworben.
Neben der Anbringung von Plakaten im Gebäude war mit den Schulen bis vor kurzem ein umfassender Marketingauftritt im Wert von 2.000 Euro pro Jahr ausgemacht. Inkludiert waren auch Gespräche mit der Klasse im Umfang von bis zu zehn Unterrichtsstunden. Zehn Stunden. Zehn Stunden, die eigentlich für Bildung, nicht für Markenbindung, vorgesehen wären.

Dem Verein für Konsumenteninformation (VKI) ging das rege Treiben jetzt doch ein wenig zu weit. Durch einen Unterlassungsvergleich muss die Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien jetzt ihre Werbepraktiken ändern.

Diese bezieht sich konkret auf folgende Fälle: Die Bank darf „Schüler der Unterstufe der Mittelschule nicht mehr im direkten Gespräch in Schulstunden oder durch Verteilung von Werbematerial an die Schüler in den Schulen“ auffordern „bei Raiffeisenbanken ein Konto, insbesondere ein Taschengeldkonto, zu eröffnen.“ Bankmitarbeiter dürfen den zehn- bis 14-jährigen Schülern auch nicht mehr nur dann ein Geschenk versprechen, wenn sie der Bank ihre persönlichen Daten für Marketingzwecke zur Verfügung stellen beziehungsweise ihre Freunde dazu veranlassen.
VKI-Juristin Ulrike Docekal nennt die bisherige Praxis eine klar aggressive Geschäftspraktik, die „in dieser Form europaweit einzigartig sein dürfte.“

Es ist ein ungleicher Kampf, der nicht nur von der Raiffeisen geführt wird. Auch andere Banken und Unternehmen verfolgen eine ähnliche Geschäftspraxis. Kinder werden von Marketingmaschinen regelrecht umkreist. Vor der Supermarktkassa, im Fernsehen, in der Schule. Besonders im Klassenzimmer stecken sich die Buben und Mädchen gegenseitig mit Konsumhysterie an. Das Schulunterrichtsgesetz kann Kinder nicht vor Manipulationsstrategien von Unternehmen schützen. Laut Gesetz entscheiden Direktoren darüber, welche Werbemaßnahmen sie zulassen und welche nicht. Und Eltern sind manchmal zu überfordert, manchmal zu müde oder einfach nur zu blind, um ihre Kinder zu schützen.
Mein Sumsi-Konto wurde dann übrigens zu einem Studentenkonto und ist mittlerweile ein Girokonto mit teurem Überziehungsrahmen. Irgendwie bin ich zu bequem, um das Konto zu wechseln. Voilà, die Raiffeisen-Strategie ist aufgegangen.