An die Entführer: Lassen Sie unseren Bundeskanzler frei!

von Michael Fleischhacker / 07.03.2015

Länger als eine Woche lässt sich das im Zeitalter der Echtzeitkommunikation leider nicht geheim halten, auch wenn es im Sinne der öffentlichen Sicherheit besser wäre: Der österreichische Bundeskanzler ist entführt worden und wird an einem geheimen Ort festgehalten.

Dass es sich bei den Entführern um Profis handelt, erkennt man schon daran, dass sie ihrer Geisel zwei Freigänge erlaubten – unter der Auflage, bei diesen öffentlichen Auftritten nichts zu sagen, was darauf hindeuten würde, dass es sich um den Regierungschef eines europäischen Landes handelt.

Werner Faymann hat sich, als erfahrenes Entführungsopfer, für jene beiden Auftritte entschieden, bei denen das Risiko, sich als Bundeskanzler zu erkennen zu geben, am geringsten ist: Das Ministerratsfoyer und die sozialpornografische Spitzensendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, das Polit-Big-Brother-Format „Bürgerforum“.

Die Entführer dürften zufrieden gewesen sein: Nichts von dem, was Herr Faymann in dieser Woche öffentlich geäußert hat, ließ Rückschlüsse auf seine eigentliche Funktion zu.

Der Zeitpunkt der Entführung war, das muss man den Gangstern zugestehen, klug gewählt: Nachdem am Wochenende die Entscheidung zur Abwicklung der Hypo-Alpe-Adria-Nachfolgerin Heta gefallen war, hätte ein energisch agierender Bundeskanzler die öffentliche Debatte rund um die Verantwortung des Landes Kärnten und der übrigen Operettenfürstentümer recht deutlich zugunsten der Linie des Finanzministers entscheiden können.

Auch die Frage, ob die sogenannte „Verländerung der Lehrer“ eine sinnvolle Maßnahme im Rahmen der sogenannten „Bildungsreform“ sein kann, wäre bei klarer Stellungnahme eines mit Grundkenntnissen ausgestatteten Regierungschefs möglicherweise nicht nur versandet, sondern beendet worden.

Gleiches gilt für die Veröffentlichung des Evaluierungsberichts der „Neuen Mittelschule“: Wäre ein Bundeskanzler zur Verfügung gestanden, wäre der Bildungsministerin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gestattet worden, das vernichtende Ergebnis der Studie(sehr lesenswert übrigens) als Achtungserfolg darzustellen, der nur deshalb nicht größer ausgefallen sei, weil man nur 233 Millionen Euro in den Austausch der Türschilder investiert hat.

Wie gesagt, sehr geehrte Entführer: Wir müssen anerkennen, dass Sie den Zeitpunkt Ihrer Tat mit Bedacht gewählt und die Aktion handwerklich perfekt durchgeführt haben. Aber jetzt hätten wir gern wieder einen Bundeskanzler.