An die Wilden auf ihrer Maschin’. Ein Appell

von Klaus Woltron / 24.04.2015
Rütli
Rütli

... i hob’ zwoar ka Ahnung, wo i hinfoahr’, aber dafür bin i g’schwinder durt! ...

 Der Halbwilde – Helmut Qualtinger

Marlon Brando auf seiner Maschin’

Der Kern der Sache sei gleich vorangestellt: Angesichts, z.B., der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer und anderer Fürchterlichkeiten sowie der stets darauffolgenden hilflosen Aktionismen scheint mir, die Mittel haben die Zwecke überwältigt.

Die grundlegenden Ziele, die das Menschendasein bestimmen, sind von den sie bezweckenden, meist untauglichen, Mitteln überwachsen und ausgelaugt.

Helmut Qualtinger behält in viel größeren Zusammenhängen vollkommen Recht, mit seinem unsterblichen Sager. Wie aber kam das? Und wohin könnte es führen?

 Die Ersetzung der Zwecke durch die Mittel

Am Anfang war der Kampf ums Fressen, Fortpflanzen, Wärmen und Fliehen vor dem Feind. Seit sich die Menschheit – besser, ein eher kleiner, aber mächtiger Teil der Menschheit – von den vitalen Zwängen des Lebenskampfes emanzipiert hat, konnte man sich in zunehmendem Maße ausschmückenden, verzierenden, analysierenden, zeitvertreibenden, musizierenden, religiösen – insgesamt kulturbildenden – Tätigkeiten widmen. Je reicher an Muße eine Gesellschaft wurde, desto intensiver widmete man sich diesen Tätigkeiten – oft auf der Basis abstruser Ideologien und seltsamer Vorstellungen von Gott, Himmel und Hölle.

Dann kam die Zeit des Abbaus der Macht von Herrschern, deren Übernahme durch Parlamentarismus und Volksherrschaft. Die Kunst, das Volk listig und möglichst unbemerkt für die eigenen Ziele zu motivieren, wurde für die Machthungrigen: Plutokraten, Chefideologen, selbsternannte Heilsbringer und Weltbeherrscher, Neoliberale, Neokommunisten, Diktatoren – für alle Spielarten jener, welche früher direkt und offen herrschten – zur wichtigsten Eigenschaft.

Ob es sich darum handelt, die mühsam in Wahlen errungene Herrschaft zu verteidigen, egoistische Motive im ewigen Verteilungskampf durchzusetzen, die Deutungshoheit in moralischen, ethischen und politischen Fragen zu erringen: Die Art und Weise, wie die Inhalte – der „Content“ – verpackt, transportiert und parfümiert wird, ist zunehmend wichtiger und wirkungsvoller geworden als der Inhalt selbst. Diese Tendenz hat eine ganze Reihe – auch technologischer – Ursachen und brachte überdies eigene Berufsbilder hervor, wie z.B. den berühmt-berüchtigten Spindoktor.

Auch die Wirtschaft wird zunehmend von der Auseinandersetzung zwischen Mitteln und Zwecken erfasst. War die Notwendigkeit, erfinderisch zu sein, Innovation zu betreiben, vom Überlebenskampf charakterisiert, wird Letztere immer mehr zum Selbstzweck, um der ökonomischen Maschine neue, großteils unnütze, Produkte zu verschaffen.

Die seltsame Wut der Handyhersteller, jedes Jahr ein neues, sündteures Modell auf den Markt zu bringen, welches genau die gleichen hysterisch aufgemascherlten Nachrichten wie das alte transportiert – nur vermittels ein paar anders gestylter Knöpfe und Pixel – ist dafür charakteristisch.

Kurzum: „Die Mittel heiligen die Zwecke“ heißt die neue Devise. Dies ist ebenso amoralisch wie die umgekehrte Sentenz des „Fürsten“ – und genauso mächtig und wirksam.

Beispiele

Zahllose Konferenzen mit bedeutungsvollen Abschlussstatements werden abgehalten – ohne jegliche faktische Konsequenz. Die Social Media quellen täglich über vor Meldungen von Politikern, wo sie gerade seien, mit wem sie gesprochen, was sie gefordert hätten – nie aber mit der Bekanntgabe eines faktischen Ergebnisses.

Tränenblind stehen EU-Fürsten und Staatenlenker samt Entourage vor den TV-Kameras und beklagen die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Welt – z.B. angesichts tausender Ertrunkener im Mittelmeer. Sie tun das schon seit 25 Jahren, hauptsächlich deswegen, um ihre gefühlvolle Seele vorzuweisen und das Volk zu beeindrucken. Aktiv werden sie faktisch nicht – das ist viel zu gefährlich, denn irgendjemandem muss man dabei gewaltig auf die Zehen steigen.

Es ist viel attraktiver, sich als Anwalt der Witwen und Waisen und Rächer der Enterbten zu gerieren und erleichtert die Bühne wieder zu verlassen – ohne mehr getan zu haben, als sich selbst zu beweihräuchern.

EU-Kommission
EU-Kommission
Die Wilden von der EU

Viele Journalisten folgen dieser Tendenz insofern, als man die Wichtigkeit ihrer Nachrichten nicht mehr a priori erkennen kann: Selbst die schrumpfende Oberweite einer alternden Hollywoodschönheit wird mit einer katastrophenschwangeren Headline angekündigt. Es ist ja auch wirklich schwierig, hunderttausende Seiten und Sendestunden/Tag mit Nachrichten zu füllen. Daher ist die Kunst des Storytellings besonders wichtig geworden – nicht wegen des Inhalts der Nachrichten, sondern bezogen auf ihren Aufmerksamkeitswert.

Storytelling

Einen makabren Einblick in die amerikanische Politpraxis gibt, beispielsweise, die TV-Serie „House of Cards“. Dazu gehört auch die Kunst des Geschichtenerzählens, wie Kevin Spacey, der den üblen Herrn Underwood dort gibt, unter Storytelling durchaus glaubhaft erläutert.

Eine charakteristische Passage lautet z.B.:

Don’t create content for content’s sake, and don’t let your content exist in a vacuum. You need to work for your audience in order for them to work for you – this means creativity, distribution, measurement, and iteration. In today’s content ecosystem, you can no longer throw up a blog post and walk away.

Eine marxistische und eine erkenntnistheoretische Parallele

Viel kritisiert, sagte Karl Marx, dass ab einem gewissen Stadium eines Systems Quantität in Qualität übergehen kann. Mit etwas Fantasie kann man das am Beispiel des Sandkorns und der Düne – aber auch an jenem des Individuums und der Masse – verfolgen.

Sandkorn und Düne

Daraus könnte man tatsächlich den Schluss ziehen, dass ab einer gewissen Wiederholungshäufigkeit die smarte Verpackung einen wertvollen Inhalt im Auge des Betrachters förmlich „erzeugen“ könne. Die Probe aufs Exempel geht sodann aber fast immer übel aus.

Die Evolutionsbiologen wiederum haben festgestellt, dass sich im Laufe der Evolution die Form eines Organs seiner Funktion anpasst: Sowohl die Flügel des Pinguins als auch die Füße der Robbe und die Extremitäten eines Hais haben sich zu einander sehr ähnlichen Flossen entwickelt. Nie aber geschieht dies umgekehrt: Funktion entwickelt sich nicht aus der Form, und ebenso wenig veredelt eine gute Verpackung ihren Inhalt: Ausgepackt und ausprobiert erst zeigt sich, wozu er taugt – oder auch nicht.

Wasser formt Flossen

Mit heulendem Motor am Stand

All diese Erscheinungen erzeugen einen krankhaft hohen Adrenalinspiegel, der heftig nach Abreaktion drängt. Diese findet insofern statt, als das Aggressionspotenzial in der Politik, zwischen Staaten und politischen Parteien kontinuierlich ansteigt und die Art und Weise, miteinander umzugehen, immer ungeduldiger, ruppiger und brutaler wird.

Währenddessen wird an den Ursachen der immer drängender werdenden Probleme nicht effizient gearbeitet – es kommt mehr auf das weithin vernehmbare Keuchen und angestrengte Stöhnen an als auf des Ergebnis der Anstrengung. So türmt sich der Berg des Unerledigten, Aufgeschobenen immer höher, die Zahl der Anklagen, Untersuchungsausschüsse, unerwarteten Zusammenbrüche und gegenseitiger Giftigkeiten wird immer größer.

Das ist, so scheint mir, das beklagenswerte Ergebnis der Kunst des Window Dressing, der substanzlosen Selbstdarstellung, der Verpackung wertloser Inhalte und der Hervorbringung von Innovationen, die kein Mensch braucht.

Was werden uns die Wilden auf ihrer Maschin’, deren publikumswirksames Dahinbrausen zum Selbstzweck geworden ist, noch alles vorsetzen?

Der Wilde seligen Angedenkens tankte seine Maschin’ auf, servierte und reinigte sie liebevoll und fuhr mit Sturzhelm. Unsere Freunde in Brüssel fahren mit fremdem Sprit, mit einem Fahrzeug, das für die Strecke, die man jeweils befährt, völlig ungeeignet und unvorbereitet ist und an dem eine Reihe von Pfuschern unentwegt herumschraubt – auch während der Fahrt, unterwegs. Von vier Zylindern arbeiten nur zwei, der Auspuff ist löchrig – dadurch der Höllenlärm.

Die wichtigsten Aufgaben, die Verantwortungsträger zu erledigen hätten, schieben sie vor sich her. Anstatt an die (nicht sehr publikumswirksamen) Lösungen für die Flüchtlingskrise heranzugehen, flüchten sie in Aktionismus. Die fatalen Folgen der diversen – ebenfalls z.T. aus Publicity-Gründen provozierten „Frühlinge“ werden negiert, neue in Angriff genommen – s. Ukraine. Das grandios gescheiterte Euro-Experiment samt den anhaltenden Nachbeben in den südlichen Staaten wird als sündteurer und unheilschwangerer Zombie am Leben erhalten – koste es, was es wolle. Political Correctness – sei sie auch noch so idiotisch in ihren Folgen, wie weiland die Inquisition – verabreicht man, bestens verpackt, als Convenience-Food, wohl standardisiert in fast allen Medien.

Zum Abschluss, und ohne jeglichen Kommentar, ein Ratschlag SunTsu’s, den er vor 2.500 Jahren seinen Schülern gab. Umgelegt auf die „Strategien“ unserer aktuellen Anführer mag er ein Indiz dafür sein, warum China heute (wieder) der stärkste Staat der Welt zu werden verspricht.

Führerschaft ist eine Sache der Intelligenz, der Weisheit, der Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit, der Menschlichkeit, des Mutes und der Strenge. Disziplin bedeutet Organisation, die Gliederung der Armee in die richtigen Untereinheiten, die angemessene Rangordnung, die Kontrolle der Logistik und der militärischen Ausgaben. Diese Faktoren müssen jedem General vertraut sein. Wer sie kennt, wird siegreich sein; wer sie nicht kennt, wird scheitern. Wenn du also die militärischen Chancen erfolgreich bestimmen willst, dann wäge mit folgenden Fragen ab: Welche politische Führung handelt im Einklang mit dem Gesetz der Moral? Welcher General führt seine Leute besser? Welche Armee ist die zahlenmäßig überlegene? Auf welcher Seite sind Offiziere und Mannschaften besser ausgebildet? Bei wem liegen die Vorteile, die Himmel (Sphäre) und Gelände bieten? Auf welcher Seite herrscht die größere Disziplin? Mithilfe dieser Fragen kannst du Sieg oder Niederlage vorhersagen. Analysiere die Vorteile, die du aus meinen Ratschlägen ziehst, bündele deine Kräfte und stelle taktische Überlegungen an. Achte immer darauf, deine Kräfte so einzusetzen, dass es dir zum Vorteil gereicht.

Sun Tzu; chinesischer Feldherr, 544 - 496 v. Chr.