Außer Kontrolle – über die Attentate von Paris und die Täter-Opfer-Umkehr

von Barbara Kaufmann / 23.01.2015

Am Bahnhof in Kairo liegt eine Frau auf ihren Knien. Mit Stricken gefesselt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, auf dem Rücken die Hände mit Schnüren gebunden, die Füße, nackt, schmutzig, auch zusammengebunden (…), der Kopf war zurückgebogen, sodass die Frau in die Höhe schauen musste (…)

Franza, Protagonistin von Ingeborg Bachmanns unvollendetem Roman Der Fall Franza, beobachtet das Szenario entsetzt. Zuletzt erst nahm Franza den großen Mann wahr, der die Haare der Frau zusammengezwirbelt nicht zu einem Zopf, sondern zu einem schwarzen, festen Strick gedreht hielt.

Franza ruft um Hilfe, spricht die umstehenden Leute panisch an. Der Mann ist wahnsinnig! So tut doch etwas! Doch sie erhält nur eine lapidare Antwort. Nicht er ist verrückt. Sie ist die Wahnsinnige. Die verrückte Frau, die zu ihrem eigenen Schutz gequält werden muss und gefesselt. Das Opfer wird zur Täterin gemacht.

Die Täter-Opfer-Umkehr ist so alt wie die Gewalt unter Menschen. Victim blaming als Ideologie sucht die Schuld für Gewalttaten beim Opfer. Die amerikanischen Psychologen William Ryan („Blaming the Victim“) und Melvin Lerner („The Belief in a Just World“) haben dieses Verhalten in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ausführlich erforscht. Sie kommen beide zu dem Schluss, dass häufig zwei Motive hinter Selbstverschuldungsvorwürfen stecken: Man möchte den Glauben bewahren, in einer gerechten Welt zu leben. Man will also sagen können: Jeder bekommt, was er verdient. Ein Glaubenssatz, den Lerner in vielen verbreiteten Redensarten wiederentdeckt. What goes around comes around. Und als zweites Motiv der Wunsch, sein eigenes Schicksal kontrollieren zu können. Man will sich angesichts der Opfer von Gräueltaten sagen können: Mir wäre das nicht passiert.

Dieser Vorwurf steckt auch implizit in so manchem Kommentar, der sich in der vergangenen Woche mit den Morden von Paris und den toten Kolleginnen und Kollegen der Satirezeitung Charlie Hebdo auseinandergesetzt hat. Hätten sich die Karikaturisten nicht ein wenig zurücknehmen können? Etwas mehr Rücksicht üben? An die religiösen Gefühle anderer denken? War es denn wirklich notwendig, so einen radikalen Kurs zu fahren? Wäre die Schuld an den Anschlägen demnach nicht auch bei den Provokateuren zu suchen?

Jene Stimmen, die den Ermordeten die Schuld am eigenen Tod geben, üben sich nicht nur im Victim Blaming. Sie missverstehen auch das System der terroristischen Kommunikation. Sie gehen davon aus, dass dieses auf Verhandeln, Interaktion und Konsens ausgerichtet ist.

Wir haben es schon hundertmal erklärt, dass es bei jeder Tat, welche die modernen Revolutionäre begehen, nicht auf diese selbst, sondern auf den propagandistischen Effekt, welcher damit erzielt werden kann, ankommt. Daher predigen wir ja nicht bloß die Tat an sich, sondern eben die Propaganda der Tat.

Der Anarchist Johann Most schreibt diese Zeilen im Jahr 1885. Sie haben bis heute Gültigkeit. Das demonstrieren die Propagandavideos des IS auf der populären Plattform YouTube ebenso wie die Analyse terroristischer Kommunikation am Beispiel der RAF wie der Journalist Andreas Elter in seinem 2008 erschienen Buch Die Propaganda der Tat – Die RAF und die Medien darlegt. Darin berichtet er von einer ambivalenten Beziehung zwischen Terroristen und Medien. Einerseits verachten sie die Presse, auf der anderen Seite wenden sie nicht wenig Energie dafür auf, Massenmedien zu manipulieren und instrumentalisieren. So bezeichnet die RAF Terroristin Gudrun Ensslin in einem Brief an ihre Schwester Christiane aus dem Gefängnis die Bild-Zeitung als ein 4- bis 8-millionenfaches tägliches unbestraftes Verbrechen am Menschen und die übrige Presselandschaft prinzipiell als Journalisten-Dreck. Auch im Konzept Stadtguerilla der RAF, das laut Historikern hauptsächlich von Ulrike Meinhof verfasst wurde, heißt es: Dass fast alles, was die Zeitungen über uns schreiben – und wie sie es schreiben, alles gelogen ist, ist klar. Meinhof hatte selbst Jahrzehnte als Journalistin gearbeitet.

So richtete sich einer der ersten Anschläge der RAF auch gegen das Axel-Springer-Verlagshaus in Hamburg. 36 Menschen wurden teils schwer verletzt. Auch damals suchten einige Kommentatoren der liberalen Publizistik die Mitschuld am Anschlag bei den Journalisten der Springer-Presse. Auch damals begingen sie den verhängnisvollen Irrtum, man könne sich mit den Terroristen arrangieren. Mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren. Quid pro quo als Prinzip funktioniert nicht in einem undemokratischen, totalitären System, das auf Vernichtung ausgerichtet ist und dabei auch vor Mitgliedern der Terrororganisation nicht zurückschreckt. So verlaufen die Grenzen zwischen Freund und Feind auch innerhalb der Terrorgruppe fließend, werden oftmals von Tat zu Tat neu bestimmt. Die Exekution von ehemaligen IS-Kämpfern, die angeblich vom Glauben abgefallen sind, gehörte in den vergangenen Jahren laut Terror-Experten zu den wirksamsten Propagandamitteln innerhalb der Gruppe. Wer Härte demonstriert, steigt hierarchisch auf. Die Avantgarde schafft sich selbst, sagt Che Guervara. Wer die knallhärtesten Taten bringt, der gibt die Richtung an, erklärt Michael Bommi Baumann, Mitbegründer der terroristischen Untergrundorganisation Bewegung 2. Juni, das Ordnungssystem innerhalb einer terroristischen Gruppe.

Schon Hannah Arendt schreibt über den Terror, dass er nicht aufhören kann zu töten und erst seinen Gipfel erreicht hat, wenn dem Henker von gestern Morgen die Rolle des Opfers zugeteilt wird. Der Vorwurf der Selbstverschuldung des eigenen Todes an die ermordeten Zeichner und Journalisten von Charlie Hebdo ist daher nicht nur unhaltbar, er ist auch gefährlich. IS-Terroristen haben James Foley hingerichtet. Er war Journalist. Sie haben Steven Sotloff ermordet. Er war Journalist. Die Kouachi-Brüder haben zwölf Menschen erschossen, neun davon, weil sie Journalisten waren. Journalisten gehören zum Herrschaftssystem und das herrschende System muss vernichtet werden.

Es entspricht einem kindlichen Glaubenssatz, dass bei Gehorsam keine Strafe erfolgt. Ein mörderisches System mordet jedoch immer. Es braucht dafür keinen logischen Grund. Es ist nicht davon abzuhalten, indem ein paar Karikaturisten harmlosere Zeichnungen veröffentlichen. Die Täter-Opfer-Umkehr, die in diesem Fall von einigen Kommentatoren herbeigeschrieben wird, ist jedoch laut dem Psychologen Melvin Lerner verständlich. Je ähnlicher uns das Opfer einer Gewalttat ist, desto eher wird ein defensives Kontrollbedürfnis in uns geweckt, das unsere Suche nach Unterschieden anregt. „Ich hätte so eine Zeichnung niemals veröffentlicht.“ Oder: „Ich würde mehr Rücksicht auf religiöse Gefühle nehmen.“ Solche Konjunktive suggerieren uns, umsichtiger als die Opfer zu handeln. Und durch diese Distanzierung von den Toten erlangen wir für einen kurzen Augenblick subjektive Sicherheit. Dass es diese im Angesicht des Terrors nicht gibt, damit müssen wir uns auseinandersetzen. Anstatt die Opfer von Paris abzuwerten.