Beleidigt, bedroht, geklagt: Wikipedia-Autoren im Fokus.

von Thomas Planinger / 24.02.2015

Wer Gegenstand eines Wikipedia-Artikels wird, sprich, über wen ein Wikipedia-Artikel angelegt wird, darf sich durchaus freuen: Er oder Sie hat damit die recht strengen Relevanzkriterien der deutschsprachigen Wikipedia erfüllt und gilt nach den Maßstäben des Internet-Projekts als „enzyklopädisch relevant“. Aber nicht immer sind alle Personen, über die es einen Artikel gibt, auch damit einverstanden. Manche Menschen wünschen sich schlichtweg keinerlei öffentliches Interesse für ihre Person, anderen sind ihre Tätigkeiten unangenehm, wieder andere würden gerne dunkle Flecken in ihrer Biographie ausgeblendet sehen. Mit all diesen Wünschen werden die Autoren der Wikipedia-Artikel selbstverständlich regelmäßig konfrontiert. Meistens erfolgt dies in Form einer Anfrage per Mail oder auf der betreffenden Diskussionsseite des Artikels. Das wäre die Wunschvorstellung der Wikipedia-Autoren, wie Personen sich in ihre „eigenen“ Artikel einbringen sollten. Über die tatsächliche Annahme von dort vorgebrachten Wünschen würden dann letztlich wieder die Autoren im Kollektiv entscheiden und somit den Artikel gemäß den Grundsätzen der Wikipedia adaptieren.

Gefährliche Änderungswünsche

Nicht immer funktioniert das aber so reibungslos und anständig. Immer öfter werden Wikipedia-Autoren gezielt aufgrund ihrer Artikel zum Ziel anwaltlicher Abmahnungen, Drohungen und Beschimpfungen. Ein französischer Wikipedia-Administrator der englischsprachigen Wikipedia wurde sogar vom Inlandsgeheimdienst DCRI mit Untersuchungshaft bedroht, um diesen dazu zu bringen, den Artikel über eine angeblich geheime militärische Funkstation zu löschen (Der Artikel über die „Militärische Funkstation Pierre-sur-Haute“ wurde wiederhergestellt und existiert mittlerweile in 34 Sprachversionen der Wikipedia, darunter auch auf Deutsch).

Wesentlich häufiger als dieser Extremfall bekommen es die Autoren der Wikipedia aber mit Rechtsanwälten zu tun, die die Interessen ihrer (meist prominenten) Mandanten im Hinblick auf deren Persönlichkeitsrechte wahren möchten. Im Jahr 2008 erreichte so der deutsche Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Lutz Heilmann, dass die (deutsche) Website www.wikipedia.de auf gerichtliche Anordnung hin nicht mehr auf die deutschsprachige Wikipedia weiterleiten durfte. Zuvor hatte Heilmann beklagt, dass seine Vergangenheit als Stasi-Mitarbeiter in der DDR in der Wikipedia öffentlich behandelt worden war. Die Anordnung wurde letztlich zwar von Heilmann selbst zurückgenommen, der berühmte „Streisand-Effekt“ (Phänomen, dass der Versuch, unliebsame Informationen zu unterdrücken eine breite Öffentlichkeit für genau diese Information verursacht), der auch bei der militärischen Funkstation zum Tragen kam, setzte allerdings auch hier massiv ein.

Auch in Österreich wird gedroht und geklagt

Weniger beachtet gab es auch in Österreich bereits einige Vorfälle, in denen (teilweise mit Erfolg) der Förderverein Wikimedia Österreich oder einzelne Wikipedianer anwaltlich aufgefordert wurden, bestimmte Informationen über Personen aus der Wikipedia zu entfernen. Eine bekannte Fernsehmoderatorin setzte so beispielsweise durch, dass Informationen über ihre Beziehungsstreitigkeiten aus dem Artikel über sie gelöscht wurden. Ein weiterer Fall mit Österreich-Bezug, der sogar vor dem Landesgericht Graz als Mediengericht verhandelt wurde, betraf einen ehemaligen Strafgefangenen, der Insasse der Justizanstalt Graz-Karlau war. Dieser forderte vor Gericht letztlich vergeblich, dass sein Name aus einer „Liste prominenter Häftlinge“ im Artikel der Justizanstalt gelöscht würde. Nachdem seine grundsätzliche Argumentation, nämlich, dass durch die Erwähnung seines Namens seine Resozialisierungschancen geschmälert würden, auch von den bearbeitenden Wikipedia-Autoren geteilt wurde, wurde die komplette Liste letztlich dennoch entfernt.

Persönlichkeitsrechte und Recht auf Information

Freilich ist die Abwägung zwischen Persönlichkeitsrechten der dargestellten Personen und dem berechtigten Interesse der Öffentlichkeit auf Informationen eine schwierige Frage. Dieser Frage haben sich regelmäßig wohl auch Journalistinnen und Journalisten zu stellen, weshalb sich die Wikipedia oft an den Leitlinien des Qualitätsjournalismus orientiert. Nicht jedes Lebensdetail muss unbedingt erwähnt werden, zeitüberdauernde Relevanz ist jedenfalls Voraussetzung für eine Aufnahme in den Artikel. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Eine alkoholbedingte Abnahme des Führerscheins wäre den meisten Boulevardmedien bei einem Prominenten wohl zumindest eine Randzeile wert. Von zeitüberdauernder Relevanz dürfte eine solche temporäre Führerscheinabnahme allerdings meistens nicht sein, weshalb der Vorfall wohl kaum Einzug finden dürfte in die Wikipedia-Biographie. Anders ist die Sache allerdings bei einem ehemaligen Verkehrsminister, der ausgerechnet ein solches Delikt begeht. Hier lässt sich über die zeitüberdauernde Relevanz dieser Verfehlung trefflich streiten. Und das tun die Autoren auch immer noch bei diesem nicht ganz fiktiven Beispiel. Allerdings intern, ohne Einmischung des Ex-Politikers oder seines Rechtsvertreters. Es geht also auch ganz ohne Beleidigungen, Drohungen und Klagen. Letztlich sind die Wikipedia-Autoren auch nur Menschen, mit denen man vernünftig reden und sachlich argumentieren kann.