Beobachtungen eines Geisterfahrers

von Klaus Woltron / 15.06.2015

Dass Autofahrer aus Versehen die falsche Auffahrt nehmen und so zum Geisterfahrer werden, ist eher die Ausnahme. In der Regel sind Fahrer in so einem Fall orientierungslos, entweder weil sie gestresst sind, oder weil sie unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder Medikamenten stehen. Auch schlechte Sicht kann eine Rolle spielen – oder es stecken Selbstmordabsichten dahinter. Übrigens tritt das Phänomen „Geisterfahrer“ in Österreich überdurchschnittlich häufig auf.

Alle diese Überlegungen treffen auch auf die geistige und weltanschauliche Verfassung vieler Mitmenschen zu. Noch nie, soweit mir erinnerlich, war die Diskrepanz zwischen dem, was Politiker, die allermeisten Journalisten und sogenannte öffentliche Meinungsbildner für „angesagt, normal, verpflichtend, den Standard“ halten, und der tatsächlichen Erfahrung, Auffassung und Befindlichkeit sehr vieler Menschen größer als heutzutage. Immer mehr Menschen identifizieren sich nicht mehr mit den offiziell verhängten Verhaltensregeln und beginnen, sich ihnen in den Weg zu stellen.

Warum fahren immer mehr Menschen gegen die „vorgeschriebene“ Fahrtrichtung?

Der Hauptgrund besteht wohl darin, dass sie aufgrund schlechter Sicht, verwirrender, einander widersprechender Signale und Regeln konfus, kopflos, unkonzentriert und orientierungslos auf die „falsche“ Spur auffahren. Sie sind dabei beileibe nicht mehr allein und fühlen sich dadurch in ihrem Tun bestätigt. Eine besonders starke Motivation besteht darin, dass viele die Straßenverkehrsordnung und ihre Hüter – im übertragenen Sinne – nicht mehr anerkennen und justament dagegen per Falschfahren opponieren – eine Demonstration der Insubordination aus Gründen tiefen Missbehagens. Das sind die Geisterfahrer aus Wagemut und Tollerei. Die Extremisten unter ihnen sind wegen der bestehenden Zustände im Verkehrsgewühl ihres eigenen Umfelds so verzweifelt, dass sie sich ideologisch auf eine extreme Fahrspur drängen lassen und so den moralischen und existenziellen Selbstmord riskieren.

Die Eskalation

Angesichts einer Welt, deren Fugen in rasender Geschwindigkeit krachend immer breiter werden, angesichts der offenkundigen Hilflosigkeit des Westens, seine sogenannten „westlichen Werte“ an seinen Grenzen, geschweige denn weltweit, mehr als verbal verteidigen zu können, und angesichts eines Führungspersonals, das immer mehr seine Glaubwürdigkeit verliert, muss man mit einer starken Zunahme des Gegenverkehrs auf allen Highway-Spuren rechnen. Was aber dann?

Österreich – die winzige Welt, in der die große ihre Probe hält

In unserem Lande brechen Dämme, die man in vielen Jahrzehnten als Leitschienen der politischen Autobahn aufgebaut hat. Der Burgenland-Coup eines revoltierenden sozialistischen Landeshäuptlings, die Übergabe der Landeshauptmannschaft aus seltsamen Gründen in der Steiermark, die Fahnenflucht langjähriger Antifa-Kämpen in eine SPÖ-FPÖ-Koalition, der wundersame Wechsel eines einst den geheiligten Boden Moskaus küssenden Bundeskanzlers zum Klassenfeind, die Blindflug- und Ho-Ruck-Aktionen im Zusammenhang mit der Asylfrage, der Hühnerhof-Stil bei jeder noch so lächerlichen fälligen Entscheidung, die Ausaperung gewaltigen Unterschleifs auf vielen Ebenen und die immer stärker sichtbare rasante ökonomische Abwärtsfahrt samt der nur durchsichtig verschleierten, eskalierenden Nervosität hat viele Österreicher aufgerüttelt. Letztere gemahnt eindringlich an proportionale Geschehnisse in der EU und in Washington. Dort hat man mit viel gewaltigeren Drachen zu kämpfen – man führt den Kampf aber unter den gleichen zerrissenen Fahnen wie bei uns zu Hause.

Schocktherapie

Die Erfahrung zeigt, dass versteinerte Systeme von innen her nicht reformiert werden können. Es wird daher – ich rede von unserem kleinen, sehr angreifbaren und unbedeutenden Land – noch viel größere, tiefergreifende Schocks brauchen, um die Treibsätze der Talfahrt: Denken in Machterhalts-Kategorien, negative Personalselektion, Außerachtlassen ökonomischer Grundprinzipien, Verrottung der minimalen Kategorien politischen Anstands, Vogel-Strauß-Verhalten gegenüber langfristig aufgestauten zu bewältigenden schweren Aufgaben, Stimmenkauf per Inseratenschaltung, Verrottung lebenswichtiger Systeme des Staates, bedenken- und konsequenzloses Lügen usw. – zu stoppen und einen tatsächlichen Neubeginn zu starten.

Der Schmerz wird groß sein – aber auch der Motivationsschub für all jene, die bis dahin zur Geisterfahrer-Existenz verdammt sind. Hoffentlich bleibt’s bei Blechschäden. Ich habe so meine Bedenken: aus gemachter Erfahrung.