Bitmovin: Ein österreichisches Start-up profitiert vom internationalen Video-Hype in der Medienbranche

von Elisabeth Oberndorfer / 12.06.2015

Das moralische Dilemma: Großer Investor, schneller Exit oder langsames, nachhaltiges Wachstum. Vor dieser Entscheidung steht „Pied Piper“, ein fiktives Start-up in der zum Weinen authentischen HBO-Serie „Silicon Valley“. Mit einer Datenkompression, die für verzögerungsfreies Streaming von Videos sorgt, ziehen die Gründer das Kapital an der Westküste an. „Das Pied Piper für“ verwenden Tech-Journalisten seit der TV-Show als Erklärung für komplexe Übertragungstechnologien.

Szenenwechsel: In einem New Yorker Coffeeshop, wo Schauspieler sich Tipps für das nächste Casting geben und Künstler sich von lokalen Zeitschriften interviewen lassen, sitzt Stefan Lederer, CEO des Start-ups Bitmovin. Sein Unternehmen hat eine Technologie für verzögerungsfreies Streaming von Videos entwickelt. Das österreichische „Pied Piper“? „Ja, so könnte man uns auch beschreiben“, lacht Lederer, gerade vom Flughafen angekommen und für eine Konferenz in der Stadt. Das Leben imitiert Kunst, nur komplexer. Denn hinter Bitmovin steht mehr als schnelles Video-Streaming.

Von der Universität zum Unternehmen

Entstanden ist die Idee an der Universität Klagenfurt, wo der Geschäftführer mit seinen Mitgründern Christopher Müller und Christian Timmerer den Standard des Videoformats MPEG-DASH mitentwickelten. Durch Gespräche mit Unternehmen und deren Probleme bei der Videoübertragung fiel schließlich 2012 die Entscheidung, aus dem universitären Projekt ein Geschäft zu machen.

Die Gründer Christopher Müller, Christian Timmerer und Stefan Lederer haben die Idee zu Bitmovin an der Universität Klagenfurt entwickelt. (Bild: Bitmovin)

„Wir haben gesehen, dass unser Zeug Potenzial hat und viel besser läuft als die Technologie von Microsoft und Apple“, gibt sich Lederer unbescheiden. Die cloud-basierte Transkodierung, die er mit seinem Team entwickelt hat, sei bis zu 100 Prozent schneller als die der Mitbewerber. „Nachrichtenredaktionen können auf diese Weise neue Videos so zeitnah wie möglich online stellen“, nennt der Mitgründer einen Vorteil seines Services. Der CEO will Bitmovin langfristig als Full-Service-Technologieanbieter im Video-Bereich positionieren. Neben der Kodierungsplattform „Bitcodin“ hat das Unternehmen mit „Bitdash“ einen Player entwickelt, der Bewegtbild in höchstmöglicher Qualität überträgt.

Video-Hype um Facebook, Netflix und YouTube

Lederer hat eine gute Zeit für seine Geschäftsidee erwischt. Während Facebook seit vergangenem Jahr Videos stärker pusht und damit YouTube angreifen will, ist Netflix auf internationalem Expansionskurs. Das Musikstreaming-Portal Spotify plant Gerüchten zufolge ein Bewegtbild-Angebot und sogar die nerdige Diskussionsplattform Reddit baut neuerdings ihre eigene Videoproduktion auf. Auch die Investoren haben den Trend erkannt. Vergangenes Jahr holte sich Bitmovin seine erste Finanzierung im siebenstelligen Bereich. Neben Fördertöpfen kam das Geld vom Risikopitalfonds SpeedInvest und der Constantia Industries AG.

Die Partner von SpeedInvest sind es auch, die Lederer und sein Team bei der Internationalisierung unterstützen. Sie klopfen für das Start-up im Silicon Valley an die Türen der Tech-Konzerne, die Interesse an der Streaming-Lösung haben könnten. In Österreich zählt Flimmit, die vom ORF aufgekaufte Online-Videothek, zu den größten Kunden. Der Kärntner Technologieanbieter beliefert das Portal mit seiner Transkodierung und dem Player. Für KroneHit hat Bitmovin den 24-Stunden-Livestream der Musikplattform Kronehit.tv umgesetzt. Zu den internationalen Kunden zählen Logitech und das indonesische „Orange TV“.

Bei der Branchenkonferenz „Streaming Media East“ in New York sprach CEO Stefan Lederer über das Video-Streaming der Zukunft. (Bild: Streaming Media)

ORF an Bitmovin-Übernahme interessiert

In der Video-Szene gilt das österreichische Start-up als heimlicher Held, lässt Lederer in seinen Erzählungen durchblicken. Er glaubt daran, dass seine Übertragungstechnologie in den nächsten Jahren bei allen großen Plattformen im Einsatz sein wird und will sich gar nicht auf den österreichischen Markt beschränken. Dabei hat ORF-Finanzdirektor Richard Grasl kürzlich im Wirtschaftsmagazin „trend“ Interesse an einer Übernahme von Bitmovin bekundet. Der Gründer fühlt sich geschmeichelt, dementiert jedoch, dass es Übernahmegespräche gibt. Mit der aktuellen Finanzierung sei das Wachstum für die nächsten Jahre gesichert. Von 17 Mitarbeitern in Klagenfurt und einem im Silicon Valley will Bitmovin in den kommenden Monaten auf 25 wachsen.

Dennoch stellt Lederer die nächste Finanzierungsrunde in Aussicht: „Wir haben schon lose Gespräche, aber nichts, was spruchreif wäre.“ Im nächsten Jahr will der Geschäftsführer sich aktiv auf die Suche nach weiteren Investoren oder strategischen Partnern machen. Spätestens dann wird Lederer vor dem gleichen moralischen Dilemma wie „Pied Piper“ stehen. Denn Entwicklungen, die sehr spezifische Probleme lösen, werden gern noch in der Frühphase von Apple und Google geschluckt. Bislang wimmelt Lederer ab: „Nachhaltiges Unternehmenswachstum ist definitiv unser Ziel. Über ein Leben nach Bitmovin habe ich noch gar nicht nachgedacht.“

Auf NZZ.at werden wir uns bald intensiver mit Start-ups, Unternehmertum und Menschen, die ihre eigenen Ideen umsetzen wollen, beschäftigen: im Phänomen „Selbermachen“.