Karin Hofer/NZZ

Aus dem Rütli

Brexit, Island und Rütlischwur

Gastkommentar / von Klaus Woltron / 04.07.2016

„Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd“

(Kung Fu-Tse)

Eiligen Lesern sei empfohlen, die Lektüre auf ein ruhiges Wochenende zu verschieben. Hastiges und eilig Hingeworfenes vom Autor hingegen findet sich stets auf Twitter.

Zum Blickwinkel

Die sogenannte Wahrheit ist ein Produkt einer (vielleicht) objektiven Außenwelt und deren Abbildung und Interpretation in einem höchst unvollkommenen Erkenntnisapparat, Hirn genannt. Darüber haben sich schon große Geister von Platon bis Kant die Köpfe zerbrochen und sind dennoch nicht zu Rande gekommen, wie auch unter Lit. 2 fröhlich und resignierend festgestellt. Man muss daher, um des guten Verständnisses, eines Standpunkts halber, auch dessen persönlichen Hintergrund, die Entstehung der Summe an Vor-Urteilen, anführen. Dieser wiederum ist das Produkt einer jahrzehntelangen Fütterung eines – auch erblich vorbelasteten – Gehirns durch Ausbildung, Erziehung, Lektüre, Manipulation und vor allem persönliche Erfahrung.


Credits: Wikipedia

Der Hintergrund der Vor-Urteile

Des Verfassers dadurch bestimmter Standpunkt ist, kurz gefasst, jener eines männlichen Wesens, zugehörig zu den – in Europa vor etwa 50.000 Jahren vom Lichtmangel gebleichten – Homo Sapiens. Geboren fünf Monate nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, auf der Flucht seiner Eltern vor den Russen. Geformt vom einfachen Leben auf dem Land, indoktriniert und belehrt von tüchtigen Professoren einer allgemeinbildenden Lateinschule. Vorbereitet auf einen Beruf, der ihn später auf der ganzen Welt umtrieb und zur Anführung von teils beträchtlichen Menschenmengen veranlasste, durch das akademische Studium des Feuers und Eisenkochens. Gesandwiched von den Herausforderungen dieses Berufs, dessen unerwarteten Weiterungen und Schattenseiten. Zum Paulus der Ökologie gewandelt. In Erkenntnis der Mängel der dort wiederum angetroffenen Sippschaften und Gaukler zu einem Teilkonvertiten zu den Saulussen rückgeworfen. Derzeit fröhlich lebend in einem Familiendorf, umfassend drei Generationen. So zu einem Wanderer zwischen vielen Welten und Generationen geworden und auf alle Fantastereien, die als Wahrheiten wütend verteidigt werden, vorbereitet, teils ironisch, manchmal zynisch, in guten Zeiten nachsichtig-arrogant. Manchmal, Gott sei dank, immer noch staunen-könnend über unbekanntes Neues. Das reicht vorerst fürs Grobe. Details unter Lit. 3. Dies alles führt zu höchst subjektiven Urteilen über Gott und die Welt – in diesem Beitrag über den Wagemut der Briten, sich aus der EU fortmachen zu wollen.

Revolutionen, ihre Kinder und Enkel

Eine Binsenweisheit ist’s, dass Revolutionen regelmäßig ihre Kinder auffressen und dennoch ihre Ziele erreichen, fast immer mit einer Verzögerung von vielen Jahren und Jahrzehnten. Woran mag das liegen? Die Kräfte der Beharrung finden sich zumeist bei den Älteren, im bekämpften System. Nach einer Phase der Schockstarre – dem Sturm auf die Bastille, das Zarenschloss, die Zonen-Mauer, nach dem Thronfolger-Mord etc. – sammeln sich die Kräfte der Beharrung, reparieren ihre beschädigten Wälle notdürftig und weisen die Renegaten in ihre Schranken, meist mit blutigen Köpfen. Dort aber finden sich die jungen Feuergeister mit ihren neuen Ideen wieder zusammen und im nächsten oder übernächsten Anlauf werden die Mauern gestürmt, niedergerissen und die neuen Ordnungen kristallisieren sich an den revolutionären Ideen, noch lange im Kampf mit dem Althergebrachten.

Die Welt kennt viele Ordnungen

Dieser Prozess wird von einem ebenfalls immer wiederkehrenden Phänomen begleitet: Die etablierten Kräfte der Beharrung können sich ganz einfach nicht vorstellen, dass eine neue Ordnung ebenso oder noch besser funktionieren könnte wie bzw. als die alte. Dabei liefert die Geschichte unzählige Beispiele dafür, dass es viele unterschiedliche Ordnungssysteme gibt, die, konsequent angewandt, über Jahrhunderte stabil und gut funktionieren können – beginnend mit den Horden der Steinzeit (die wahrscheinlich weitestgehend auf dem Recht der Stärkeren beruhten) bis herauf zu unserer angeblich so aufgeklärten modernen Demokratie, die wiederum im Wettstreit mit recht stabilen totalitären Systemen mit hunderten Millionen Menschen steht, welche ihr eigenes System als das überlegene betrachten.

Penguin Books

Penguin Books

In Krisenzeiten, da eine bestehende Ordnung unter dem Druck zurückgehenden Vertrauens zu krachen und zu ächzen beginnt, treten stets eine Menge von Adepten und Anwälten der alten Ordnung hervor und warnen entsetzt – aber auch in Wahrung ihrer Pfründen und Herrschaftsbereiche – vor den schrecklichen Folgen einer massiven Änderung. Diese Folgen leiten sie aus den Erfahrungen mit der Verletzung der bestehenden Ordnung ab, die – per definitionem – meist sehr schlecht waren und sind. Sie ziehen bei der Verlängerung dieser Erfahrungen in die Zukunft aber nicht ins Kalkül, dass bei einem derartigen komplexen und turbulenten Prozess stets eine ganze Reihe völlig neuer, unerwarteter und unkalkulierbarer Effekte eintreten, die die Rechnung mit den alten Daten völlig falsifizieren können.

Die Kraft des Unerwarteten

Einer der wichtigsten Parameter in diesem Zusammenhang ist die enorme Zunahme an Kraft, Opferbereitschaft und Fantasie der Umstürzler. Ein weiterer kann in der Bildung neuer externer Allianzen, der schnellen Nutzung bisher vernachlässigter Innovationen technischer, administrativer oder finanztechnischer Art sein. Und letztendlich kommt den Tüchtigen und Wagemutigen recht oft auch das Auftreten unerwarteter äußerer oder innerer Ereignisse, mit denen überhaupt niemand gerechnet hatte, zugute – wie z.B. Elizabeth I. der Sturm bei Trafalgar, der die (der englischen weit überlegenen) spanische Flotte zerstörte. Ganz aktuell ist die völlig unerwartete Rückkehr der Makrelenschwärme in die isländischen Gewässer – stracks nach der Finanzkatastrophe. Derartige unerwartete Effekte sind bei weitem nicht so selten, wie man annehmen würde. Die Geschichten vom „Schwarzen Schwan“ sind legendär und wurden in diesem Medium bereits ausführlich behandelt.

Brexit-Prognosen mit Tunnelblick

Genau nach diesem tumben Schema der linearen Extrapolation läuft gerade das Raunen betreffend der angeblichen Brexit-Katastrophe für die Briten ab. Etwas ganz anderes aber wird geschehen. Wie nach jeder schweren Operation sind der Organismus und die Psyche des betroffenen Patienten in Aufruhr: Der Kreislauf schwächelt, der Blutdruck schwankt, die Stimmung ebenso. Das wird – im Fall des gerade frisch operierten Britannien – einige Zeit dauern bis sich Beruhigung, personelle Erneuerung und neue Pläne einstellen. Dann aber geht es schnell: Befreit von den Zwängen kann England allen Ballast, den die EU aufbürdete, abwerfen: Unternehmenssteuern werden gesenkt und damit die von düsteren Prognosen prophezeite Abwanderung von Firmen ins Gegenteil verkehrt. Eine Fülle von Gesetzen und Verordnungen, welche von den Bürokraten in Brüssel zwecks Arbeitsbeschaffung für sie selbst „erlassen“ worden waren, werden außer Kraft gesetzt und damit wird Freiheit für unternehmerisches Handeln geschaffen. Rückfrage für alles und jedes erübrigen sich, damit ist einem der wichtigsten heutigen Konkurrenzvorteile: „Schneller, besser – Chancen nutzen!“ Tür und Tor geöffnet. Die Freunde jenseits des Teichs werden dabei nicht untätig bleiben.

Ingo Wilsdorff

Ingo Wilsdorff

Der Island-Effekt

Das Allerwichtigste aber ist die Nutzung des Island-Effekts: Menschen vervielfachen ihre Energie und ihren Einsatz, wenn sie gemeinsam einer existenziellen Situation gegenüberstehen. Das wissen wir alle, wenn wir an das Beispiel einer Flutkatastrophe, eines Erdbebens oder eines Großbrands denken. Die einigende und motivierende Kraft einer gemeinsamen Bedrohung funktioniert diese in eine gemeinsame Herausforderung um, welche ungeahnte Kräfte, Fantasie und Anstrengung hervorbringt. Island ist auf allen Gebieten ein leuchtendes Vorbild: Die alte Kamarilla wurde vom Sturm des zornigen Volks hinweggefegt; der Versuchung, sich als Untertan der EU feig vor der Verantwortung, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, zu drücken, wurde nicht stattgegeben. Die Resultate auf allen Ebenen sind bekannt: Es geht bergauf, und erst einer Fußballmannschaft eines per Bevölkerungszahl hundertfach überlegenen Staats gelang es, den Vormarsch der begeisterten Kleininsulaner zu stoppen – dennoch sind sie die eigentlichen Sieger der EM.

Die Rolle der inneren Einigkeit

Eine große Gefahr allerdings besteht für die Briten: Jene der inneren Uneinigkeit. Wenn es ihnen nicht gelingt, sich zum Ergebnis der Volksabstimmung auch auf den Gebieten der Taten zu bekennen und sie nicht an einem Strick ziehen und sich in inneren Querelen verlieren, dann haben sie wirklich das falsche Los gezogen. Dann wird es Zeit, sich, wie z.B. wir in Österreich, sicherheitshalber in die Quarantäne eines äußeren Hegemons zu ducken, der die Verantwortung für die großen Fragen übernimmt und auf den man dann bei allem auftretenden Unbill als Sündenbock hinweisen kann. Die Gegner des Brexit wissen diesen Effekt wohl zu nutzen, indem sie alle Register ziehen, um die Uneinigkeit in England zu schüren und unter der Macchiavelli’schen Devise: „Divide et impera“ ihre diversen Schäfchen wieder zurück ins Trockene, Profitable und Beherrschbare bringen.

Die Parole der Freiheitsliebenden aller Länder

Es wird sich zeigen, ob es außer Island, der Schweiz und einigen anderen, noch Völker und Staaten in Europa gibt, die in der Lage sind, für ihre Leute im Sinne des Rütlischwurs zu handeln:

Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

Lässt man das Schiller’sche Pathos weg, ist dieser immer noch die beste Parole in einer Welt der Manipulation, Ausbeutung und Willkür. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, fast niemand hilft mir: Ich schaff’s allein, mit ein paar guten Freunden.

Quellen und weiterführende Links

  1. Hastiges und eilig Hingeworfenes
  2. Tractatus ironico-philososophicus 
  3. Die Vor-Geschichte
  4. Politische Systeme
  5. Wenn der Schwarze Schwan kommt
  6. Islands Geheimnis
  7. Divide et impera, Herkunft
  8. Der Rütlischwur