Country-Punks und Dates beim Gärtnern

von Tobias Feld / 21.04.2015

Amerikanische Magazine zelebrieren das coole Leben auf dem Land. Damit erobern sie die Großstädte. Ganz so neu ist die Liebe zum Landleben aber nicht.

„Beaver Brook“ ist vermutlich der einzige Flecken Erde mit eigener Internet-Präsenz. Betritt man das Gelände, sieht man Zach Klein inmitten einer selbstgebauten Sauna bei rund 74 Grad schwitzen. Der 33-Jährige ist Mitbegründer des Videoportals Vimeo – und Besitzer des kleinen Waldparadieses unweit von New York. Die Freiheit, die er im Internet fand, suchte er auch in der Natur. Seit 2011 zelebriert er gemeinsam mit einer Schar von Fotografen, Künstlern oder Unternehmern das einfache Leben und bloggt darüber in der Ästhetik eines Reisemagazins.

Auch Rem Koolhaas, der niederländische Architekt und Urbanist, hat sich mittlerweile dem ländlichen Leben verschrieben. „Der Bauer ist wie wir“, meint er in einem Essay für „Icon“, das britische Magazin für Design, Architektur und Kultur. Ohne feste Arbeitszeiten könne er von seinem Laptop aus an jedem erdenklichen Ort zu Werke gehen. Laut Koolhaas richteten Publikationen hingegen ihr Augenmerk beinah ausschließlich auf das urbane Leben – aber was sei mit all jenen, die die Stadt längst hinter sich gelassen hätten?

Datings beim Gärtnern

Ann Marie Gardner ist angetreten, diese Wissenslücke zu schließen. Im Jahr 2013 gründete die Journalistin in der kaum 8.000 Seelen zählenden Kleinstadt Hudson, im Gliedstaat New York, das Magazin „Modern Farmer“. Über die neue Lust am sogenannten Weed-Dating, bei dem Singles sich bei der Gartenarbeit näherkommen sollen, berichtet es ebenso wie über den sagenumwobenen türkischen Tollhonig der Schwarzmeerregion oder über eine neue Generation amerikanischer Milchbauern. Bei den „National Magazine Awards“ 2014 war „Modern Farmer“ neben dem renommierten Magazin „The New Yorker“ großer Gewinner. Nicht allein bei Köchen, Jungbauern oder Food-Journalisten genießt es große Aufmerksamkeit. Mittlerweile erscheint das Magazin vierteljährlich mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren – und findet sich selbst in der Auslage angesagter Buchläden in Europa.

In den USA florieren Landmagazine wie „Country Living“, „Birds & Blooms“ oder „Sunset“ mit einer Auflage von jeweils über einer Million Exemplaren. Fachwelt wie Feuilletons feiern indes unabhängige Magazine, die aus urbaner Perspektive vom coolen Leben auf dem Land erzählen. Gerade trat denn auch mit Sarah Gray Miller die einstige Frontfrau des Magazins „Country Living“ den Posten als Chefredaktorin bei „Modern Farmer“ an. Das Magazin sei Teil einer Bewegung, erklärt der Branchendienst „Newsstand“ diesen Erfolg, die sich im Klaren sein will darüber, was wir essen, wie wir leben und mit unseren Planeten umgehen. Das Magazin sei dabei für Balkongärtner ebenso attraktiv wie für aufstrebende Farmer oder Feinschmecker.

„Ich suchte eine Möglichkeit, jenseits von Facebook mit Punks in Kontakt zu bleiben, die der Stadt den Rücken gekehrt haben“, sagt indessen Gretchen Bonegardener. Vom Präriestädtchen Ochre River aus, in der kanadischen Provinz Manitoba, betreibt sie heute mit einer Handvoll Gleichgesinnter „The Country Grind Quarterly“, ein Magazin „von und für Country-Punks“. Die Kunst, Präriehühner zu jagen, vermittelt das Magazin ebenso wie jene, eine Kettensäge zu schärfen. Bonegardener scheint eine Lücke zu bedienen: Gemäß ihren Aussagen zählen bereits Tausende Interessierte in Kanada und vor allem in den Vereinigten Staaten zur Leserschar. Selbst in Argentinien oder Italien schätzt man inzwischen „The Country Grind Quarterly“. Auf dem kanadischen Festival „Canzine 2014“ für unabhängige Magazinkultur und Kunst in Vancouver diente Gretchen Bonegardener mit ihrer Erfolgsgeschichte vergangenen Winter denn auch als Aushängeschild.

Mit ihren Magazinen knüpfen die Verlegerinnen an Vorgänger wie „The Farmer’s Wife“ (1897–1939) oder „Country Women“ (1974–1980) an, die bereits damals mit ihren Gedichten, Geschichten und Essays vom Bauernleben erzählten. 1969 brach die Elitehochschülerin Carmen Goodyear ihr Studium ab, um sich nördlich von San Francisco niederzulassen. Gemeinsam mit ihrer Partnerin begann sie nicht nur mit Ackerbau, sondern auch mit dem Schreiben darüber. Von ihrer Holzhütte aus publizierte sie schließlich im Jahr 1974 die erste Ausgabe des feministischen Magazins „Country Women“, zu dem bald Farmerinnen aus dem ganzen Land ihren Beitrag leisten sollten – und das Generationen bis heute prägt.

Mittlerweile folgten ihr viele Frauen in die selbstbestimmte Landwirtschaft: Nach Angaben des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums hat sich die Zahl der von Farmerinnen geführten Betriebe seit den 1970er Jahren verdreifacht. Portland in Oregon gilt als Herzkammer einer Bewegung, die ihr Ökobewusstsein gerne nonchalant zur Schau trägt. Die Kaffeerösterei „Stumptown“ trägt dieses Image mittlerweile ebenso in alle Welt wie die Fernsehserie „Portlandia“ – oder aber das Magazin „Kinfolk“. 2011 von Nathan Williams gegründet, erscheint die neue Naturlust hier vierteljährlich mit einer Auflage von 75.000 Exemplaren. Die Leserschaft gleicht dabei einer Gemeinde. Beim Dinner zelebriert „Kinfolk“ regelmäßig von Portland bis Peking in idyllischer Umgebung das gute Leben. Das Erfolgsrezept? In eleganter Aufmachung, so schreibt die „New York Times“, zeige das Magazin verträumte junge Menschen, welche gerne in Strickmützen, weitem Flanell oder Kattunkleidern steckten und sich, ganz naturverbunden, raffiniert zubereitetem Gemüse hingäben.

Auch hierzulande beliebt

„Slow Living ist in den USA chic und trendy“, sagte kürzlich der Konsumsoziologe Ragnar Willer auf einer Konferenz in Berlin zum Thema „Entschleunigung, Einfachheit und Nachhaltigkeit“. Der Boom weckt Begehrlichkeiten. Anfang des Monats kündete etwa der Verlag Rodale die Einführung von „Organic Life“ an, einem Magazin, das sich einem umweltbewussten Lebensstil verschreiben will.

Auch in deutschsprachigen Medien hielt der Trend Einzug. Vor zehn Jahren startete das Magazin „Landlust“, dessen Publikumserfolg eine Reihe von Nachahmern auf den Plan rief. In der Schweiz sprang Ringier mit der „Landliebe“ auf den Zug auf. Im niedersächsischen Dorf Evessen wiederum bloggt der Journalist Christoph Braun über das Landleben. Auch in Regionalzeitungen wie den „Schaumburger Nachrichten“ finden sich neuerdings Kolumnen über die Vorzüge des coolen Landlebens. Auf Magazine vom Schlage von „Modern Farmer“, „Country Grind Quarterly“ oder „Kinfolk“ wartet der aufs Land geflüchtete Bohémien in diesen Breitengraden indes weiter.