Das Diktat der guten Laune

von Julia Herrnböck / 13.04.2015

Nachrichten bestehen nur aus Horrormeldungen und verderben die Laune – deswegen soll man sie erst gar nicht wahrnehmen, lautet eine trendige Medien-Abstinenz-Philosphie. Vor allem gut gebildete und einst politisch engagierte Menschen scheinen auf dem Trip zu sein, dass Nichtswissen die bessere Lösung für die eigene kleine Welt ist.

Ich trete dafür ein, den Geschichtsunterricht abzuschaffen. Ob die Pyramiden nun durch die Hände tausender Sklaven erbaut wurden oder doch von Außerirdischen, hat auf meinen Leben keinen Einfluss. Und ändern könnte ich es sowieso nicht, wenn mir eine Version davon missfällt. Es macht auch keine gute Laune zu wissen, was in der Geschichte der Menschheit an Unrecht geschehen ist. Der Nationalsozialismus war schrecklich genug und ist schon lange her – warum also heute darüber reden?

Weil wir schon dabei sind: Mathe braucht kein Mensch. Oder Physik. Latein benutze ich nur gelegentlich. Es hat für die Qualität meiner Entscheidungen keine Relevanz. Was bringt es mir persönlich zu wissen, wo Afghanistan liegt? Glücklicher macht mich dieses Wissen auch gar nicht. Also: abschaffen.

Einer ähnlich kruden Logik folgte ein Streitgespräch vor wenigen Tagen mit Bekannten. Stolz erklärten die zwei mittezwanzigjährigen Burschen, sie würden konsequent seit Monaten jegliche Nachrichten verweigern. Zu lesen, wie viele Flüchtlinge diese Woche vor den Badestränden im Mittelmeer ertrunken sind, das „ziehe sie runter“. Und da sie gegen das Elend der Welt nichts ausrichten könnten bzw. die Medien sowieso nur zur Manipulation eingesetzt würden, „tun sie sich das nicht mehr an“.

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

Seither gehe es ihnen viel besser. Im gleichen Atemzug missionieren sie die anderen am Tisch: Jeder, der heute das Weltgeschehen verfolgt, sei nur deshalb so besorgt und ängstlich. Dabei sei das doch gar nicht notwendig. Ein Erdbeben in Chile. Ein Selbstmordanschlag in Pakistan. Der Klimawandel. „Die Nachrichten sind nur negativ. Seit ich das alles nicht verfolge, geht’s mir viel besser“, beteuert einer der beiden, „und ändern kann ich sowieso nichts.“

Gut gelaunt saßen sie da, diese saturierten Sprösslinge des Bildungsbürgertums, Absolventen humanistischer Privatschulen, ausgestattet mit allen technischen und intellektuellen Möglichkeiten. Allein, sie nutzen sie nicht, um die Welt zu erfahren, sich zu empören, ja vielleicht zu engagieren, sondern um das eigene ständig feilgebotene ICH auf Instagram zu pimpen. Denn Zeit im Internet verbringen sie genug.

Sie diskutieren lieber darüber, ob ein Polyesterkleidchen weiß-gold oder doch blau-schwarz ist, als sich über TTIP zu informieren oder über den Hintergrund zur Hypo-Affäre. Irrwitzigerweise haben sie aber keine Berührungsängste mit noch so dubiosen Weltverschwörungsaufklärungsclips, die sie im Internet verschicken, „um anderen die Augen zu öffnen“.

Es war nicht die erste Unterhaltung dieser Art: Ein ehemals politisch sehr engagierter, kritischer Freund offenbarte mir kürzlich, jetzt, da er Familie habe, wolle er von dem Leid und allem, was schiefläuft, nichts mehr wissen. Rückzug ins kleine Glück. Er selbst fände das schade, aber er kümmere sich jetzt lieber um sein Wohlbefinden. Ähnliches bestätigen zwei Freundinnen, beide einst sehr am internationalen Tagesgeschehen interessiert: Seit den Kindern, da hielten sie das nicht mehr aus, die schrecklichen Nachrichten und Bilder. Sie haben sich entschieden, wegzusehen.

Auf trockenem Entzug

Ja, so ein Giftgasanschlag in Syrien, der kann einem schon den ersten Frühlings-Spaziergang im Augarten vermiesen. Meine Bekannten sind nicht allein mit ihrem Kokon-Denken: Medien-Askese ist eine Modeerscheinung mit einer beachtlichen Anhängerschaft geworden, die sich in ihren Blogs selbstherrlich auf die Schulter klopft, weil alle anderen noch an der Nadel des Grauens hängen.

The world is a big, scary place. Wenn nicht der privilegiert und in Sicherheit lebende Teil der Weltbevölkerung bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen, wer dann?

News („giftige Wissensform“, wie es einer dieser Blogger nennt), hätten ein ähnliches Suchtpotenzial wie Zucker. Sich für die Lebensbedingungen von Menschen in anderen Erdteilen zu interessieren, sei eine Art Lifestyle-Entscheidung, eine schädliche noch dazu, die man sich abgewöhnen kann. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Stattdessen sollen wir Bücher lesen. (Seit wann schließt sich das gegenseitig aus?)

Es gibt überraschend viele gebildete Menschen im Netz, die großspurig über „das Experiment“ berichten, wie sie nun unwissend und in Frieden leben. („Ich schaute bewusst weg, wenn im Flieger vor mir jemand die Zeitung aufspannte.“) Gemeint sind nicht Menschen, die sich für Phasen der Konzentration zurückziehen und den Nachrichtenkonsum bewusst reduzieren, sondern diejenigen, die gänzlich auf Nachrichten verzichten, und zwar aus Egoismus. Sie schmücken sich mit dem Label der „selektiven Ignoranz“ und geben Tipps, wie sich daraus resultierende Peinlichkeiten umschiffen lassen.

Achtung, Nebenwirkungen!

Einer von ihnen, der Schweizer Rolf Dobelli, verdient damit sein Geld. Sein Essay „Hände weg von News“ hat es bis in die englischsprachigen Medien geschafft und wurde vielerorts bejubelt. Nachrichten sind seiner Ansicht nach irrelevant, und wenn etwas wichtig ist, erreicht es einen über Bekannte. Alles andere habe keinen persönlichen Mehrwert und hindere einen nur am Denken. Ach ja, Glatze und Durchfall verursachen schlechte Nachrichten natürlich auch.

Medientrainer Norbert Linke kritisierte diese Haltung. „Wer Dobellis ,Diät‘ befolgt, endet als Ich-bezogener, isolierter Gesellschafts-Autist“, schreibt er. Es ist ratsam, sich dem Dauerberieseln auf allen Kanälen zu entziehen, bewusst Momente zu schaffen, in denen man sich über die zentralen Vorgänge in der Welt informiert – das ist aber das Gegenteil von Ignorieren. Die Welt geht uns alle etwas an. Gewalt und Katastrophen sind beängstigend. Die Augen davor zu verschließen, lässt nichts davon verschwinden.

Wissen ist Macht. Nichts verdeutlicht das besser als hunderte Journalisten und Blogger, die für Informationsfreiheit viel riskieren und dafür manchmal mit Gefängnis, wenn nicht mit dem Leben bezahlen. Totalitäre Regimes, korrupte Politiker und skrupellose Firmen verwenden viel Zeit und Geld darauf, Nachrichten zu verhindern. Ein Blick auf den aktuellen Index von Reporter ohne Grenzen spricht für sich.

Der „Nutzen“ von Nachrichten

Wenn nicht etwa aus schwer zugänglichen Teilen Syriens zu uns herausdringen würde, wie groß die Not der Flüchtlinge in einem Lager vor Damaskus ist, würde kein politischer Druck für einen Hilfskorridor erzeugt werden. Das Rote Kreuz hätte weder Zugang noch Spenden für diese Mission.

Ein anderes Beispiel ist die konsequente Berichterstattung über die drohende Schlammentsorgung im Great Barrier Reef. Die Pläne der australischen Regierung kommen ins Wanken, eben weil Medien Öffentlichkeit schaffen können. Weil ein Reporter das Massaker von Mỹ Lai dokumentierte, begann sich die Stimmung in den USA gegen den Vietnamkrieg zu drehen. Was, wenn so etwas heute keiner lesen will, weil es einem den Abend versaut?

Bunte Blätter einfach mal liegen lassen. Ob sie was kosten oder nicht.

Dass negative Nachrichten Vorrang hätten, weil sie sich besser verkaufen, wie es von Dobelli und Co. behauptet wird, stimmt so nicht: Die zwei Forscher Marc Trussler and Stuart Soroka haben herausgefunden, dass der menschliche Geist sich unbewusst den alarmierenden Schlagzeilen zuwendet. Außerdem, so die Erkenntnis, würden „wir“ in der westlichen Hemisphäre die Welt grundsätzlich als freundlicher und sicherer einschätzen, als sie für die meisten Menschen tatsächlich ist. Unter anderem erleben wir negative Nachrichten als dominant, weil sie mit unserer eigenen Wahrnehmung der Welt nicht im Einklang stehen.

Yoga rein, Krieg raus

Ein Lieblingssatz aus einem Nachrichten-Asketen-Blog: „Mich interessieren momentan vor allem die Themen Lebensführung, Einfachheit, Philosophie und natürlich Minimalismus.“ Da kann man noch so viel Yoga machen oder vegan einkaufen, die Welt ändert sich nicht, indem man ihre hässlichen Seiten einfach ausblendet. Neugierde, Offenheit, Anteilnahme sind die Basis, um der Ohnmacht entgegenzuwirken. Für Redaktionen bedeutet das, komplexe und beunruhigende Ereignisse in einer Art und Weise zu erzählen, die informiert und nicht künstlich aufregt.

Als weiteres Argument wird ins Treffen geführt: Die „Lügenpresse“ würde ausschließlich überzogene Horrorgeschichten, Hai-Angriffe, Flugzeugentführungen und Promimeldungen wiederkäuen. Es gibt nicht nur bunte Skandalblätter, die einem Halbwahrheiten ins Gesicht schreien, sondern eine Vielzahl kritischer, hochwertiger und unabhängiger Medien. Kleiner Tipp: Die Gratisheftchen in der U-Bahn einfach mal liegen lassen und nicht alle acht Minuten auf die Facebook-Timeline glotzen vor Langeweile.