Die Welt unterm Rad

von Klaus Woltron / 22.01.2015
Mein Rütli - in Döppling/NÖ

Ein Eigenes ist’s mit den Wendepunkten des flüchtigen Schicksals: Leis’ erst, dann lauter, sodann mit furchterregendem Donner naht, wie ein rollendes Rad, das unabwendbare Übel oder auch, sachte, das Heil, von der Gunst der Götter beflügelt

Seit etwa zehn Jahren ist offenkundig, dass die Welt in vielen Aspekten auf eine systemische Krise zusteuert. Das Weltwährungssystem ist durch tausende Milliarden nicht einbringbare, in allen möglichen Bilanzen versteckte Schulden auf den Kopf gestellt. Ein verzweifelter Wettbewerb, vor der irgendwann fälligen Generalabrechnung die jeweiligen Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen, findet statt.

Staatsverschuldung weltweit

Besonders gut lässt sich dieser weltweite Run derzeit in Europa beobachten. Man strebt intensiv danach, private Schulden von Anlegern, Banken und Staaten in öffentliche zu verwandeln, um den Bürger mit Lasten zu beglücken, welche er anderen, die bereits hohe Zinsen kassiert haben, ohne Entgelt abnimmt. Dies ist ein gigantischer, doppelter Betrug am Volk. In Bälde wird er zu schweren inneren Spannungen in Europa, wenn nicht gar zu Auflösungserscheinungen der EU und/oder des Euro führen. Soweit einmal der Blick in den Säckel.

Der gesamte arabische Raum ist, nicht zuletzt durch die jahrzehntelangen kriegerischen Interventionen des Westens, kulturell, sozial und wirtschaftlich ins Mark getroffen, wie seinerzeit Indien und China durch die englische und japanische Kolonisierung und die Schande der Opiumkriege. Eine Religion der Passivität, der Schicksalsergebenheit und der Rückwärtsgewandtheit trägt zur Misere bei. Millionen von Flüchtlingen durchirren die an der Grenze des Zusammenbruchs stehenden Staaten, marodierende Fundamentalisten bemächtigen sich der Bodenschätze, der Waffen und der Macht. Der Klimawandel treibt Millionen Bewohner der ariden Zonen Nordafrikas aus ihren angestammten Gebieten weiter nach Norden. Fast der gesamte Schwarze Kontinent ist zum Armenhaus geworden und wird notdürftig durch Almosen des Westens stabilisiert, was zunehmend an Grenzen stößt.

Hoffnungslose machen sich auf, um unter Einsatz ihres Lebens ihr Heil in Europa zu suchen, das selbst in einer zunehmenden Wirtschafts-, Identitäts-, und Finanzkrise steckt. Gefangen in der Misskonstruktion des Euro, bauen sich in Europa neue, durch gegenseitige Schuld- und Abhängigkeitsverhältnisse beflügelte Ressentiments auf. Die Führung der größeren Länder Europas, auch die Zentrale in Brüssel, vermitteln keine Hoffnung, dass sie dieses Menetekel in seiner ganzen Tragweite verstehen wollen, geschweige denn, sich ihm proaktiv zu stellen. Man verheddert sich in kleinlichen Zänkereien, Ersatzhandlungen und Verdrängung der wichtigen Themen sowie dem Bemühen, die jeweilige Legislaturperiode heil zu überstehen.

Allein die USA scheinen den Ernst der Weltlage einigermaßen erfasst zu haben und bereiten sich proaktiv auf eine schwere, weltweite Krise vor. Wie immer, wenn von eigenen Problemen abgelenkt werden soll, projiziert man vieles auf äußere Feinde. Im konkreten Fall sind dies Russland, IS und die diversen „Achsen des Bösen“. Man sät Zwietracht zwischen Staaten, die im Falle der Bündnisbildung eine Gefahr für die Hegemonie der USA bilden könnten. Man versucht, die Verbindlichkeiten von fallierenden Schuldnern auf die leistungsfähigen Länder der Eurozone abzuwälzen, wie dies schon einmal – 2009 – im Fall der „Poisonous Papers“, nutzend die tölpelhafte Gutgläubigkeit der Europäer, bestens gelang. Eine hochtechnisierte, weltweit präsente Armee, unterstützt durch einen allgegenwärtigen Geheimdienst und die Hoheit über das Internet und den Petrodollar, runden das Bild der Vorsorge- und Dominanzerhaltung ab. Die zukünftige Herrschaft über aussichtsreiche Lagerstätten an Energierohstoffen und sonstigen Ressourcen wird parallel dazu systematisch weiter ausgebaut. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch die USA durch die hohe Volatilität der Lage ernsthaft gefährdet sind – trotz der aktuellen, vollmundigen Erfolgsmeldungen eines bereits weitgehend handlungsunfähigen Präsidenten. Ähnliches wird von der aufsteigenden Weltmacht China in stetig zunehmendem Maße praktiziert.

Allein EU-Europa verzettelt sich in der Defensive: Zur Rettung von 60 Prozent seiner Mitgliedstaaten vor dem selbst verschuldeten drohenden Finanzkollaps vergeudet es sein Kapital in unsinnigen, unproduktiven Investitionen und Schuldentilgungen und verliert immer mehr an Terrain gegenüber dem übermächtigen „Rest der Welt“ – übrigens ein sehr arrogantes Prädikat aus Sicht einer Region, die nicht einmal ein Zehntel der Weltbevölkerung umfasst. Dazu kommt in jüngster Zeit noch die importierte Terrorgefahr mit dem unvermeidlichen Verlust an Sozialkapital – bisher eine der großen Stärken der Europäer.

Die Weltbevölkerung, 2050

An diesem Punkt der Darlegung sollte man sich einigen drängenden Fragen nicht entziehen:

Kann eine solche Perspektive außer einem „Rette sich wer kann“ überhaupt einen realistischen, geordneten Ausweg bieten? Muss man nicht seinen Enkeln raten, sich nach einer guten Ausbildung alsbald eine Bleibe in einer anderen, aufstrebenden und sicheren Weltgegend, wie Australien, der amerikanischen Ostküste, in Singapur, Hawaii, Kanada oder Brasilien zu suchen und sich dort sesshaft zu machen?

Was wird bleiben von der Sepp Forcher’schen Traulichkeit und Sicherheit, der geliebten Identität Österreichs, wenn diese von nicht gewählten, undemokratischen Mächten systematisch in eine anonyme, künstliche europäische Superstaatlichkeit gepresst wird, gewürzt mit immer aufmüpfigeren, präpotenten und teilweise sogar gewalttätigen islamischen Minderheiten? Mit Ghettos von arbeitslosen Zuwanderern, die die bisher einigermaßen sicheren Großstädte in ebensolche Banlieus verwandeln wie jene, an die man sich in Paris, London und Manchester bereits gewöhnen musste? Was hält einen Zwanzigjährigen hier noch, wenn seine Heimat dabei ist, ihren früheren Charakter freiwillig und ohne Not abzulegen? Deren wirtschaftliche Zukunft immer zweifelhafter wird? Die von Leuten regiert wird, denen man immer weniger vertraut?

Die sensibelsten, beweglichsten und weitblickendsten unter uns – die jüdischen Mitbürger – scheinen sich diese Fragen schon ernsthaft zu stellen und dementsprechend zu handeln.

„Nun“, wird der Optimist versetzen, „so schlimm wird es schon nicht kommen. Die Finanzkrise wird sich in einigen sehr schmerzhaften Stößen entladen und einer Zeit fiskalischer Vernunft Platz machen. Man wird einen Weg finden, die gemeinsame Währung Europas so zu gestalten, dass sie nicht wie ein ehernes Korsett die Völker in einen unnatürlichen Rahmen zwingt, sondern sich elastisch den jeweiligen Individualitäten anschmiegt. Die Völkerschaften des Vorderen Orients werden sich, wenn die Wut erschöpft und das Morden und Brennen beendet ist, zu einem neuen Anfang in Frieden bequemen müssen. Die afrikanische Invasion wird man mit einer Mischung aus Hilfe vor Ort und Kontrolle der Zuwanderung samt vorausschauender Eingliederung der Zuwanderer im Lande erträglich gestalten und dabei sogar Nutzen aus ihr ziehen. Und den islamistischen Terror wird man mit einem Mix aus Vorsorge, Kooperation mit den islamischen Organisationen und strengem Vorgehen gegen Islamisten unter Kontrolle bringen.“

„Vielleicht“, versetzt der Skeptiker. „Aber selbst, wenn dem so wäre – es wird Jahrzehnte, vielleicht sogar ein halbes Jahrhundert dauern, bis sich all dies einigermaßen beruhigt hat. Wer wird den Übergang erträglich gestalten, wer die ungeheuren Spannungen und Eruptionen des Volkszorns, der Missverständnisse, der bewussten Aufhetzung und Verleitung der Massen, die Frustration der Verlierer bändigen und mildern, die titanische Arbeit der Errichtung neuer Ordnungen für neue Umstände bewerkstelligen? Wenn nicht einmal die vergleichsweise einfache Aufgabe, die in einzelnen Bereichen der geschilderten Krise – wie die Einführung einer neuen Ordnung für die Euro-Problematik, welche längst als Masterplan von kundigen Spezialisten verfügbar ist, in Angriff genommen wird? Nicht zu vergessen: Zu all den Misshelligkeiten werden sich neue, bisher nicht gekannte und bedachte, noch hinzugesellen!“

„Nicht doch“, meint der Optimist. „Gerade das letztere Argument sollte Hoffnung und Mut geben. Es können ja trotz all den zugegebenermaßen schlechten Vorzeichen glückhafte Umstände eintreten, welche die großen Aufgaben erleichtern, Mut machen, Zuversicht verbreiten und aus dem Übel noch Gewinn zu ziehen helfen, wie es schon öfter in der Geschichte geschah.“

Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte. Sie liegt dort, wohin weder der Optimist noch der Pessimist mit ihren Gedanken jemals hingelangen, weil die Kombination von derart vielen Unwägbarkeiten eine vollkommen unkalkulierbare, komplexe Entwicklung auslösen wird.

Beide aber helfen, eine vollkommen ungewisse Zukunft zu bewältigen. Ersterer, indem er die Hoffnung, den Glauben an das Gute und Nützliche und dessen Möglichkeiten aufrechterhält, und Letzterer durch die Härte, mit der auf kommende Übel aufmerksam gemacht wird und daher deren Bewältigung rechtzeitig vorbereitet werden kann. Dazu wird es aber viel mehr brauchen als atemlose Ad-hoc-Aktionen, leere Versprechungen, gebrochene Verträge und betuliches An-die-Brust-Schlagen. Viel mehr.

Nächstens daher ein paar Gedanken „Aus dem Rütli“ zum Wie.