Das Wachstum reicht vorne und hinten nicht aus: Zur Arithmetik des Arbeitsmarktes

von Lukas Sustala / 06.05.2015

Österreichs Arbeitsmarkt braucht für eine wirkliche Entspannung bis zu vier Prozent Wachstum. Ein genauer Blick in die Datenlage zeigt, dass es mit weniger wohl nicht geht.

Österreich wird gerade bei den Arbeitslosigkeitsstatistiken nach hinten durchgereicht. Galt die Republik jahrelang als das Euroland mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit, ist sie nun bereits hinter Deutschland zurückgefallen und 2015 werden auch noch Großbritannien, Tschechien und Luxemburg eine niedrigere Arbeitslosenquote haben. So weit, so bekannt – und so alarmistisch wird es medial auch begleitet.

Der internationale Vergleich ist vielleicht ein besonders eindrückliches Symbol der Probleme am heimischen Arbeitsmarkt, aber ob nun ein, zwei oder vier Länder eine geringere statistische Arbeitslosigkeit haben, ist für die Betroffenen völlig unerheblich.

Die relevante Frage lautet vielmehr: Ist Besserung in Sicht?

Ob Jobs geschaffen werden und die Arbeitslosigkeit sinkt, hängt wesentlich mit dem Wirtschaftswachstum zusammen. Die gerne wiederholte Zahl der Erlösung lautet zwei Prozent. Wenn die heimische Wirtschaft mit dieser Rate wachsen würde, so die vielzitierte Annahme, dann würde auch die Arbeitslosigkeit sinken und sich das Problem langsam, aber allmählich auflösen.

Die Arithmetik des österreichischen Arbeitsmarktes lässt aber leider weniger Optimismus zu. Die Zwei-Prozent-Regel mag früher vielleicht einmal gegolten haben, es ist aber deutlich komplizierter geworden, sagt AMS-Chef Johannes Kopf: „Die Situation ist wesentlich komplexer, denn es steigt auch das Arbeitskräftepotenzial, also die Zahl derer, die auf den Arbeitsmarkt kommen. Und das hängt von einer Reihe von Faktoren ab: Pensionen, Frauen, Zuwanderung und Demografie.“

Versetzen wir uns nun in die Lage des Arbeitsmarktpolitikers und stellen uns die scheinbar einfache Frage: Wie viel Wachstum braucht es, um die Arbeitslosigkeit zu drücken?

Das hängt von folgenden Faktoren ab:

1. Effizientere Produktion: Jedes Jahr nimmt die Produktivität in Österreich ein wenig zu, von 2000 bis 2013 waren es gut 1,4 Prozent jährliche Produktivitätssteigerung. Wer effizienter produziert, braucht theoretisch weniger Arbeiter oder Angestellte für dasselbe Produktionsniveau. Also muss die Wirtschaft wachsen, damit die Arbeitslosigkeit nicht steigt.

2. Wachstum des Arbeitskräftepotenzials: Jedes Jahr nimmt die Zahl derer zu, die auf dem Arbeitsmarkt nach einer Beschäftigung suchen, 52.000 waren es alleine im Vorjahr. 2013 waren es 44.000, 2012 über 57.000. Wenn es dieses Jahr wieder gut 50.000 sind, müsste die Wirtschaft dementsprechend stark wachsen, noch ohne jede Berücksichtigung der Produktivität.

3. Arbeitsmarktreserve: Dazu kommt noch eine flexible Reserve, betont Kopf. Sollte der Konjunkturmotor anspringen, werden auch wieder mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen, etwa Frauen, die sich derzeit der Kinderbetreuung widmen und nicht als arbeitssuchend gelten, oder Zuwanderer. Alleine die sogenannte „stille Arbeitsmarktreserve“ machte zuletzt mehr als 130.000 Menschen aus. Das sind 15- bis 64-jährige Personen ohne Erwerbstätigkeit, die derzeit keine Arbeit suchen, aber grundsätzlich arbeiten wollen und innerhalb von zwei Wochen verfügbar wären.

4. Pensionen, Demografie: Ebenso eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit spielen Pensionsreformen. Wenn politisch gewollt Frühpensionen angeboten werden, belastet das zwar das Sozialbudget, entlastet aber zumindest kurzfristig den Arbeitsmarkt. Umgekehrt sorgt der demografische Wandel für unterschiedliche Herausforderungen. Wenn weniger Junge in den Arbeitsmarkt kommen und erste Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, ist das zwar so wie in Deutschland gut für die Arbeitslosenstatistik. Langfristig erhöht es aber den Druck an anderer Stelle.

Nehmen wir nun mal die vier Herausforderungen zusammen. Demnach muss die Beschäftigung gut und gerne um 80.000 Jobs steigen, um die Arbeitslosigkeit stabil zu halten. Das ist eine richtige Ansage, denn selbst in den Boomjahren vor 2008 ist diese Marke nicht wirklich erreicht worden.

Zunahme der unselbstständig Beschäftigten in Tausend (Quelle: Mikrozensus, Statistik Austria), BIP-Wachstum in Prozent. Jahresdaten.

Summa Summarum braucht Österreich aktuell 3,5 bis 4 Prozent Wachstum, um die Arbeitslosigkeit zu senken, rechnet Johannes Kopf vor. Doch das Wachstum wird nur ein Fünftel dessen betragen. Damit dürfte Kopfs Prognose, dass 2016 bereits 500.000 Menschen in Österreich ohne Job sind, wohl zutreffen.

Wenn also jetzt nach einem Arbeitsmarkt-Gipfel gerufen wird, mag das löblich sein:

Aber angesichts der fundamentalen Herausforderungen am Arbeitsmarkt und der sich verändernden Arithmetik ist es unrealistisch auf eine schnelle Besserung zu hoffen.

Der Vergleich mit Deutschland zeigt, dass Österreich einen enormen Wachstumsschub nötig hat. Zwischen 2011 und 2016 wächst die deutsche Bevölkerung gerade einmal um 1,3 Prozent, in Österreich sind es fast drei Prozent. Wer den Wohlstand erhalten will, muss daher Strategien entwickeln, die das Wirtschaftswachstum kräftig ansteigen lassen und Ansiedelungen wie Investitionen fördern.

Addendum: Das alles sagt noch nichts über die Qualität der Jobs aus. Jahr für Jahr gehen tendenziell Vollzeitarbeitsplätze in klassischen Industrien verloren, Wachstum gibt es dafür bei Teilzeit-Beschäftigung sowie in Dienstleistungsbranchen und dem Tourismus.