Das Weltrettungs-Paradoxon

von Klaus Woltron / 19.05.2015

Das Wichtige vom Dringenden unterscheiden zu können, ist eine nützliche Eigenschaft. Die Zeit hat es allerdings mit sich gebracht, dass alles als höchst dringend empfunden wird. Instinktives Schnellkommentieren, krampfartiges Handeln und situatives Schielen nach unmittelbarem Beifall wurde zum Allerwichtigsten hochgespült. Die Lösung der wirklich großen Fragen überlässt man sicherheitshalber jenen, die sie dann nicht in die Praxis umsetzen können.

Zum Geleit

Ausgehend davon, dass ich es mit sachinteressierten Leserinnen und Lesern zu tun habe, mache ich erst einmal einen Schlenker in die jüngere Vergangenheit, bevor ich scharf zusammenfasse. So viel Geduld muss sein.

Konrad Lorenz erhielt 1973 den Nobelpreis. Unmittelbarer Anlass dafür war sein Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ – nur 109 Seiten, geistig aber unendlich voluminöser als die meisten aktuellen Klugscheißer-Schwarten.

Seine Liste mutet heute moderner an denn je:

  1. Übervölkerung
  2. Verwüstung des Lebensraumes
  3. Der Wettlauf mit sich selbst
  4. Wärmetod des Gefühls
  5. Genetischer Verfall
  6. Indoktrinierbarkeit
  7. Abreißen der Tradition
  8. Die Kernwaffen

Mittlerweile sind all diese Themen breit behandelt worden. Vor ein paar Jahren nahm auch ich Stellung, wurde von den üblichen Verdächtigen gescholten, von ihren ebenso üblichen Antagonisten belobt, wie stets in weltanschaulichen Fragen.

Manche der geschilderten „Sünden“ haben sich zwischendurch gewandelt, gewinnen aber jählings wieder an Bedeutung, andere haben sich drastisch zugespitzt.

Die Übervölkerung und damit das verzweifelte Ringen um Land, Wasser und Nahrung führen zu neuen Völkerwanderungen, Kriegen und Kulturkämpfen. Sie ist ohne Zweifel die langfristig herausforderndste Entwicklung für Europa.

Hauptaufnahmeländer für Asylsuchende weltweit
Boat People auf dem Weg

Die Fähigkeit, damit erfolgreich und friedlich umzugehen, werden nur Gesellschaften haben, die folgende Voraussetzungen erfüllen:

  1. Klare Ziele betreffend die Möglichkeiten und Grenzen von Migration, Integration und Hilfe vor Ort
  2. Wille zur Durchsetzung der einmal beschlossenen Maßnahmen
  3. materielle und politische Stabilität als Grundlage der beschlossenen Maßnahmen
  4. Mehrheitliche Akzeptanz in der Bevölkerung
  5. Sehr langer Atem in all diesen Fragen

Für all diese Voraussetzungen bedarf es eines Minimums an Konsens und Übereinkunft in der Bevölkerung eines Staates, das nur vermittels eines gemeinsamen Kanons von Grundwerten und Verhaltensweisen ermöglicht wird. Eine zu starke Zersplitterung in weltanschaulicher, religiöser und parteipolitischer Hinsicht führt unweigerlich zu einem Abfall des Sozialkapitals und damit zur Paralyse der vorher angeführten grundlegenden Voraussetzungen – ein klassischer Teufelskreis, wenn diese Paralyse durch ein Übermaß an kultureller Heterogenität herbeigeführt wird: Die Lösung vergrößert das Problem.

Dynamischer Konflikt
Dynamischer Konflikt
Das Ordnungsdilemma

Anomie: Der Verfall des sozialen Zusammenhangs

Der Verfall alter Geistesschulen und die Kurzatmigkeit der wenigen noch Orientierung vermittelnden Institutionen (Kirchen, Parteien, „weise“ oder dafür gehaltene Einzelpersonen und Gurus) verwirrt, verursacht Zank und Hader und schafft immer mehr Raum für Verführer. Zu alledem kommt noch das Problem, zwischen Gutwilligen und Verführern zu unterscheiden.

Die Notwendigkeit, in einer sich immer rascher ändernden Gesellschaft die erforderlichen Regeln anzupassen und nachzuführen, überfordert die Institutionen und begünstigt jene, die am lautesten schreien, am geschicktesten lobbyieren und die wirksamsten Netzwerke aufbauen. Dass dies in den meisten Fällen sozial suboptimal ist, bedarf keines weiteren Beweises.

Wirklich überzeugende Lösungen für den Hunger der Menschen nach neuen Zielen, die all den Ungewissheiten, Ängsten und Bedrohungen Rechnung tragen, werden – unter anderem – aus Zeitmangel, Sachzwängen und intellektueller Faulheit nicht entwickelt. Der Hauptgrund dafür aber ist sehr einfach: Es gibt keine wirklich überzeugenden, glaubwürdigen und vermittelbaren Theorien für Auswege aus dem vielstufigen Multilemma, in das die Menschheit hineingeraten ist. Dabei ist der „Markt“ in den Herzen und Gehirnen der Menschen für neue einleuchtende, ehrliche und kluge Visionen riesig – größer als jener für die Produkte von Netflix, Bill Gates und Steve Jobs zusammen.

Naturrecht

Die Zehn Gebote resultierten aus den uralten Gesetzen der Naturreligionen. Der Kant’sche kategorische Imperativ ist eine Intellektualisierung der Volksweisheit „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“. Übrigens hat ihn Kung Fu Tse schon viel früher klar ausgesprochen. Diese Ordnung für den Umgang der Menschen untereinander funktionierte – wenn sie respektiert wurde – jahrtausendelang. Heute allerdings, in der geschichtlichen Zeitenwende, da 7 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, der Handel und die Konkurrenz grenzenlos, das Gedränge auf der Erde bedrohlich wird und die Ausbeutung der Natur, die Produktion von Abfällen gewaltige Ausmaße erreicht, genügen die alten Tugenden nicht mehr. Hat Lorenz mit seinen „acht Todsünden“ recht – und sie umfassen mehr als die christlichen Erzsünden (Geiz, Völlerei, etc.) – dann brauchen wir auch neue Tugenden.

Warum kümmern wir uns, die wir ja so unendlich klug sind und im Cyberspace surfen, Raumstationen bauen, alle Kraft in Zins und Zinseszins investieren, nicht auch einmal mit gleicher Energie darum, dieses fundamentale Problem zu checken? Warum denken wir nicht über die kommenden „Acht Tugenden“ der – angeblich – zivilisierten Menschheit nach? Wenn es da keine neuen Einfälle gibt, wird’s mit der Zivilisation nicht mehr weit her sein, und ob man dann noch auf Raumstationen und in den Cyberspace abhauen kann, ist füglich zu bezweifeln.

Doch halt: Das alles geschieht ja schon überall! Warum aber sieht man keinen positiven Effekt?

Das Weltrettungs-Paradoxon

Das fast komisch anmutende Dilemma besteht darin, dass jene, die dem Staaten- oder kontinentalen Egoismus huldigen und im Besitze der Macht sind, enorme Mittel in die Definition und Verfolgung des – für sie selbst – Wichtigen investieren.

Jene aber, die selbstvergessen das Wohl der gesamten Menschheit im Auge haben – wie z.B. zahllose NGOs, grüne Parteien, Neokommunisten, weltverbessernde Thinktanks – in machtlosem Theoretisieren und moralischer Onanie verharren. Ich selbst habe das lange Jahre praktiziert – viel Arbeit, viel Goodwill – no result.

Es existieren bereits zahllose Rezepte, wie man die ganze Welt retten könnte. Jene, die die wirkliche Macht haben, scheuen sie aber wie der Teufel das Weihwasser: Sie denken ausschließlich an sich selbst und das eigene Überleben.

Das Weltrettungs-Paradoxon: Die ganze Welt wollen jene retten, die keine Macht haben. Die sie haben, retten sich lieber selbst

Die Moral von der Geschicht’

  • Das größte Problem der Menschheit im 21. Jahrhundert ist die Bevölkerungsexplosion und dessen politische, kulturelle und ökonomische Herausforderung für entwickelte und wohlhabende Staaten.
  • Alle anderen Faktoren (Kriegsgefahr, möglicher Zerfall der EU, Massenarbeitslosigkeit, Anomie und soziale Krisen, steigende Umweltbelastung) sind direkte oder indirekte Folgeerscheinungen.

Altruismus und praktizierte Nächstenliebe kann nur innerhalb einer in sich einigermaßen geschlossenen Gesellschaft mit akzeptierten Regeln nachhaltig erfolgreich praktiziert werden. Und noch etwas: ein Schelm, der mehr gibt, als er hat: Selbstlosigkeit als Einbahnstraße endet in der Wüste des Systemzusammenbruchs.