Der Charakter des Chamäleons

von Thomas Roithner / 29.03.2015

Auch wenn sich viele nicht durch die paar hundert Seiten durchgewälzt haben. Dass er ein Chamäleon sei, gilt als allgemein bekannt. Der Krieg. In unterschiedlichen Facetten arbeitet man sich noch heute daran ab, was der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz 1832 in seinem Hauptwerk „Vom Kriege“ dargelegt hat: „Der Krieg ist also (…) ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert.“

Kriege im Wandel
Kriege im Wandel
Kriege im Wandel. Aufgenommen in der Nürnberger Burg

Konfliktbarometer 2014

In scheinbar übermäßig kriegerischen Zeiten schießen Friedens- und KonfliktforscherInnen allerlei Provenienz wie die Schwammerl aus dem Boden. Vom „neuen Kalten Krieg“, dem „heiligen Krieg“ oder dem drohenden „globalen Krieg“ ist zu lesen.

Wer Fundiertes sucht, geht nicht zum Schmiedl, sondern zum Schmied. Im Falle der Systematisierung von Kriegen, gewaltlosen und gewaltsamen Krisen oder Staatsstreichen ist eine ganz wichtige Adresse zweifellos das HIIK – das Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung. Dieses hat soeben sein bekanntes „Conflict Barometer 2014“ vorgelegt. Über 120 Personen tragen zu diesem seit 1992 erscheinenden Werk bei. Tabellen, Statistiken, Kartenmaterial und Visualisierungen von Konfliktverläufen zählen ebenso dazu wie die Beschreibung aller im Jahr 2014 registrierten Konflikte und Kriege. Es enthält eine ganze Reihe von schlechten Nachrichten. Eine der wenigen guten Nachrichten: Man kann das Konfliktbarometer kostenlos im Internet abrufen.

Was ist ein Krieg?

Die Heidelberger Konfliktforschung legt den Untersuchungen eine Reihe von Unterscheidungen zugrunde. Wichtig ist dabei der Begriff des KonfliktsNach der neuen Heidelberger Konfliktmethodik versteht das HIIK unter einem politischen Konflikt eine Positionsdifferenz hinsichtlich gesamtgesellschaftlich relevanter Güter – den Konfliktgegenständen – zwischen mindestens zwei maßgeblichen direkt beteiligten Akteuren, die mittels beobachtbarer und aufeinander bezogener Konfliktmaßnahmen ausgetragen wird, welche außerhalb etablierter Regelungsverfahren liegen und eine staatliche Kernfunktion oder die völkerrechtliche Ordnung bedrohen oder eine solche Bedrohung in Aussicht stellen (Quelle: hiik.de)..

Es wird nicht nur zwischen Krieg und Frieden differenziert, sondern man kategorisiert in fünf Stufen einen Disput (Stufe eins), eine gewaltlose Krise, eine gewaltsame Krise, einen begrenzten Krieg und einen Krieg (Stufe fünf). Die Einteilung eines Konfliktes richtet sich am Grad der physischen Gewaltanwendung. Diese Gewaltanwendung misst sich einerseits an den zum Einsatz kommenden Mitteln (Waffen, Personal) sowie an den Folgen (Opferzahlen, Zerstörung und Flüchtlinge).

Gewalt- und Konfliktintensitäten
Gewalt- und Konfliktintensitäten
Konfliktintensitäten nach dem Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung, hiik.de

Welt der Kriege und Konflikte 2014

Gemäß den unterschiedlichen Konfliktintensitäten konnte die Forschung insgesamt 424 Konflikte zählen. 46 dieser Konflikte gelten als „hochgewaltsam“ und 21 davon erfüllen die Definitionsmerkmale der Stufe fünf, nämlich Krieg. Im Jahr 2013 waren es 20 Kriege, die sich jedoch auf weniger Länder verteilten.

Regionale Streuung der Kriege

Seit 2008 muss das HIIK aufgrund der Lage in der Ukraine (Donbas) wieder einen Krieg in Europa verzeichnen. Auch in Amerika (Drogenkrieg in Mexiko) und Asien (militante Gruppen in Pakistan) wird jeweils ein Krieg aufgelistet. Wie in den Vorperioden werden die meisten Kriege – jeweils neun – im Vorderen und Mittleren Osten und in Subsahara-Afrika registriert. Im Vorderen und Mittleren Osten erhöhte sich die Anzahl der Kriege um drei und im subsaharischen Afrika konnte die Anzahl um zwei reduziert werden.

Gewaltsame Konflikte 2014
Gewaltsame Konflikte 2014
Gewaltsame Konflikte im Jahr 2014<br /> Quelle: Konfliktbarometer 2014, HIIK

Im subsaharischen Afrika gelten Zentralafrika, Kongo, Uganda, Nigeria, Somalia, Südsudan und Sudan zu den Kriegsregionen. Staaten wie Sudan und Nigeria werden von mehreren Kriegen unterschiedlichster Ursachen gleichzeitig heimgesucht. Dies gilt auch für den Mittleren Osten und Maghreb. Auch in Syrien und Jemen differenziert die Heidelberger Konfliktforschung die jeweils mehreren Kriege bezüglich der unterschiedlichen Ursachen, Akteure, Gewaltmittel und Folgen der Gewalt.

Das Kriegsgeschehen außerhalb von Europa wird stark von transstaatlichen Akteuren geprägt. Sie kennzeichnen sich durch eine Distanz vom staatlichen Rahmen, in welchem sie agieren. Als Beispiele lassen sich der Islamische Staat (IS oder ISIS) oder Boko Haram anführen.

Bei den „hochgewaltsamen“ Konflikten der Stufe vier (sogenannte begrenzte Kriege) wurden 25 gezählt. Neun davon in Subsahara-Afrika (alleine fünf davon in der DR Kongo), fünf im Mittleren Osten und Maghreb, fünf in Asien und Ozeanien sowie drei begrenzte Kriege in Kolumbien.

Beweggründe

Zwischenstaatliche Konflikte werden häufig um Territorium (50 Konflikte), internationale Macht (35 Konflikte) sowie um Bodenschätze, Fischgründe und Wasser ausgetragen. Bei den innerstaatlichen Konflikten können der Kampf um die nationale Macht (bzw. eine politische Systemänderung), Fragen von Sezession und Autonomie sowie Ressourcenverteilung angegeben werden.

Die heutigen besonders kriegerischen Zeiten?

Sowohl die Anzahl der Konflikte mit niedriger, mittlerer und hoher Intensität hat sich seit 1945 mit insgesamt 83 Konflikten bis heute mit 424 Konflikten stetig aufwärts entwickelt. Die hochgewaltsamen Konflikte (begrenzte Kriege und Kriege der Stufen vier und fünf) nahmen von 1945 bis 1992 durchschnittlich um etwa einen Konflikt jährlich zu. 1992 wurden knapp über 50 Konflikte hoher Gewaltintensität aufgezeichnet. Die Abnahme bis 2010 musste seither wieder nach oben korrigiert werden.

Die Konflikte mittlerer Intensität entwickelten sich bis 1992 parallel mit den Kriegen stetig und zahlenmäßig ähnlich nach oben. In den letzten beiden Dekaden kam es zu einem enormen Anstieg. Heute müssen 177 gewaltsame Krisen (mittlere Intensität) verzeichnet werden. Die nicht gewaltsamen Konflikte (Stufe eins und zwei) belaufen sich auf knapp über 200.

Konflikte von 1945 bis 2014
Konflikte von 1945 bis 2014
Konflikte niedriger, mittlerer und hoher Intensität 1945 bis 2014,<br /> Quelle: hiik.de

Der Eindruck, der von vielen Medien heute bezüglich der besonders hohen Intensität und Anzahl heutiger Kriege erzeugt wird, kann mit Hilfe der Konfliktursachenforschung nicht vollinhaltlich bestätigt werden.

Zweifellos kann festgestellt werden, dass seit 1945 innerstaatliche Konflikte verhältnismäßig mehr angestiegen sind als zwischenstaatliche Konflikte. Im Gegensatz zur Periode vor 1989 können heute wesentlich mehr Konflikte durch die Vermittlung Dritter beendet werden. Alleinige Militärinterventionen enden kaum erfolgreich.

Neben dem Ansatz aus Heidelberg gibt auch die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) der Universität Hamburg regelmäßig differenzierte Analysen heraus. Etwas unterschiedliche Definitionen, Methodologien und Kategorisierungen zeigen im Großen und Ganzen ähnliche Ergebnisse.

Nicht gewaltsame Konflikte und „vergessene Kriege“

Der ausdifferenzierte methodische Zugang der Heidelberger Konfliktforschung erkennt auch Dispute, die auf gewaltfreier Basis ausgetragen werden. Dies ermöglicht eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für allfällig künftige gewaltsame Konflikte und bietet Möglichkeiten der rechtzeitigen zivilen Konfliktprävention. Allein in Europa zählt das HIIK 29 gewaltfreie Dispute und 23 gewaltfreie Krisen, keine jedoch in Österreich. Während in Subsahara-Afrika 18 hochgewaltsame Konflikte gezählt werden, sind – im Vergleich zu Europa – lediglich 25 gewaltfreie Dispute und 15 gewaltfreie Krisen genannt. Die wenigen Kriege in und um Europa stehen häufiger im Rampenlicht der Berichterstattung.

Die Auseinandersetzung mit „vergessenen Kriegen“ ist nicht selten eine um Berichterstattung, Wirtschaftsinteressen und geopolitische Interessen.

Charakter des Chamäleons

Der Krieg ändert nach Clausewitz seine Natur. Das stellt auch die Konfliktursachenforschung vor ständige Herausforderung. Manche Konflikte verlieren zunehmend ihre geographische Dimension (sogenannte „Cyberkonflikte“) oder werden ohne Beteiligung von staatlichen Akteuren ausgetragen.

Die umfangreiche Debatte, ob sich Deutschland in Afghanistan im Krieg befindet oder nicht, ist Teil dieser Diskussion. Kriegsbeteiligungen westlicher Staaten werden als „Krisenmanagement“, „Stabilisierungseinsatz“, „Operation“, „peace enforcement“, „humanitäre Intervention“ oder als „Schutzverantwortung“ präsentiert. Im Außenpolitischen Bericht Österreichs (2001) wurde für die EU der Begriff der „Friedensstreitmacht“ gebraucht. Eine Sensibilität mit den verwendeten oder übernommenen Begriffen ist in diesen Fällen besonders wichtig.

Die aktuelle Österreichische Sicherheitsstrategie aus dem Jahr 2013 weist auf zahlreiche Herausforderungen, Risiken und Bedrohungen hin. Dazu gehören u.a. Wirtschaftskriminalität, Korruption oder sicherheitspolitische Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Ein Fall für das Chamäleon?