Der Herr und seine Magd

von Elisabeth Gamperl / 12.02.2015

Während Barbara Kaufmann die ökonomische Ebene des Buches analysiert, setzte ich mich in die Kino-Vorführung von „Fifty Shades of Grey“. 

Eines vorweg: Wer sich auf waghalsige Bondage-Spiele und Sadomaso-Praktiken eingestellt hat, braucht sich „Fifty Shades of Grey“ nicht anschauen. Bei diesem sogenannten „Mutti“-Porno geht es nicht um Lust an Schmerz oder spielerischer Unterwerfung, sondern er zeigt 120 Minuten lang einen gebrochenen Willen und ein ungleiches Machtverhältnis.

Die eine Seite dieses Verhältnisses ist die naive Studentin Anastasia Steele, gespielt von Dakota Johnson. Sie ist männertechnisch komplett unerfahren, lässt sich von ihren Mitmenschen auf der Nase herumtanzen, Selbstbewusstsein gleich null, und was sie mit ihrem Leben anfangen will, weiß sie auch nicht so genau. Anstatt Selbstverantwortung zu übernehmen, wartet sie auf einen Typen, der sie rettet. Klassischer Schnulzenstoff.

Da kommt ihr der Konzernchef Christian Grey (Jamie Dornan) gerade recht. Christian ist ein unheimlicher, ungeduldiger und manipulierender Kontrollfreak, der keine Widerrede duldet (sonst wird der Hintern versohlt). Er ist ein Stalker und lässt Anastasia ungern alleine. Deswegen taucht der 27-Jährige auch ständig einfach so bei ihr auf: In ihrer Arbeit, als Anastasia ihre Mutter in einer anderen Stadt besucht, und einmal steht er sogar einfach so in ihrer Wohnung, weil sie sich schon länger nicht bei ihm gemeldet hat.

Anastasia fürchtet sich aber nicht vor ihm, sondern findet das irgendwie anziehend und verführerisch. Wahrscheinlich, weil er ein reicher Kerl mit Sixpack ist und sie mit Geschenken überhäuft. Wer lässt sich schon gern von einem Unterschichts-Kerl ohne Kohle und Fuhrpark in der Garage stalken? Eben!

Er hat sich das hilfloseste Wesen Seattles ausgesucht

Die Beziehung der beiden ist unglaublich kapitalistisch. In diesem Film ist ständig die Rede davon, dass sie einen Vertrag unterschreiben soll, in dem genauestens geregelt ist, was er in seinem Sadomaso-Spielzimmer mit ihr machen darf und was nicht. („Ich möchte Fisting nicht im Vertrag!“ – „Gut, das streichen wir.“)

In „Fifty Shades of Grey“ geht es nicht um Lust zur Unterwerfung, denn dafür müssten beide gleichwertige Partner sein. Das sind sie nicht. Er hat sich das hilfloseste Wesen in ganz Seattle für seine Bedürfnisse ausgesucht.

Eigentlich könnte der Film als ziemlich witzige Selbstparodie durchgehen, denn die Szenen sind die meiste Zeit sehr prüde. Wenn es dann doch einmal wirklich zur Sache geht und gepeitscht wird, läuft sie heulend davon. Aber gut, das war auch nur Teil eins. Von drei.

Weniger Chemie als in der Waschmittelwerbung

Dieser Film zeigt ein Gegenmodell zu modernen Beziehungen. Das hat schon die israelische Kultursoziologin Eva Illouz in ihrer Buchanalyse beschrieben. Weil heute alles so wahnsinnig kompliziert ist, sehnt man sich in sexuellen Beziehungen nach klaren Regeln. Da kommt BDSM gerade recht: „Indem die BDSM-Sexualität klare, von Identitäten abgekoppelte Rollen festlegt, bietet sie die Sicherheit, die mit vorgezeichneten Rollen einhergeht, ohne zur traditionellen Geschlechterungleichheit zurückzukehren“, schreibt Illouz.

Dieses BDSM-Faible hat Christian übrigens, weil er als Kind missbraucht wurde. Das wiederholt er im Film auch immer wieder, damit versucht Regisseurin Sam Taylor-Wood wohl, dem Ganzen irgendwie psychologische Tiefe einzuhauchen. Vergebens.

Es gibt Parfüm-Werbungen mit mehr TiefgangTollster Dialog: Sie: „Ich bin noch Jungfrau.“ Er: „Wo bist du mein ganzes Leben gewesen?“ Sie: „Ich habe auf dich gewartet.“ und Handlungsbogen als bei „Fifty Shades of Grey“. Und Waschmittel-Reklame mit mehr Chemie zwischen den Darstellern. Zwischen Dakota Johnson und Jamie Dornan prickelt in den 120 Minuten rein gar nichts. Auch wenn Christians übermäßiges Gestoße und Anastasias „Orgasmen“ darüber hinwegtäuschen sollen.

Es ist aber schwierig, Film oder Buch als „Mutti“-Porno für ein paar Hausfrauen abzutun, wie es manche englische Literaturkritiker getan haben. Dafür verkauft es sich einfach zu gut: 450.000 Karten wurden beispielsweise in Deutschland im Vorverkauf bestellt – das sind mehr als bei Herr der Ringe oder James Bond. Auch in Österreich wurden mehr als 50.000 Karten im Vorhinein bestellt.