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Ja, der moderne Terror ist vom Islam inspiriert. Aber das spricht nicht gegen Religion an sich

Meinung / von Felix E. Müller / 28.03.2016

Ohne Fundamentalismus in den Moscheen gäbe es die Gewaltorgien der Islamisten nicht. Auch andere Religionen kennen solche Exzesse. Die Christen haben immerhin aus der Geschichte gelernt.

Europäische Politiker wissen mittlerweile, wie sie auf die sich häufenden Terrorattacken zu reagieren haben. Man erklärt die Taten mit den schwierigen Lebensumständen vieler Immigrantenkinder. Diese hätten keine Chancen und würden aus reiner Perspektivenlosigkeit zu Selbstmordattentätern. Mit Religion habe das ganz sicher nichts zu tun – eine Auffassung, die dann durch gemeinsame Auftritte mit christlichen, jüdischen und muslimischen Geistlichen an den jeweiligen Gedenkgottesdiensten unterstrichen wird.

Diese Haltung ist vielleicht löblich, sicher aber in der Sache falsch. Die empirischen Beweise, welch zentrale Rolle der Islam im Denken der Terroristen spielt, sind überwältigend. Sie beginnen mit der Beobachtung, dass diese jeweils „Allahu akbar“ („Gott ist gross“) rufen, bevor sie schießen, stechen, köpfen oder Sprengstoffgürtel zünden. Sie führen zur Tatsache, dass Moscheen zentrale Rekrutierungsorte für Islamisten geworden sind, von wo sie heute etwa nach Syrien in den Kampf für einen Gottesstaat ziehen. Sie finden ihre Bestätigung in den Aussagen von Führungsfiguren der Islamisten wie etwa dem IS-Chef al-Baghdadi oder Osama bin Laden, die mit Verweis auf den Koran zum heiligen Krieg gegen „den Unglauben und die Ungläubigen“, im Speziellen gegen den Westen aufgerufen haben.

Zunehmender Fundamentalismus

An diesem Punkt pflegen die Islam-Versteher einzuwenden, diese Aussagen seien nicht repräsentativ für den Islam. Dieser zeichne sich vielmehr aus durch eine Botschaft der Gewaltfreiheit und des Friedens. Ohne Zweifel ist richtig, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime mit Gewalt nichts zu tun haben will. Aber das entbindet diese nicht von der Verantwortung dafür, was radikale Elemente im Namen ihrer Religion anrichten. Dies trifft umso mehr zu, als der Fundamentalismus in der islamischen Welt zunimmt und das gesellschaftliche Klima in ganzen Ländern wie etwa Indonesien zu verändern beginnt – ganz abgesehen von den Ereignissen im Nahen Osten, wo der Islamische Staat ein vormodernes, auf dem Koran basierendes Kalifat zu errichten sucht.

Der Fundamentalismus ist attraktiv, da er auf einfache Weise die Welt erklärt, Sinn stiftet und so dem Einzelnen Halt verleiht. In der arabischen Welt entwickelt diese Botschaft besondere Zugkraft, steht diese Welt doch seit längerem auf der Verliererseite der Geschichte und fühlt sich vom Westen dominiert und gedemütigt. In den Großstädten Europas wird die Botschaft von jugendlichen Immigranten entdeckt, die überfordert sind mit all den Zweifeln, die der Preis der Freiheit westlicher Gesellschaften sind. Viele der jüngsten Terroristen haben lange ein Leben mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll geführt, bis sie in einer Moschee die vermeintlich wahre Botschaft entdeckten. So wird die gnadenlose Bestrafung der Ungläubigen, die weiterhin dem liberalen Lebensstil Europas frönen, auch eine Entlastungshandlung, um Buße zu leisten für die eigenen Sünden.

Die Christen haben aus der Geschichte gelernt

Unvermeidlich in dieser Debatte ist dann jeweils das Argument, die Christen seien ja nicht besser. Im Gegenteil: Sie hätten noch übler gewütet, wie etwa die Kreuzzüge oder die grausamen Methoden der Inquisition zeigten. Selbstverständlich ist dieser Einwand richtig; es ließen sich auch diese Taten problemlos mit Zitaten aus der Bibel rechtfertigen. Aber diese Beispiele stammen allesamt aus der Historie. Zwar gibt es heute auch einen christlichen Fundamentalismus. Nur wird dieser fast nie gewalttätig. Die Christen haben aus der Geschichte gelernt.

Während mehr als hundert Jahren litt Europa im 16. und 17. Jahrhundert unter Religionskriegen, bis es in den Köpfen dämmerte, dass der Mensch nicht abschließend beantworten könne, für welche Partei Gott sei. Die Trennung von Kirche und Staat, die Auffassung, dass alle Bekenntnisse gleichberechtigt seien, die Idee der Toleranz führte dazu, dass die Religion ihre Bedeutung als Motivationskraft und Legitimationsquelle für politisches Handeln weitgehend verlor. Es gibt heute ja kaum christliche Selbstmordattentäter. Solche müsste es aber unter den christlichen Minderheiten in den muslimischen Staaten auch geben, wenn die Kolonialgeschichte und die heutigen politischen Verhältnisse am Boom des Islamismus schuld sind.

Religion abschaffen?

Ist aber Europa nicht auf halbem Weg stehengeblieben? Wäre nicht erst die Abschaffung von Religion die Garantie für eine Welt mit weniger Streit und Gewalt? So vordergründig plausibel dieser Denkansatz ist, wie er etwa vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins vertreten wird, so rasch wird er mit dem Hinweis auf Hitler, Stalin oder die Französische Revolution widerlegt. Fundamentalismus ist eine Denkstruktur, die nicht bloß in der religiösen Sphäre zu finden ist, sondern auch bei Verherrlichern der Rasse, der Nation oder einer absoluten materiellen Gerechtigkeit.

Diesen Ideologien geht jedoch die positive Kraft ab, die Religion entfalten kann. Wer zu Ostern eine Kirche, ein Konzert mit geistlicher Musik besucht, wird daran erinnert. Religion vermittelt ein Set von Werten – Nächstenliebe etwa oder Toleranz –, die für das Funktionieren einer Gesellschaft von großem Wert sind. Diese Leistung vermag jede Religion auf ihre Weise zu erbringen, keine verfügt über die absolute Wahrheit. Leider ist im Islam diese Überzeugung noch nicht Allgemeingut. Solange sich daran nichts ändert, wird er immer auch dem Terrorismus ein Nährbett sein.