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Experten-Interview

„Der IS ächzt unter seiner Verantwortung“

von Elisalex Henckel / 11.11.2015

Warum der Terrorismus-Experte Peter Neumann davon überzeugt ist, dass der Islamische Staat in zwei bis drei Jahren Geschichte ist.

Professor Neumann, Sie haben vor ein paar Tagen auf Twitter geschrieben, dass die Terrorgruppe Islamischer Staat Erschöpfungserscheinungen zeigt. Was genau macht Sie so optimistisch?
Peter Neumann: Der Islamische Staat kämpft damit, Positionen zu halten, die er voriges Jahr dazugewonnen hat. Aber es gibt nicht nur militärische, sondern auch ökonomische Probleme. Der Islamische Staat ächzt unter der Last der Verantwortung, die so ein Staatsgründungsprojekt mit sich bringt. Alle beschweren sich, dass die Versorgung mit Wasser, Elektrizität und Lebensmitteln nicht mehr funktioniert. Nur ganz wenige Leute sagen, die Situation ist besser als vor einem Jahr. Der Islamische Staat hat sein Momentum verloren.

Woran sehen Sie das?
Die Zahl der Auslandskämpfer aus Europa nimmt nicht mehr zu. Es gehen schon noch einige, aber viel weniger als letzten Sommer. Die Kurve geht drastisch nach unten. Und die, die gehen, sind meistens nicht die hellsten Köpfe. In Syrien müssen neue Kämpfer eingezogen werden, das sind also keine Freiwilligen mehr. Der IS war vor allem deshalb attraktiv, weil er so erfolgreich war, unaufhaltsam schien. Aber die Euphorie, die bei vielen Unterstützern letztes Jahr geherrscht hat, ist jetzt vorbei. Ich erwarte, dass in den nächsten zwei bis drei Monaten die Stadt Ramadi wieder an die irakische Regierung zurückfällt.

Hat die russische Intervention dem IS nicht zumindest in Syrien genützt?
Doch. Das Gesamtergebnis der Intervention war für den IS eher positiv. Die Russen greifen ja nicht den Islamischen Staat an. 85 Prozent der Schläge richten sich gegen andere Oppositionsgruppen, darunter Dschabat al-Nusra, aber auch gegen moderatere Gruppen. Sie dienen also vor allem der Stärkung von Assad, nicht so sehr dem Kampf gegen den IS. Das hat der Gruppe insgesamt genützt: Sie hat zum Beispiel im Norden von Aleppo einige Gebiete an sich ziehen können, weil die Russen ihr dort Feinde aus dem Weg geräumt haben.

Peter R. Neumann leitet das Institute for the Study of Radicalisation am Londoner King's College.
Credits: Imago

Wie geht es jetzt weiter?
Der IS wird zwar nicht militärisch besiegt werden, aber man kann ihn aggressiv eindämmen. Auf Dauer ist der IS als Staatsprojekt nicht überlebensfähig.

Woher wissen Sie das?
Nur wenn der IS sich ständig ausbreitet, kann er überhaupt die Ressourcen an sich ziehen, um weiter zu existieren. Wenn man diese Ausbreitung verhindert, ihn isoliert und eindämmt, dann wird dieser Staat irgendwann in sich selbst zusammenfallen. Nicht in 90 Tagen, wie das viele Politiker gerne hätten. Aber wenn wir ein bisschen mehr Geduld haben, wird dieser Albtraum in zwei oder drei Jahren vorbei sein.

Im jüngsten Bericht Ihres Instituts geht es um IS-Aussteiger: Zwei Drittel haben dem IS dieses Jahr den Rücken gekehrt. Werten Sie das auch als Schwächezeichen oder hat das methodologische Gründe?
Es ist jedenfalls ein Indikator dafür, dass beim IS nicht alle so super motiviert und einheitlich vorgehen wie Jürgen TodenhöferDer ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer hat sich auf Vermittlung eines deutschen IS-Kämpfers im Dezember 2014 zehn Tage lang im Machtbereich der Terrorgruppe aufgehalten und darüber ein umstrittenes Buch mit dem Titel „Inside IS – 10 Tage im ,Islamischen Staat‘“ geschrieben. es beschreibt. Es ist hingegen so, dass es dort viele Enttäuschte gibt. Manche sind mit falschen Vorstellungen hingegangen, andere halten den IS für korrupt und unislamisch. Wir wissen außerdem, dass Dutzende als Verräter oder Spione hingerichtet wurden. Außerdem ist es sehr schwierig geworden, den IS zu verlassen. Das alles zeigt, wie nervös die Gruppe geworden ist.

Was haben Sie von den Aussteigern über den IS erfahren, was Sie vorher noch nicht wussten?
Zunächst muss man sagen: Bloß weil jemand vom IS weg ist oder will, heißt das nicht, dass er ein Unterstützer der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist. Viele sind nach wie vor ziemlich dschihadistisch drauf. Aber es hat doch einige gestört, dass der IS nicht wirklich gegen Assad kämpft, denn das war für sie ein wirklich wichtiges Motiv, sich der Organisation anzuschließen. Stattdessen kämpft der IS gegen andere sunnitische Gruppen. Und damit wollen viele nichts zu tun haben. Andere klagen über korruptes und unislamisches Verhalten – oder über die Lebensbedingungen vor Ort. Ein indischer Aussteiger zum Beispiel hat berichtet, dass er aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe zum Kloputzen verpflichtet wurde. Solche Geschichten sind wichtig, weil sie zeigen, dass die Realität oft nicht der Darstellung des IS entspricht.

Werden diese Leute schon in der Anti-Extremismus-Arbeit eingesetzt?
Das hätten wir gerne, aber bisher ist das noch nicht geschehen.

Warum nicht?
Manchmal scheitert es an den Aussteigern selbst, weil viele Angst davor haben, dass der IS sich an ihnen rächt. Aber oft sind die Behörden einfach nicht mutig genug.

Welche Rollen sollten Vertreter konservativer religiöser Gruppen übernehmen?
Die sollten klarmachen, dass der IS problematisch ist. Das ist er ja – selbst aus salafistischer Sicht. Aber man sollte sich nicht zu viel davon erhoffen, schließlich hat es ja nicht einmal Al-Kaida geschafft, die Leute davon zu überzeugen, dass der IS falsch ist. Und wenn selbst die das nicht schaffen, können Sie sich vorstellen, dass weniger extremistische Gruppen noch größere Probleme dabei haben.

Warum ist das so?
Leute, die aus Deutschland oder Österreich zum IS gehen, tun das selten aus religiösen Gründen. Viele sind sogar religiöse Analphabeten. Für die ist der IS eher so eine Art Gegenkultur – und je mehr Vertreter des Establishment sich gegen den IS äußern, desto attraktiver wird er.

Wer sind dann die Leute, die Prävention, Interventionen und Deradikalisierung durchführen sollten?
Zum einen sind das die Leute, die selbst beim IS waren. Zum anderen können sie auch viel mit klassischer Jugend- und Sozialarbeit machen. Die Leute an die Gesellschaft binden, bevor sie nur noch den radikalen Gegenentwurf wollen. Elternarbeit ist auch sehr wichtig, weil die Eltern Veränderungen oft als Erste bemerken – und als Letzte noch mit den Betroffenen in Kontakt sind.

Und was sollte mit den bereits Radikalisierten passieren?
Deradikalisierung funktioniert nur dann, wenn der Betroffene es auch will. Das ist genau wie beim Rauchen. Wenn jemand im Gefängnis den IS toll findet, können Sie sehr wenig machen. Erst, wenn er schon Zweifel hat, können Sie diese verstärken – und ihn vielleicht in ein anderes soziales Umfeld hineinführen. Man kann nicht jeden deradikalisieren. Wenn jemand wirklich an die Sache glaubt, dann müssen wir ihn halt so lange einsperren, bis er nicht mehr gefährlich ist.

Der deutsche Politikwissenschaftler Peter Neumann leitet das Institute for the Study of Radicalisation am Londoner King’s College. Das Interview fand am Rande eines internationalen Kongresses der Universität Wien zum Thema „Religiöser Fundamentalismus“ statt. Neumanns jüngstes Buch „Die neuen Dschihadisten“ ist vor kurzem im Econ Verlag erschienen (256 S., 17,50 Euro).

Das Beitragsbild stammt aus einem Video, das die kurdische Regionalregierung im Nord-Irak veröffentlicht hat: Es zeigt amerikanische und kurdische Kämpfer bei der Befreiung von 70 Geiseln aus der Gewalt des IS in der Nähe von Kirkuk.