Der kubanische Traum – ein Mythos am Vorabend seines Verschwindens

von Andrea Köhler / 20.04.2015

Herrliche Oldtimer, schöne Strände: Der Tourismus in Kuba, der dank der verbesserten Beziehung zu den USA bald einen Aufschwung nehmen dürfte, lebt von Bildern, die auf eine Postkarte passen. Die Realität sieht weniger freundlich aus. Ein Reisebericht von Andrea Köhler, NZZ-Korrespondentin in New York.

Auf dem Weg durch die Schweinebucht, dort, wo im April 1961 der frisch gewählte US-Präsident John F. Kennedy mittels einer Invasion durch Exilkubaner Fidel Castro zu stürzen trachtete, steigt unser Fahrer vom Gas. Die Uferstraße von Trinidad nach Cienfuegos ist beinahe unpassierbar geworden. Ein dicker, korallenroter Belag ist auf dem Asphalt verteilt, eine stinkende Paste, aus der sich ab und zu etwas Krabbelndes schält. Millionen Krebse, die alljährlich im April die Küstenstraße überqueren, um ihre Eier im Meer abzulegen, sind hier plattgewalzt worden. Der Fahrer unseres Fords aus dem Jahr 1951 hat – für Kuba ein erstaunlicher Luxus – ein Ersatzrad im Kofferraum. Viele Autos bleiben hier liegen, weil die scharfen Krabbenscheren die Reifen zerschneiden. Clevere Reifenflicker haben ein Geschäft aus diesem alljährlich stattfindenden Massensterben gemacht; auch die Geier holen sich ihren Part. Irgendwie will mir dieses symptomatisch erscheinende Bild seit der Rückkehr aus Kuba nicht mehr aus dem Sinn.

Mythos und Folklore

Was haben unsere Bekannten und Freunde geschwärmt. Kuba, hieß es, sei einfach wunderbar. Die üppige Landschaft! Die fröhlichen Menschen! Die fabelhafte Architektur! Hier blühe sie noch, die karibische Lebensart, unverdorben von unserer konsumformatierten Bildschirm-Welt. Live-Musik vom Morgen bis Mitternacht, Buena Vista Social Club überall! Die leuchtenden Farben, der blätternde Charme, die herrlichen Oldtimer. Schnell noch einmal hin, dachten wir uns, bevor die Amerikaner kommen und das sozialistische Eiland in einen Absatzmarkt für unsern Überfluss umwandeln.

Seit Präsident Obama im letzten Dezember die Lockerung des über fünfzigjährigen Wirtschaftsembargos verkündete, scheint Eile für jene geboten, die noch „das alte Kuba“ erleben wollen, bevor die großen Konzerne ganz Havanna in eine Shoppingmall mit Chase-Bank-Filialen und Starbucks an jeder Ecke umbauen. Über 600.000 amerikanische Touristen würden für 2015 vorausgesagt, schreibt die FAZ. „Alle sind begeistert vom Puls des Lebens in der verkommenen, aber bildhübschen Stadt.“

Auch wir sind dem bildhübschen Authentizitätsmythos aufgesessen, nicht zuletzt aufgrund der sich seit der Öffnung mehrenden Reiseberichte der New York Times, die Kuba an die Spitze der „52 Places to Go in 2015“-Liste setzte. „Cuba is a beautiful island, green and fertile, a poem of vibrant color and sensual light, frozen in time“, dichtete ein Reporter im Reise-Teil. Also los, die Koffer mit Kulis und guter Seife bepackt, um die Kinder dieses Museums des real existierenden Sozialismus mit ein paar der begehrten Trophäen aus dem „land of plenty“ zu beglücken. Das Schamgefühl, das jene beschleichen mag, die nicht gerne ihre westlichen Privilegien ausstellen, lässt man besser zu Hause.

Noch immer ist es für Reisende aus den USA nicht einfach, nach Kuba zu fliegen, und gemeinhin kann man dies nur im Rahmen eines durchorganisierten Kulturprogramms tun. Wer sich keiner solchen Gruppenreise anschließen will, muss einen „nützlichen Zweck“ vorweisen und darf nicht einfach, wie etwa deutsche Neckermann-Reisende, in einem Ferienresort am Strand herumliegen und Cuba libre trinken. Journalismus gehört, obschon Kuba selbst nur eine einzige, staatlich gelenkte Zeitung hat, nach Beantragung eines diesbezüglichen Visums erstaunlicherweise dazu.

Laut Reporter ohne Grenzen ist Kuba neben China eines der „weltweit größten Gefängnisse für Journalisten“. Doch wir sind nicht hier, um die totalitäre Staatsmacht zu provozieren, sondern um die „eingefrorene Zeit“ im Horizont des politischen Tauwetters zu erkunden. Und da erhebt zunächst einmal, mit dem großen Vorsitzenden Mao zu sprechen, die „Kreatur des reaktionären Imperialismus, der Papiertiger“, ihr mächtiges Haupt. Die barocke Bürokratie sozialistischer Prägung verlangt, mindestens 4 Stunden vor Abflug am Schalter parat zu stehen. Doch geben wir der Vorfreude eine Chance: Havanna zeigt sich bei unserer Ankunft in mildem Abendlicht. Die Luft ist warm, ein Labsal nach dem brutalen New Yorker Winter, das selbst durch die heruntergekommene Szenerie auf dem Weg vom Flughafen ins Vorzeige-Viertel Habana Vieja vorerst nicht getrübt werden kann. Schließlich ist auch die Fahrt zum New Yorker Flughafen von Bruch und Müll gesäumt.

Und wirklich, so haben wir uns das doch vorgestellt: Das Hotelzimmer in dem renovierten Palazzo ist größer als viele Wohnungen in New York und hoch wie ein Kirchenschiff – ein Eindruck, der durch die schönen Buntglasfenster begünstigt wird. Die Touristen-Hotels in Kuba gehören dem Staat, der sich die Nacht in westlichem Standard teuer bezahlen lässt. Auf der Plaza vorm Fenster wärmen sich streunende Hunde. Und da steht es auch schon leibhaftig vor uns, „das alte Kuba“: ein lachender Greis, der durch die Zahnlücke „Guantanamera“ intoniert. Diese Nationalhymne, von Greisen und Gruppen an jeder Ecke rauf und runter gesungen, wird uns die nächsten Tage ebenso verfolgen wie die Angebote unerwünschter Dienstleistungen, mit denen die Kubaner ihren Lebensunterhalt aufbessern müssen.

Umgerechnet 20 Dollar im Monat verdient der Kubaner. Seit Fidel Castros Bruder Raúl die Teilprivatisierung einführte, versucht sich, wer kann, in der Tourismusindustrie über Wasser zu halten – der größten Einnahmequelle in dem heruntergewirtschafteten Land. Ein Dollar Trinkgeld in der eigens für Ausländer eingeführten Währung entspricht dem Tageslohn eines Arztes. Am besten verdienen die Taxifahrer, die mit ihren klappernden Oldtimern all jene Fremden schwarz über Land kutschieren, die sich von einem Verkehrsnetz komplett ohne Schilder schnell überfordert sehen. Touristen bewegen sich in einem Paralleluniversum. Für die andern gilt die verblasste Parole am Straßenrand: „Vaterland oder Tod!“

Che Guevara und Sextourismus

Das könnte bald anders werden. Letzte Woche hat die Wohnungsvermittlungsagentur Airbnb als erste amerikanische Firma eine ganzseitige Anzeige in der New York Times geschaltet: „The doors to 1,000 real Cuban homes are now open to you.“ Schon jetzt bieten jene Kubaner, die über die Räumlichkeiten verfügen, private Unterkunft an. Doch sind das wirklich die „real Cuban homes“, in denen der größte Teil der Bevölkerung haust?

Keine Frage: Im Zentrum von Habana Vieja, wo die UNESCO die historischen Gebäude wieder aufgebaut hat, fühlt man sich wie in den schöneren Gegenden von Paris oder Rom; auch die im Jahr 1514 gegründete Altstadt von Trinidad wurde sorgfältig restauriert. Doch abgesehen von den internationalen Anstrengungen um das historische Welterbe herrscht – und meistens direkt daneben – ein unvorstellbarer Bruch. Der Blick in die Straßenschluchten von Havanna Centro erinnert an die zerbombten Städte Deutschlands im Jahr 1945. Und die üppige tropische Vegetation? Die Fahrt über Land vermittelt ein vornehmlich staubbraunes Bild. Ein wenig Mais, ein paar Reisfelder, nirgendwo Blumen. Die Ananas schmeckt wie Stroh, aus den Limonen kommt kein Tropfen Saft. Wie hat sich der Mythos Kuba nur so lange halten können? Sind seit Hans Magnus Enzensbergers erst später eingestandenem Kuba-Debakel nicht schon Jahrzehnte vergangen? Doch Robert Redford, der sich im Jahr 1988 mit Fidel Castro im heute den internationalen Tourismus hofierenden Hotel Nacional ablichten ließ, hat den Máximo Líder noch 2004 beehrt. Und wenn man derzeit die Leserbriefe zu den amerikanischen Medienberichten liest, könnte man glauben, der „socialismo tropical“ sei den USA um Längen voraus.

Schon wahr: Das Bildungswesen und die Gesundheitsvorsorge sind vorbildlich – beides Gebiete, auf denen die USA beschämende Mängel aufweisen. 99 Prozent aller Kubaner können lesen und schreiben. Auch Drogen und Gewaltkriminalität sind nicht annähernd so verbreitet wie sonst in Amerika. Doch der Sextourismus steht hier in voller Blüte. Beleibte ältere Herren mit dicker Zigarre und sehr jungen Mädchen im Schlepptau sind vor allem in den großen Hotels sehr präsent. Schwer vorstellbar, dass diese Szenen dem Volkshelden Che Guevara in seinem Traum vom gerechten Staat vorgeschwebt haben. Von Fidel Castro, der die Staatsgeschäfte 2008 an seinen Bruder Raúl übergeben hat, sieht man in der Öffentlichkeit kaum mehr eine Spur. Che Guevara aber ist überall. Auf Geldscheinen, Postkarten und T-Shirts: El Che ist das Touristen-Maskottchen eines Unrechtssystems, das Andersdenkende unbarmherzig verfolgt. Allein im März wurden 610 kubanische Dissidenten festgenommen. Und während im Fernsehen stundenlang die Reden des toten venezolanischen Castro-Freundes Hugo Chávez laufen, wird die Zensur des Internets, in deren Ausübung Kuba derzeit die Weltspitze einnimmt, schon dadurch gewährleistet, dass kaum ein Kubaner Netzzugang hat.

Die Amerikaner sind an allem schuld – diese Staats-Devise wird in Zukunft nicht mehr so leicht zu gebrauchen sein. Die Mehrheit der Kubaner setzt große Hoffnungen in das Ende der Wirtschaftsembargos. Niemand behauptet, dass dadurch der Himmel auf Erden errichtet wird – aber doch ein besseres Leben als in den Trümmern eines Traumes, der vor mehr als einem halben Jahrhundert Wirklichkeit zu werden versprach.