Der Poker um Griechenland

Der Poker um Griechenland – letzte Runde

von Klaus Woltron / 18.02.2015

Wir erinnern uns an die Ergebnisse der Runde vor einer Woche:

Der Einsatz Tsipras‘ lautete:

Kein Schuldenschnitt, dafür unlimitierte Laufzeit der Kredite, Rückzahlungen gebunden an die wirtschaftliche Entwicklung. Verlängerung der bis Mai fälligen Kreditrückzahlungen zwecks Erarbeitung eines konkreten griechischen Businessplans.

Die Vertreter Europas setzten dagegen:

Sofortiges Einfrieren der EZB-Garantien für weitere Anleihen der griechischen Nationalbank. Keine Änderung der Kreditkonditionen für bestehende staatliche Kredite ohne Zustimmung der nationalen Parlamente. Aufrechterhaltung der Troika bis zur Zustimmung von deren Partnern zu einer Übertragung von deren Aufgaben. Bereitschaft zur Streckung der bestehenden Kredite und Senkung der Zinsen.

Der Nervenkrieg

Seither ist von all dem nicht mehr viel übrig geblieben. Nach Irrlichtern sowie einem nervtötenden Tarnen, Täuschen stellte sich allmählich heraus, dass die psychologischen Vorbereitungen der griechischen Verhandler gründlich gescheitert sind.

Außer schönen Worten, Schulterklopfen und leeren Versprechungen ernteten sie anlässlich hektischer Rundreisen von Tsipras und Varoufakis bei den vermeintlichen Verbündeten nichts. Auch die höchst durchsichtigen und unrealistischen Drohungen einer Hinwendung zu Russland im Falle des Scheiterns der Verhandlungen oder die sehr blumige Darstellung der griechischen Position in der NYT samt darauffolgender Hilfestellung des stets wacker das Keynes’sche Flammenschwert  schwingenden (damit auch klammheimlich die ökonomischen Interessen der USA subsidierenden) Populär-Nobelpreisträgers Paul Krugman nützte nichts.

Der ursprüngliche Jubel von vielen Linken und Grünen – auch jener aus allen Lagern, welche die traurige Lage des griechischen Volkes zu Recht bedauerten und auf eine vernünftige Lösung hofften – wird von einer zunehmenden Ernüchterung abgelöst.

Was soll am Ende des Tages herauskommen?

Der allgemeine – noch vorsichtig, aber immer lauter werdende – Tenor der Kommentare lautet:

Wissen die griechischen Unterhändler überhaupt, was sie konkret wollen? Warum sagen sie es nicht klar? Warum beschimpfen und beleidigen sie öffentlich jene, die ihnen bis dato bereits hunderte Milliarden geborgt haben und von denen sie zumindest noch einmal so viel erbitten werden müssen? Ist eine derart irrlichternde, wetterwendische und höchst populistisch agierende Gruppierung überhaupt fähig, die Herkulesarbeit, den griechischen Stall auszumisten, zu organisieren und die vielen Tiefpunkte durchzustehen?

Herkules und der Nemäische Löwe

Wenn sie sich a priori mit jenen, die sie unbedingt brauchen, zerstreiten: Wie soll man ihnen dann vertrauensvoll begegnen? Sind sie sich der Tatsache bewusst, dass diejenigen, welche sie beschimpfen, dies ebenfalls vor ihren eigenen empörten Bürgern (und Zahlern) zu verantworten haben?

Dem gleisnerischen Lächeln des französischen Finanzministers Sapin, dem verschwörerischen Grinsen des jugendlichen Revoluzzers Matteo Renzi samt dessen Krawattengeschenk folgte die kalte Dusche der Einbindung Frankreichs und Italiens in ein einstimmiges Ultimatum der EU-Finanzminister – als Auftakt der nächsten Pokerrunde.

Take it – or leave it

Gemeint ist damit die ultimative Forderung nach einem formellen Ansuchen Griechenlands um die Verlängerung der Stützungsvereinbarung ab 1. März 2015:  als letzte Chance, den bereits laufenden Banken-Run zu stoppen und den vielzitierten Grexit noch aufzuhalten.

In Anbetracht der bisherigen TTE-Politik der EU (Tarnen – Täuschen – Etikettenschwindel) ist mit über 50 Prozent Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass sie ihren Royal Flush

Royal Flush

gegen die mickrige Straight der Griechen nicht auf den Tisch legen und einem Kompromiss zustimmen wird, der die Malaise wieder um einige Jahre verlängert und noch um ein Vielfaches teurer macht.

Straight

Warum der Autor das so sieht?

Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.
(Theodor Storm, deutscher Jurist und Schriftsteller
* 14.09.1817, † 04.07.1888)

Erfolgreiche Systemwechsel – wie?

Die persönliche Erfahrung des Autors im Zusammenhang mit der (selbst erlebten und mitgestalteten) Restrukturierung und Wiederbelebung großer Organisationen (bis zu 200.000 Menschen) lässt sich in drei wesentlichen Forderungen komprimieren:

Erstelle nach sorgfältiger Analyse aller zugänglichen Informationen einen konzisen und mit allen Spielern abgestimmten Plan mit terminlichen Meilensteinen.

Gehe davon aus, dass dennoch alles dreimal so lange dauern und doppelt soviel kosten wird. Stehe daher mit den Geldgebern auf kollegialem Fuß.

Stelle sicher, dass die Durchführung des Projekts von erfahrenen, besonnenen, fruststrationstoleranten und möglichst uneitlen Persönlichkeiten in Angriff genommen wird.

Ist auch nur einer der oben angeführten Faktoren nicht gesichert, sollte man um ein derartiges Projekt einen möglichst großen Bogen machen.

Im Falle der Tsipras-Truppe, die sich, durch geschickte Nutzung des berechtigten Frusts der griechischen Bevölkerung, binnen zweier Jahre von einer 4-Prozent-Partei zur Regierungspartei entwickelte und nunmehr, ehe sie sich’s versah, die Verantwortung für ein darniederliegendes Land übernahm, sehe ich angesichts des bisherigen wetterwendischen und unprofessionellen Verhaltens keine der erwähnten Anordnungen erfüllt.

Die betrüblichen Aussichten

So oder so – wie immer der letzte Akt des Pokers nunmehr ausgeht – wird das griechische Volk der Leidtragende sein. Im Falle des Grexit erwartet es eine jahrelange, derzeit unkalkulierbare Leidensphase (von der Prof. Sinn annimmt, sie wäre noch das bei Weitem kleinere Übel für alle). Im Falle einer fadenscheinigen Einigung mit der EU würde es zu einer baldigen Ernüchterung in der Bevölkerung und zu einem weiteren Meinungsumschwung samt neuerlichem Regimewechsel in Griechenland kommen – und der Fortsetzung einer für alle Europäer frustrierenden Faß-ohne-Boden-Politik á la Ukraine: Gottseidank wenigstens nur mit friedlichen Mitteln.

Was man tun müsste, ist klar, lässt sich aber mit den handelnden Personen und unter den gegebenen Umständen (noch) nicht realisieren. Wenn mich jemand darum fragt, gebe ich gerne meinen submissesten und unmaßgeblichen Rat – auf den erfahrungsgemäß immer erst gehört wird, wenn die jeweiligen Kinder im Brunnen gurgeln.

Damit beende ich meinen Bericht über das Pokerspiel Griechenland – EU in Ermangelung eines absehbaren Gewinners.