Der Poker um Griechenland

Der Poker um Griechenland – Runde eins

von Klaus Woltron / 02.02.2015

Alexis Tsipras sitzt in Athen vor seinem Spieltisch. Hinter ihm befindet sich eine große Videowand. Man kann darauf seine Kontrahenten in Brüssel sehen: ganz vorne Jean-Claude Juncker mit verbindlicher Miene. Hinter ihm, tuschelnd und ihm bisweilen ins Ohr flüsternd, die EU-Kommissare, Angela Merkel, François Hollande samt Kollegenschaft.

Tsipras und sein Mitspieler, Finanzminister Yanis Varoufakis sind dagegen allein. Durch das geöffnete Fenster hört man die Hochrufe tausender Griechen, die ihren Helden zujubeln.

Beide Teams werden von je zwei Kameras beobachtet, jeweils eine davon an einem fahrenden Kran. Die Karten der Teams bleiben verborgen.

Runde 1: Die Eröffnung

Der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz, teilt die Karten aus – fünf für jede der Parteien. Die Spieler nehmen ihre Karten auf, bilden einen artigen Fächer und zeigen den Kameras eine überrascht-erfreute Miene.

Tsipras ist als erster an der Reihe, seinen Einsatz zu wagen: lässig die Beine unter dem Tisch ausstreckend, offenes Hemd, krawattenlos. Mit einem breiten Grinsen schaut er in seine Karten.

Tsipras’ Blatt

Die sind nicht schlecht. Als Herz-As leuchtet ihm brennrot und ermutigend die pure Angst der Brüsselianer um ihre Geschlossenheit und die ungewisse Zukunft entgegen. Das Erstarken EU- und Euro-feindlicher rechter und linker Strömungen nimmt sich an Alexis Tsipras’ Partei SYRIZA ein Beispiel und feiert ihn als einen neuen Robin Hood Europas. Das hilft beim Pokern und gibt Kraft. 

Robin Hood

Ein Pik-König markiert die Gewissheit, dass seine Gegenspieler bis zum Äußersten gehen werden, um ein Austreten (Grexit) Griechenlands aus dem Euro-Verbund zu vermeiden. Er weiß, dass ein solcher Schritt unkalkulierbare Folgen für die Kreditgeber hätte, welche ihm als Spieler gegenübersitzen – auf jeden Fall keine guten.

Gläubiger Griechenlands 2014

Die Herz-Dame steht für das Drohpotenzial, sich stärker zu Russland hinzuwenden, von dort direkte oder indirekte Unterstützung zu erhalten und damit die Achse EU–Washington per Veto bei weiteren Sanktionen zu spalten. Tsipras weiß, dass diese Dame ein hochwichtiges Asset in der Straight, die er in Händen hält, darstellt.

Der Kreuzbube markiert die Gewissheit, dass – für den Fall einer besonderen Hartleibigkeit Brüssels – ein langer und gnadenloser Fight vor aller Öffentlichkeit seinen Wählern in Griechenland vor Augen führen wird, dass er, als David, dem gräulichen Goliath dann dennoch das Äußerste abgerungen hätte: eine Rückzahlungsfrist bis zum St.-Nimmerleins-Tag, neue zinsenschwache Kredite, um den Preis der Hingabe etlicher Wahlversprechen, die eben seitens Brüssel mit Gewalt dann abgewürgt worden wären.

Ausweg Grexit

Der Kreuzzehner schließlich, als Letztes, markiert den geordneten und mit einer EU-Wiederaufnahme-Option gemilderten Grexit à la Prof. Sinn Austritt verkraftbar? – die für Griechenland, bei geordneter Abwicklung, nach Sinns wohlbegründeter Meinung langfristig beste Lösung. Gefangen im Euro

Tsipras’ Grinsen wird breiter. Er setzt:

Schuldenschnitt. Geberkonferenz. Stopp der Privatisierung. Erhöhung der Gehälter. Wiedereinstellung von Staatsbediensteten. Keine Akzeptanz der Troika. Kündigung der Chefs der Privatisierungsagentur, aber Verhandlungsbereitschaft. Keine einseitigen Aktionen.

Mit einem freundlichen Grinsen lehnt er sich zurück, spreizt ostentativ die kräftigen Beine und kratzt sich am Hemdausschnitt. Herausfordernd wartet er auf die Reaktion der Gruppe, die auf der Videowand sichtbar ist. Sein Finanzminister im Hintergrund feixt.

Die Karten in Brüssel

Jean-Claude hat einen Royal Flush in Händen – ein Blatt, das viel stärker ist als der wackelige Straight von Tsipras: das Kapital.

Die Macht der Gläubiger

Wenn die EU auf ihre völkerrechtlich verbindlichen Verträge pocht und in etwa zwei Wochen die weitere Finanzierung Griechenlands in Frage stellt, wird es eng. Allein die Aussicht darauf, dass so etwas passieren könnte, wirft bereits ihre Schatten auf die Finanzmärkte. Die Börse in Athen ist eingeknickt, die Griechen plündern ihre Konten, einige Banken haben bereits Schwierigkeiten, die Kunden mit Geld zu versorgen. Bankenkrise in Athen

Die Öffentlichkeit in der EU

Die öffentliche Meinung in Deutschland und England, aber auch, in zunehmendem Maße, in anderen großen europäischen Ländern, beginnt aufgrund des irrationalen Verhaltens der neuen griechischen Regierung – insbesondere des eifernden Finanzministers – in den letzten Tagen zu kippen und eher unfreundlich zu werden, abgesehen von gefühlsgesteuerten Altlinken und einer nicht zu unterschätzenden Sympathiebewegung in Spanien (Podemos.) Es wird sehr schwer werden, die Meinung der meisten Euopäer, die Griechen wollten auf ihre Kosten ihre Schulden loswerden, zu übergehen bzw. einen der erprobten „So-als-ob-Auswege“ aus dem Hut zu ziehen.

Unsicherheitsfaktor griechisches Volk

Die Presse in Griechenland ist opportunistisch. Sollte sich der Wind drehen, wird sie sich schnell wieder gegen die neuen Heilsbringer wenden und das Volk an jenen irre werden lassen.

Jean-Claude Juncker

Jean-Claude lehnt sich zurück. Hinter ihm, mit strenger Miene, Angela Merkel. Freundlich François Hollande, der Franzose mit dem Diplomatenlächeln, Matteo Renzi fröhlich, breit grinsend Martin Schulz, den Bart streichend. Die Riege der Adjutanten setzt hingegen besorgte Mienen auf.

Jean-Claude bietet

Kein Schuldenschnitt. Verträge sind strikt einzuhalten. Die Troika ist zu respektieren. Kein weiteres Geld ohne Einhaltung der Verträge. Schuldenstreckung ist verhandelbar. Punkt.

Alle stecken ihre Karten ein, verlassen die Tische und ziehen sich zu Beratungen zurück. Martin Schulz sichert das Spiel. Tsipras’ Vasallen machen sich auf den Weg nach Brüssel, Paris und Rom. Berlin wird gemieden. Man wird Freunde finden, die Frau Merkel gar nicht gefallen werden. Zum Beispiel in Paris. 

Die nächste Runde folgt bald. Auch hier auf NZZ.at

Einstieg: Hinhaltetaktik. Ausgestreckte (linke) Hand

PS.: Wer wird das bezahlen?

Griechische Staatsverschuldung relativ zum BIP