Der Poker um Griechenland

Der Poker um Griechenland – Runde zwei

von Klaus Woltron / 06.02.2015

Yanis Varoufakis, der neue griechische Finanzminister, hat sich als Ökonom auch mit der Spieltheorie beschäftigt. Er wird also das von dieser beschriebene Feiglingsspiel (Chicken Game) kennen: „Zwei Autos fahren in einer Mutprobe rasend schnell aufeinander zu. Wer ausweicht, ist ein Feigling und hat verloren. Weicht keiner aus, haben beide gewonnen, aber beide sind tot.“

Einsatz: 320 Milliarden Euro – und die Stabilität und wirtschaftliche Strategie Europas.

Wir folgen der nunmehr zweiten Runde.

Was bisher auf dem Spiel stand

Wir erinnern uns: In der ersten Runde setzte Tsipras …

Schuldenschnitt. Geberkonferenz. Stopp der Privatisierung. Erhöhung der Gehälter. Wiedereinstellung von Staatsbediensteten. Keine Akzeptanz der Troika. Kündigung der Chefs der Privatisierungsagentur, aber Verhandlungsbereitschaft. Keine einseitigen Aktionen.

… und hatte eine Straight in der Hand.

Jean-Claude, im Besitz eines satten Full House, setzte dagegen.

Kein Schuldenschnitt. Verträge sind strikt einzuhalten. Die Troika ist zu respektieren. Kein weiteres Geld ohne Einhaltung der Verträge. Schuldenstreckung ist verhandelbar. Punkt.

Am Samstag, dem 31. Jänner, trennte man sich. Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis tourten auf Schulden-Roadshow durch ganz Europa.

Auch Brüssel bewegte sich nach dem ersten Schock: Man sei zwar besorgt über die „grauenhafte Rhetorik“, habe aber bereits kreative Ideen, wie man Tsipras entgegenkommen könne. Für Mittwoch, 4. Februar, hatte man Vorschläge vorbereitet, wie man Griechenland „mit Geld versorgen“ könne, um Zeit zu gewinnen.

Die netten Kollegen in Europa: Suaviter in modo – fortiter in re. Schulterklopfen ohne Substanz

Der französische Finanzminister Sapin zeigte sich, wie auch sein italienischer Kollege, entgegenkommend. Doch im Laufe der Woche, nach viel Schulterklopfen und Lächeln, ergab sich, dass all die freundlichen Gesichter alles Mögliche bedeuten, nur eines nicht: substanzielles Entgegenkommen gegenüber Griechenland.

Die Woche vom 30. Jänner bis zum 6. Februar: Via Dolorosa Europa

Tsipras frisst Kreide
Sapin am Sonntag

Juncker umarmt Tsipras und spricht ihm Mut zu

Brüsseler Zaubershow

Die Chance auf einen Crash scheint wieder größer zu werden

Grexit – Chance wächst auf 20 Prozent

Ist Brüssel auf Kurs gegen Merkel?

Zwei gegen Angela Merkel

Brüssel: Zweckoptimismus ohne Cash

Mittwoch: Stimmungsaufheller in Brüssel
Tsipras und Eurogruppe
Schulterklopfen und kein Geld
Urangst vor Merkel-Verdikt

Sympathiewerbung auf Griechisch

Deutschland-Beschimpfung als Einstand

Schlussakkord: Draghi setzt Garantien aus, Schäuble „disagrees“ mit Varoufakis

EZB verweigert Notkredit
Schäuble: „We agree to disagree“
Panik an der Athener Börse
Abgeblitzt bei Schäuble

Die zweite Runde. Freitag, 6. Februar 2015

Tsipras und Varoufakis in Athen, Juncker, Draghi, fast alle Staatschefs, Finanzminister Schäuble und EU-Kommissare via Videowall zugeschaltet.

Finanzminister Schäuble

Die Gesichter sind angespannter als bei der ersten Runde. Schulz teilt je eine weitere Karte zu, diese wird geprüft – sowohl Tsipras als auch J.-C. Juncker geben sie wieder zurück und demonstrieren damit, dass sie ihre bisherigen Chancen als unverändert einschätzen. Was sie neu setzen, lässt allerdings ganz andere Schlüsse zu.

Tsipras, offensichtlich müde, flankiert von seinem wild dreinblickenden Finanzminister, wirft neue Jetons auf den Tisch.

Kein Schuldenschnitt, dafür unlimitierte Laufzeit der Kredite, Rückzahlungen gebunden an die wirtschaftliche Entwicklung. Verlängerung der bis Mai fälligen Kreditrückzahlungen zwecks Erarbeitung eines konkreten griechischen Businessplans.

Die Mannschaft der EU, nach längerem Tuscheln, verstohlenem Grinsen oder verständnislosem Dreinschauen, gibt ihrem Cardholder J.-C. Juncker folgenden Vorschlag zum Setzen mit:

Sofortiges Einfrieren der EZB-Garantien für weitere Anleihen der griechischen Nationalbank. Keine Änderung der Kreditkonditionen für bestehende staatliche Kredite ohne Zustimmung der nationalen Parlamente. Aufrechterhaltung der Troika bis zur Zustimmung von deren Partnern zu einer Übertragung von deren Aufgaben. Bereitschaft zur Streckung der bestehenden Kredite und Senkung der Zinsen.

Die Folgen

Im Klartext bedeutet diese Situation, dass Draghi „an der immer wieder gezogenen roten Linie kehrtgemacht hat und den Ball an die Politik – die Staats- und Regierungschefs der Eurozone – zurückspielt. Die einzige verbleibende Lösung ist nun (neben dem Euro-Austritt, den keine Seite will) ein neues Hilfsprogramm. Für solche Mittel gibt es andere Sicherheiten: Sparen und Reformen. Dass die Regierungen der Gläubigerstaaten darauf verzichten, würden ihnen die Steuerzahler kaum verzeihen. Premier Tsipras muss seine Wahlversprechen also vermutlich brechen. Der Konfrontationskurs könnte sich als Schuss ins Knie erweisen – wie es schon bei Zypern 2013 der Fall war.“ (Die Presse, 6.2.2015).

Dementsprechend lang und angespannt sind die Gesichter am Spieltisch. Mittlerweile heben die Griechen panisch ihre letzten Ersparnisse ab und verstecken sie unter lockeren Badezimmerfliesen – und anderswo.

Die dritte Runde

Alle Spieler ziehen sich grußlos zurück, sammeln ihre Karten ein und bereiten sich auf die nächste Runde vor. Viel Zeit und Spielraum bleibt ihnen nicht mehr. Die Uhr läuft ab