Der Promi-Faktor: Warum Madonna für Start-ups ihr Bein hebt

von Elisabeth Oberndorfer / 09.04.2015

Wie bestellt und nicht abgeholt stehen sie da. Einige von ihnen so, als wären sie eben aus dem Bett gestiegen. Die anderen, als kämen sie gerade von einer durchzechten Nacht. Es ist ein schmerzhaft unangenehmes Gefühl, 15 Pop-Musiker nervös auf einer Bühne stehen zu sehen. Mit einem noch unangenehmeren „Wooooow“ begrüßt Sängerin Alicia Keys das Publikum. Was wie die Neuauflage von „Band Aid“ aussieht, ist in Wirklichkeit die Präsentation eines neuen Musik-Streaming-Services, Tidal.

Madonna unterstützt Jay-Z’s neuen Musikdienst Tidal. (Bild: Screenshot)

Jay-Z hat 56 Millionen US-Dollar in den Spotify-Mitbewerber investiert und seine berühmten Freunde auf eine Bühne geholt, um eine Erklärung zu unterschreiben: für eine bessere Musikindustrie – eine, die Wünsche der Künstler in den Vordergrund stellt. Tidal soll die Plattform dafür sein. Madonna hebt sogar provokant ihr Bein auf den Tisch, als sie das Dokument bei dem Event unterzeichnet. Coldplay-Sänger Chris Martin sieht fingernägelbeißend über den Bildschirm zu, er ist via Videokonferenz zugeschaltet. Wer überraschenderweise nicht dabei ist: Spotify-Verweigerin Taylor Swift. Das schwedische Musikportal zahlt den Künstlern und ihren Labels offenbar zu wenig Geld. Kollege Jay-Z will das mit seinem Investment ändern.

Bekannte Gesichter für neue Dienste

Die vergangene Woche kann als Promi-Woche der Start-up-Branche bezeichnet werden. Denn nachdem die Pop-Elite ihre Erklärung groß anpries, folgten weitere Testimonials für neue Dienste aus der Technologiebranche. Die Talkshow-Moderatorin Ellen DeGeneres gab bekannt, exklusive Inhalte künftig auf der kürzlich gelaunchten Videoplattform Vessel zu veröffentlichen. Dabei ist ihr YouTube-Kanal einer der reichweitenstärksten. Und das Start-up aus San Francisco greift mit seinem Angebot genau das Monopol von Google an. Zahlen User drei Dollar pro Monat, nur um Unterhaltungsvideos zu sehen? DeGeneres schenkt ihren Zusehern das erste Jahr der Mitgliedschaft. Immerhin erreicht die Talkshow fast vier Millionen Menschen pro Folge. Was Vessel der Moderatorin auch geboten hat, die Wirkung dieser Kooperation ist beinahe unbezahlbar. Denn bis Mittwoch kannte außer Branchenkennern niemand den YouTube-Herausforderer.

Auch Madonna bleibt bei den Start-ups. Über die Livestreaming-App Meerkat wollte sie am Dienstag ihr neues Musikvideo ausstrahlen. Die Premiere floppte jedoch aufgrund technischer Probleme. Für die Betreiber der App ein bedauerlicher Fehler. Wenigstens hat der Popstar nichts für die Kooperation bezahlt. Das behauptet zumindest Gründer Ben Rubin in einem Interview. Wie die Zusammenarbeit mit Madonna zustande kam, wollte er nicht verraten. Für das Start-up war die Videopremiere ein Versuch, relevant zu bleiben. Denn Twitter hat mit Periscope vor einigen Wochen seine eigene Livestreaming-Lösung eingeführt.

Prominente Nutzer? Kein Zufall

Andere Start-ups sind offener in der Akquisition von prominenten Nutzern. Dass Musiker wie Eminem und Amanda Palmer den Dienst Gumroad nutzen, um ihre Alben über soziale Kanäle zu verkaufen, ist kein Zufall. „Wir haben ein gutes Business Development-Team, das solche Kooperationen anleiert“, sagt CEO Sahil Lavingia.

Ebenso kalkuliert ist es, wenn Reality-Star Kim Kardashian mit den Instagram-Gründern in Clubs abhängt. Sie ist für einen großen Anteil der Reichweite der Foto-App verantwortlich. Von vielen wird Kardashian belächelt, doch manche erkennen in ihr den Schlüssel zum Erfolg. Rocksänger, die ihre besten Zeiten schon hinter sich haben, und mittelmäßige Schauspieler sind immer öfter bei Pitch-Veranstaltungen im Silicon Valley anzutreffen. Irgendwie muss das viele Geld doch zukunftsträchtig investiert werden.

Promis verlieren den Anschluss

Für junge Unternehmen sind berühmte Namen das Eintrittsticket in den Massenmarkt außerhalb der Tech-Blase. Wer rasch Reichweite aufbauen will, sucht sich den passenden Promi-Partner. Bald wird sich der Spieß jedoch umdrehen. Denn Internet-Celebrities sind die Pop-Stars der jungen Generation. YouTube-Berühmtheiten erhalten von den Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit als die alte Elite, zu denen Madonna und Ellen DeGeneres zählen. Wer seine Kunst an ein lukratives Publikum verkaufen will, muss sie in dessen Kanäle einspeisen. Nicht umsonst nutzt US-Präsident Barack Obama das jugendliche Nachrichtenportal BuzzFeed, um seine politischen Inhalte zu verbreiten.

Peinlich ist es trotzdem, wenn die Schwerstverdiener der Unterhaltungsbranche verkrampft auf einer Bühne stehen und irgendetwas von Innovation stammeln. Das wäre 1999 in der Napster-Ära noch glaubwürdiger gewesen. In dieser Hinsicht sind Stars am Ende des Tages also auch nur Menschen.