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Syrien

„Der Westen ist in Syrien spektakulär gescheitert“

von Anna Trechsel / 14.02.2016

Der amerikanische Syrien-Experte und Nahost-Professor Joshua Landis rechnet damit, dass der syrische Diktator Baschar al-Assad den Bürgerkrieg gewinnt – dank der Unterstützung Russlands. Anna Trechsel hat ihn für die NZZ am Sonntag interviewt.

NZZ am Sonntag: Das Leiden der Syrer ist unvorstellbar. Neue Zahlen sprechen von 470.000 Toten, Millionen Vertriebenen, Zehntausenden Folteropfern, Hunderttausenden Hungernden. Naiv gefragt: Was kann getan werden, um das Leiden zu stoppen?

Joshua Landis: Die offensichtliche Antwort darauf: den Bürgerkrieg beenden. Das große Problem ist, wie das erreicht werden kann. Es gibt viele temporäre Maßnahmen, das meint US-Außenminister John Kerry, wenn er dieser Tage über Waffenstillstände spricht. Aber keine enthält eine politische Lösung. In Washington tobt eine heftige Debatte: Sollen die USA und der Westen Russland erlauben, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad ins Ziel zu bringen und zum Sieger in diesem Bürgerkrieg machen? Oder soll die internationale Gemeinschaft, insbesondere die Unterstützer der Rebellen – Saudi-Arabien, die Türkei, die Golfstaaten und die USA –, die Russen massiv einschüchtern und bedrohen, damit sie die Kampfhandlungen einstellen?

Wie lautet die Antwort?

Die Russen und Assad werden gewinnen. Zumindest vorübergehend. Erstens, weil der Westen nicht willens ist, sich richtig tief in den Bürgerkrieg zu stürzen. Und zweitens: Im Vergleich zu den Rebellen und ihren Förderern sind das syrische Regime, Russland, der Iran und der libanesische Hizbullah heute in einer Erfolgsphase, sie sind entschlossen und mächtig. Die wichtigsten Unterstützer der Rebellen stecken in anderen Kriegen fest: die Saudi in Jemen und die Türken in ihrem Südosten, im Konflikt mit den Kurden. Sie können es sich nicht leisten, sich in Syrien zu sehr einzumischen. Und trotz aller Beteuerungen ist ihnen Syrien nicht wichtig genug.

Und den Amerikanern?

Auch ihnen ist Syrien nicht wichtig genug. Sehen Sie sich die Äußerungen der führenden US-Präsidentschaftskandidaten an, Ted Cruz, Donald Trump, Hillary Clinton: Niemand spricht davon, es mit Russland aufzunehmen. Sie sprechen in harschen Tönen darüber, den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen. Aber davon, den syrischen Knoten zu lösen, ist nicht die Rede.

Wie beurteilen Sie die Syrien-Politik der USA?

Der Westen hat in den letzten 15 Jahren versucht, Demokratie in den Nahen Osten zu bringen und so Diktatur und Unterdrückung zu beseitigen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben die USA Afghanistan besetzt, danach sind sie in den Irak einmarschiert. Später folgten die Zerschlagung des Regimes in Libyen und die Vertreibung des jemenitischen Diktators. Und nun der Regimewechsel in Syrien. Doch Demokratie mit Waffengewalt zu erzwingen, funktioniert nicht. Die Bestrebungen der USA, Regimewechsel herbeizuführen, haben zum Kollaps von Staaten und zur Ausbreitung extremistischer islamischer Gruppen geführt.

Und worum geht es Russland?

Russland ist am 30. September 2015 eingeschritten. In gewisser Weise hat Präsident Wladimir Putin gesagt: „Es ist genug jetzt. Der Nahe Osten ist nicht bereit für Demokratie.“ Putin fördert nun das russische Modell der starken Männer. So wie es in Russland funktioniere, mit ihm an der Spitze, so solle es auch im Nahen Osten erfolgreich sein. Mit Assad in Syrien, Abdelfatah al-Sisi in Ägypten oder jedem anderen Diktator.

Baschar al-Assad und vor ihm sein Vater Hafez waren jahrzehntelang die starken Männer Syriens. Sie haben unermessliches Leid über ihr Volk gebracht. Kann Syrien unter Assad zu Frieden und Stabilität zurückkehren?

Wir wissen es nicht. Zu Beginn des Krieges in Syrien haben Präsident Obama, die Briten, die Franzosen und auch die Deutschen Baschar al-Assad geächtet. Sie behaupteten, sie würden die syrische Opposition vereinen, die Moderaten von den Extremisten trennen und die Moderaten aufbauen. Und diese würden dann sowohl Assad und die syrische Armee wie auch die Extremisten zerstören. Dieses Modell hat der Westen fünf Jahre lang verfolgt. Er ist damit spektakulär gescheitert. Die drei größten Mächte sind heute Assad, der Islamische Staat und die Nusra-Front, also der syrische Ableger von al-Kaida.

Hätte der Westen moderate Rebellen stärker fördern sollen?

Das ist der Streitpunkt in Washington. Viele sagen: Ja, die USA haben eine Gelegenheit verspielt. Ich glaube aber, die sunnitische Opposition wäre ohnehin nicht in der Lage gewesen, sich zu einen. Nicht weil sie zu wenig Waffen gehabt hätte. Sondern weil sie nach Dörfern und Stämmen organisiert ist. Laut der CIA gibt es mehr als 1.500 Milizen. Trotz den Bitten der USA, Saudi-Arabiens und der Türkei ist es den Sunniten nicht gelungen, eine vereinte Führung zu schaffen. Die Rebellen sind gescheitert. Sie wollten dafür immer den Westen verantwortlich machen. Aber nichts weist darauf hin, dass mehr Unterstützung geholfen hätte.

Obama lag also richtig, indem er wenig tat.

Ja. Aber er tat mehr, als wir denken, weil er die Rebellion angespornt hat. Wir haben darauf gesetzt, dass Assad in den ersten Monaten stürzen würde. Jeder Geheimdienst im Westen hat das Wesen der Macht missverstanden und die Stärke der gemäßigten Kräfte überschätzt. Diese Politik hat zur Zerstörung Syriens beigetragen. Wir können Assad die Schuld an allem geben, und er trägt sicher einen großen Teil der Schuld. Aber wir sollten die Augen vor unserer eigenen Verantwortung nicht verschließen.

Nun soll es innerhalb der nächsten Woche einen Waffenstillstand geben. Was ist er wert?

Die Nusra-Front und der IS sind ausgeschlossen. Aber die Nusra-Front ist das Herzstück der bewaffneten Rebellion, sie dominiert die Region um Idlib. Der Kaida-Ableger ist verbündet mit Ahrar al-Sham, dem größten nicht terroristischen Verbund: Sie kämpfen zusammen an der Front, sie versorgen ihre Verwundeten. Assad kann nun Ahrar al-Sham sagen, geht zur Seite, wir kommen mit unseren Panzern und erobern Idlib zurück. Was tun Ahrar al-Sham? Halten sie den Waffenstillstand ein, oder stehen sie ihren Partnern von der Nusra-Front bei? Russland und die syrische Armee können alles in die Luft jagen, und der Westen kann nichts sagen, weil auch er gegen al-Kaida ist. Das ist das Dilemma. Russland und Assad werden das schamlos ausnutzen.

Sie rechnen damit, dass der Krieg andauert?

Ja, wohl noch ein, zwei Jahre. Wenn die Russen mit ihrer Luftwaffe Assad zum Sieg verhelfen, wird es kurzfristig mehr Flüchtlinge geben. Aber auf lange Sicht könnte das den Bürgerkrieg beenden und sowohl IS wie auch Nusra-Front zerschlagen. So würden politische Stabilität und Sicherheit hergestellt, die es vielen Flüchtlingen ermöglichte, heimzukehren. Aber natürlich nicht jenen, die sich aktiv am Aufstand beteiligten. Das ist das Problem, wenn ein Diktator gewinnt.

Sind die Syrer so kriegsmüde, dass sie ein Ende des Krieges wollen – auch wenn Assad bleibt?

Sie haben keine Wahl, sie haben die Assads bereits 50 Jahre lang akzeptiert. Doch ist das ein Rezept für langfristige Stabilität? Nein, keineswegs.