Die Erotik des Geldes

von Barbara Kaufmann / 12.02.2015

Im Welt-Bestseller „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James geht es um Sadomasochismus, Tabubruch und Grenzüberschreitung. So die gängige Auffassung. Doch bereits nach den ersten Seiten bemerkt die aufmerksame Leserin: Es geht vor allem um Geld.

Elisabeth Gamperl analysiert hier die Verfilmung. 

Denis Scheck hat es sofort durchschaut. Als der originelle deutsche Literaturkritiker bei Markus Lanz nach seinem Urteil über das Erotikbuch gefragt wird, das sich weltweit mittlerweile über unglaubliche 100 Millionen Mal verkauft hat, meint er launig: Es geht nicht um Sex in diesem Buch. Es geht um Geld. Kohle, Kohle, Kohle. Tatsächlich fallen zwischen den bizarren Liebesspielen auffallend oft Markennamen wie Audi, Apple, BlackBerry usw. Ungewöhnlich für dieses Literaturgenre.

Erzählerisch ist der Roman qualitativ die Take-away-Pizza unter den Kitschromanen. Selbst wenn frau in ihrem Leben schon sehr viel Schlechtes gelesen hat, so etwas Miserables bekommt sie doch selten zu Gesicht. Die Charaktere eindimensional, die Sprache hölzern und nein, es liegt nicht an der Übersetzung – auch das englische Original ist hinsichtlich Dialog und Metaphernwahl eine Katastrophe. Die Dramaturgie ist simpel gestrickt, die Wendungen sind vorhersehbar. Kurz gesagt folgt „Fifty Shades of Grey“ in seiner Form den Gesetzmäßigkeiten der klassischen Romanze. Anastasia Steele, armes, jungfräuliches Mädchen trifft auf Christian Grey, reichen, abgeklärten Unternehmer.

Boy meets girl. But boy loves hardcore. Der Held der Geschichte wird durch sadomasochistische Sexpraktiken erregt und bevorzugt statt Blümchen, Kuscheln und Kaminfeuer die strenge Kammer samt Kabelbindern, Ketten und Peitschen. Schon bei ihrem allerersten Aufeinandertreffen definiert sich die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren über Statussymbole. Anastasia beschreibt das elegante Bürogebäude von Christian mit größerer Akribie als seinen Charakter. Sein äußeres Erscheinungsbild – makellos, durchtrainiert, weltmännisch – fügt sich perfekt in die kühle, sachliche Architektur des Hauses ein. So fragt sich Anastasia beim Verlassen des Gebäudes nach den Ursachen für Christians Anziehungskraft auf sie und bleibt dabei ganz an der glatten Oberfläche: Liegt es an seinem Aussehen? Seinem Reichtum? Seiner Macht? Ein Mann wie ein Möbelstück. Oder ein gut verzinstes Sparkonto.

Dass Letzteres beeindruckend gefüllt ist, wird auf den insgesamt über 600 Seiten immer wieder in den Vordergrund gerückt. Das Vermögen der Hauptfigur als stummer dritter Teilhaber am Liebesspiel. Christian Grey bewohnt nicht irgendeine, sondern die größte Suite in dem Hotel, in dem sie ihn wiedertrifft. Er schenkt ihr zur bestandenen Prüfung nicht etwa ein hübsches Buch, sondern eine Erstausgabe von Thomas Hardys Tess of the d’Urbervilles, die laut Anastasia bestimmt ein Vermögen wert ist. Sogleich googelt die beste Freundin den aktuellen Preis des wertvollen Präsents. Die zukünftige Beziehung als Wertanlage.

So gesteht der Held des Dramas auf Seite 123 in einem Moment größten Verzückens der Angebeteten passend: Ich würde dich gern mit Geld überschütten!

Das Monetäre als Maßeinheit der Liebe. Auch der schriftliche Austausch zwischen den beiden dreht sich weniger um Inhalt als um Form. Die Korrespondenz besteht hauptsächlich aus schnöden Verhaltensanweisungen für Anastasia, die sie quasi im Minutentakt via E-Mail erreichen. Um diese zeitgerecht beantworten zu können, schenkt ihr der Geliebte ein wertvolles Schreibgerät. Der Mac-Laptop ist flach, silberfarben, ziemlich elegant und hat einen sehr großen Monitor. Christian Grey liebt es groß – ich denke an seine Wohnung.

Die Verbalerotik zwischen den beiden verläuft im Weiteren ohne für die Leserin auch nur in Ansätzen spürbare Begierde, Spannung oder Sinnlichkeit, dafür funktioniert die technische Übertragung immerhin einwandfrei. Neben der Ausstattung mit angesagten Gadgets – zum Apple-Laptop gesellt sich des Weiteren ein BlackBerry, das gerne in Anastasias Gesäßtasche vibriert – wird die Sexualpartnerin nicht nur mit obligatorischen Cocktailkleidern und Unterwäsche überhäuft, sondern bekommt auch noch ein eigenes Auto. Und da erweist sich das Buch tatsächlich als lehrreich. Wird man doch über weite Strecken ausführlich in Automobilkunde unterrichtet. Christians Fuhrpark besteht ausschließlich aus Modellen der Marke Audi. So lernt die aufmerksame Leserin rund um den Einsatz von Reitgerten, Ketten und Lustgerätschaften den Unterschied zwischen dem R8 Spider mit offenem Verdeck, einem roten Zweitürer mit Fließdeck und dem Audi SUV, in dem zu fahren Anastasia ein besonderes Hochgefühl verleiht. Product Placement de luxe, das die Flasche Heineken im letzten James-Bond-Film alt aussehen lässt.

Während sich die Hauptfiguren der Geschichte über weite Teile in einer zunehmend nervigen Redundanz üben – sie berichtet ständig vom Ziehen in ihrem Unterbauch, er will sie ebenso oft versohlen – wird das Augenmerk der Leserin immer wieder auf Inneneinrichtung und Mode gelenkt. In Christians Appartement sind nicht nur das Mobiliar luxuriös und die Kleidungsstücke im überdimensionierten Kasten wertvoll, sondern auch die Baumaterialien exquisit. Die sexuelle Erniedrigung scheint frau eben leichter zu ertragen, wenn sie auf makellosem Marmorboden stattfindet.

All diesen Details der schönen Welt der Luxusgüter widmet die Autorin ganze Absätze im Buch, während die Charaktere der Figuren enttäuschend blass und die Liebesszenen wenig originell bleiben. Geld hat dabei hauptsächlich die Funktion, das Machtgefälle zwischen Frau und Mann noch zu unterstreichen. Die Geschenke werden Anastasia aufgezwungen, um die Kontrolle über sie zu behalten. Die Verehrung des Reichtums geht jedoch von Beginn an von ihr aus. Geld strahlt für sie ebenso viel Erotik aus wie Schönheit und in weiterer Folge Dominanz. Der Fotograf José, eine Nebenfigur, die am Anfang auftaucht, ist zwar rein äußerlich mit allen Attributen moderner Männlichkeit gesegnet. Jedoch fehlt ihm als Künstler ein Einkommen, das ihn für Anastasia zum potenziellen Partner machen könnte. Er ist dann auch der Einzige, der sie auf ihre Vorliebe für Monetäres anspricht und offen vermutet, welchem Wert Christians die junge Frau verfallen ist: Liegt’s am Geld?!

Man stellt sich nach vollendeter Lektüre die Frage, wie sich die Geschichte entwickelt hätte, wären die Rollen der beiden nicht von vornherein so klassisch determiniert gewesen. Wenn etwa Christian dominant, aber verarmt aufgetreten wäre und Anastasia vermögend, aber unterwürfig? Vielleicht hätte das die eine oder andere Ambivalenz mit sich gebracht, die den Figuren mehr Tiefe verliehen und die Erotik zwischen ihnen nicht nur behauptet, sondern tatsächlich nachvollziehbar gemacht hätte. So könnte man den Abend eigentlich genauso gut mit einem High-Class-Einrichtungskatalog verbringen. Das ist genauso sexy.