Die Faszination des Neuen

von Klaus Woltron / 12.01.2015

Gestern trat ich dem Team dieser funkelnagelneuen, spannenden Zeitung bei. Einer Zeitung ohne Papier, Druckerschwärze, Kiosk, Kolporteur, Umweltbeeinträchtigung. Erhältlich an jedem Ort der Welt per Mausklick, getragen von einem blutjungen Medium. Zahllose kluge, inspirierte, ja besessene Menschen mussten sich anstrengen, Enttäuschungen und Rückschläge ertragen, Tag und Nacht arbeiten, konnten aber auch gewaltige Erfolge feiern, bis dies alles möglich wurde. Der wesentlichste Faktor dabei war Kreativität, ohne welche Neues lediglich als Produkt des blinden Zufalls entstünde.

Es ist etwas ganz Eigenes um das Neue. Ob es der erste Faustkeil war, den einer unserer Vorfahren durch Zufall aus einem unförmigen Kiesel herausschlug, oder das iPhone, das kraft der unglaublichen Vorstellungskraft, Kreativität und Konsequenz Steve Jobs’ durch die zielgerichtete Arbeit vieler tausend Spezialisten entstand: Das Neue, die Innovation, das Produkt aus Zufall, Kreativität, angestrengtem Suchen, künstlerischem Genie oder planvollem Experimentieren hat seit Anbeginn der Menschwerdung deren Entwicklung grundlegend beeinflusst, ja überhaupt erst möglich gemacht.

Faustkeil Maus
Faustkeil Maus
Faustkeil und Computermaus

Ein geschickter Steinzeitmensch konnte einen Faustkeil ganz allein herstellen. Die Entwicklung einer Computermaus allerdings bedurfte des Hirnschmalzes, des Wissens und der Einfälle zahlloser Personen. Innovationen sind selten Produkte eines Einzelindividuums, sondern der Kooperation vieler Intelligenzen. Ideen müssen gewissermaßen Sex haben, um endgültig geboren zu werden.

Wo wären die sieben Milliarden Menschen, hätten nicht Justus von Liebig den Kunstdünger, Alexander Fleming das Penicillin, Werner von Siemens den Elektromotor und Alexander Graham Bell das Telefon erfunden? Wir wären ein kleines Häuflein von bestenfalls einigen wenigen Millionen auf einer – allerdings ganz anders, vielleicht schöner aussehenden – Erde. Diese Beispiele sind lediglich willkürlich ausgewählt aus der langen Liste von Genies, die die Welt durch Geistesblitze veränderten. Ohne stetige Suche nach Neuem, nach Verbesserung, Verschönerung, Erleichterung, Erhöhung und Vertiefung wäre die Menschheit keine, oder eine gänzlich andere, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.

Die gesamte Evolution ist von Anbeginn an eine Geschichte des Problemlösens: durch Zufall, Probieren, Verwerfen und Auswahl des Passenden in einer gegebenen Umwelt, die gerade durch das neu Hinzugefügte wiederum verändert und damit zu einer neuen Herausforderung wird.

Kreativität
Kreativität
Der kreative Sprung in eine neue Dimension

Eines der komplexesten Produkte dieses Prozesses haben Sie gerade vor Augen: die verbale und grafische Zusammenfassung eines Phänomens, gesammelt von Ihrem bemühten Berichterstatter, gegossen in die Form eines besonderen Informationssystems: die Sprache; letztere wiederum entwickelt über Jahrmillionen aus ersten animalischen Anfängen; verdeutlicht durch Buchstaben, eine geniale Weiterentwicklung der Bildersprache. Dies alles wiederum per Chips, Bits und Bytes in elektronische Signale umgewandelt, per Draht, Glasfaser und Funkwellen auf Ihr Display gemalt … Wenn das nicht ein Musterbeispiel für kollektive Kreativität ist!

Ich wünsche NZZ.at und ihren Mitarbeitern alles Gute, viele interessierte Leser, und jenen einen Gewinn durch anregende und spannende Lektüre.

Klaus Woltron, am 10. Jänner 2015