Die Fremde – von ungeräumten Waldwegen und ungeträumter Nähe

von Barbara Kaufmann / 23.12.2014

Während der Dezembertage liegt manchmal eine zähe, dichte Nebeldecke über dem Klagenfurter Becken. Tagelang sieht man den Himmel nicht. Das graue Licht und die Dämmerung wechseln sich scheinbar übergangslos ab und machen die Tageszeit unbestimmbar, sodass man ganz froh ist über den Einbruch der Dunkelheit, wenn sich die Nacht über die Stadt herabsenkt. Und der Schnee auf den Feldern am Stadtrand das Licht des sternenlosen Himmels reflektiert. Die Wirklichkeit ist anders, und oft ist es gut, dass es statt Licht und Schimmer ein Dunkel gibt, sagt die Mutter von Fontanes Effi Briest zu ihrer Tochter. Kurz bevor sie Effi in eine unglückliche Ehe entlässt.

Die Wirklichkeit an einem nebligen Abend am Weihnachtstag vor zwölf Jahren ist still, kalt und angespannt. Mein Vater und ich sitzen schweigend nebeneinander in seinem Auto. Wir sind auf dem Weg zu seiner Mutter. Je näher wir kommen, umso wortkarger wird er. Landstraße, Abzweigung, Nebenstraße. Einfahrt ins Dorf, Hauptstraße. In die Nebelwand vor unseren Scheinwerfern reißen immer mehr Lücken, und als wir auf den Feldweg einbiegen, löst sie sich ganz auf. Vor uns liegen schneebedeckte Felder. Direkt an sie schließt der Wald an, in dem auf einer Lichtung der kleine Hof der Oma steht. Man sieht ihn nicht von hier aus. Man kann ihn nur erahnen. Ebenso wie den Weg vor uns. Nicht geräumt, seufzt mein Vater. Er stellt den Wagen ab, schlägt den Kragen seiner Jacke hoch und geht unbeeindruckt los. Zwei Kilometer ehemaliger Schulweg. Er würde auch mit geschlossenen Augen zum Hof finden. Da stört weder schlechte Sicht noch kniehoher Schnee.

Ich kenne den Hof nur vom jährlichen Weihnachtsbesuch. Meistens tausche ich auch den unter uns Geschwistern um. Gegen die Fahrt zu anderen Verwandten. Deren Haus an einer asphaltierten Straße liegt. Die Strom in ihren Zimmern haben und elektrisches Licht. Und Heizkörper, die den Aufenthalt angenehm machen. Die Oma hat das alles nicht. Die Oma heizt mit Gas und hat eine Petroleumlampe am Küchentisch stehen. Die Oma lebt in einer anderen Zeit, die längst vergangen ist. Die höchstens vorkommt in den Märchen, Balladen und Sagen, die uns der Vater manchmal vorliest. Und die wir ziemlich unheimlich finden. In denen im Wald stets schauderhafte Dinge geschehen. Ein gruseliger, gespenstischer Ort, an dem Kindern aufgelauert wird, wo sie ausgesetzt werden und gefressen. Von drauß’ vom Walde komme ich her. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Knecht Ruprecht und der Erlkönig gehen in meiner Fantasie eine seltsame Symbiose ein. Furchterregende Protagonisten eines nächtlichen Spaziergangs.

Wir biegen in den Wald ein, der Vater und ich. Links, rechts, links, stumm stapfen wir im Gleichschritt nebeneinander her. Der Schnee ist längst den Stiefelschaft hinunter in meine Schuhe gekrochen. Meine Füße sind nass und kalt. Der Weg wird dunkler. Die Zweige der Nadelbäume sind schwer vom Schnee und hängen tief. Auch der Boden zwischen den Bäumen ist leicht angezuckert. Trotzdem keine Idylle. Keine romantische Winterlandschaft. Keine Weihnachtskitschpostkarte.

Die Oma ist oft im Wald. Der Wald ist ihr Arbeitsplatz. Sie sammelt Pilze und pflückt Beeren. Körbe und Kisten voll. Und verkauft sie am Markt. Sie mag es nicht, wenn Fremde in ihrem Wald sind, die ihn nicht schätzen. Als das Bundesheer in der Nähe eine Übung abhält, rauchen ein paar Soldaten in der Pause am Waldbach ihre Zigaretten. Die Oma vertreibt sie mit ihrer Sense. Die Oma sagt, sie hätte sonst den Schrot aus dem Schuppen geholt. Niemand weiß, ob sie tatsächlich ein Gewehr hat. Weil niemand zu fragen wagt. Nicht mal der Vater. Die Oma ist 1 Meter 55 groß.

Eine angespannte Ruhe hat sich zwischen uns breitgemacht. Wir sprechen kein Wort. Nur das Knirschen des Schnees unter unseren Füßen ist zu hören. Und unser Atem. Kein Vogel, kein knackender Ast, kein Rascheln im Unterholz. Stille, geisterhaft. Ich hab Sehnsucht nach dem Autolärm vor meinem Fenster in Wien. Und nach dem Wohnzimmer im Elternhaus, wo es jetzt warm ist und hell und lustig. Wo der Baum geschmückt wird und die Nachbarn zu Besuch sind und es Wein und Kekse gibt. Nächstes Jahr, nehme ich mir vor, tausche ich die Oma wieder um. Gegen die anderen Großeltern oder die Tauftante und ihren seltsamen Mann mit dem Splitter im Kopf.

An der Seite der Oma ist lange Zeit der Stiefopa gewesen. Wir nennen ihn Hans, weil ihn der Vater so nennt. Und weil Opa nicht zu ihm passt. Hans sitzt immer wenn wir zu Besuch sind auf einer Bettbank vor dem Küchenfenster. Von dort winkt er uns mit seinem linken Arm. Den rechten hat er im Krieg verloren. Als wir noch sehr klein sind, spielen wir Kinder, dass er ihn im Hof versteckt hat, und suchen ihn gemeinsam. Wir bringen ihm einen dicken Ast und einen Rechen als Ersatz. Der Hans lacht. Er ist ein gutmütiger, stiller Mensch. Aber die Mutter verbietet uns das Spiel. Sie sagt, es ist geschmacklos. Sonst gibt es am Hof für uns nicht viel zu tun. Vor dem kleinen Stall hinterm Haus gackern ein paar Hennen. Im Schuppen steht ein rostiger roter Dreiradler, der nicht mehr geradeaus fährt. Uns ist meistens langweilig.

Die Oma spricht schnell, ohne Pause. Manchmal wechselt sie ins Slowenische. Die Sprache ihrer Mutter. Manchmal sind auch ein paar Brocken Russisch dabei. Die Sprache ihres Vaters. Sie hat ein von Falten zerfurchtes Gesicht und ist immer ungeschminkt. Sie trägt ein Kopftuch und eine Arbeitsschürze. Darunter dicke Wollstrümpfe im Winter. Die Oma fährt nie auf Urlaub. Sie kauft sich nie etwas Schönes. Keinen Schmuck, kein Kleid, keine neuen Schuhe. Die Pullover und Seidentücher, die wir ihr zu Weihnachten schenken, legt sie in den Kasten. Sie hat ein gutes Kleid, das sie trägt, wenn jemand begraben wird. Das genügt, findet sie.

Endlich taucht der Hof vor uns auf. Die Lichtung wirkt wie ein heller, weißer Fleck in der Dunkelheit des Waldes. Meine Augen haben sich schon an das schlechte Licht gewöhnt. Das Eingangstor ist zugefroren. Mein Vater flucht. Wir klettern über den Zaun. Natürlich fallen wir beide hin. Die Oma hat nicht mit uns gerechnet. Im Haus ist es kalt. Nur in der Küche brennt der Ofen. Die Bettbank vom Hans steht leer. Er ist im letzten Jahr gestorben. Die Oma hängt meine Socken über das Feuer. Sie kocht uns Kaffee. Er ist süß und schwarz und bis heute das Stärkste, was ich jemals getrunken habe. Der Vater und ich sind erschöpft. Wir berichten in knappen Worten, dass wir durch den Wald gekommen sind. Sie fragt nach dem Weg, den wir genommen haben. Bei den Fichten vom Bauern vorbei, sagt mein Vater. Da gibt es eine Abkürzung, sagt sie. Und plötzlich blüht sie auf. Und erzählt vom Wald im Winter. Und vom Schnee und den jungen Bäumen. Und worauf man schauen muss und worauf natürlich niemand schaut. Weil sich niemand auskennt mit dem Wald. Sie fragt, ob wir Hunger haben, und dann brät sie ein paar Käsnudeln vom Vortag in Schmalz an. Echtes Schweineschmalz. Ein Lebensmittel, das es im Haus der Eltern nicht gibt. Butterfrei seit 1980. Nichts hat mir seit Jahren so gut geschmeckt. Zum Nachtisch gibt es einen Schluck selbstgebrannten Schnaps, der noch vom Hans stammt. Und als der Vater und ich uns auf den Heimweg machen, sind wir ein bisschen unsicher auf unseren Beinen. Dafür lachen wir viel. Er wirkt gelöst. Er erzählt vom Schwänzen während der Schulzeit, wie er sich erfolgreich vor der Oma im Wald versteckt hat. Und vom Baum, den sie als Kinder gemeinsam heimlich gefällt haben. Ein Bubenstreich, den man sich nur schlecht vorstellen kann, wenn man wie ich im vierten Stock eines Wohnhauses aufgewachsen ist.

Das Gespräch in der gemütlichen Küche an jenem Weihnachtsabend sollte das einzige mit meiner Oma bleiben. Im Jahr darauf ist sie schon sehr krank. Und als der Winter zu Ende ist, zieht sie ihre beste Schürze an, steckt ihr Haar unter ihrem Kopftuch fest, legt sich aufs Bett und faltet die Hände. Zwei Tage später ist sie tot. Ich denke nicht oft an sie. Ich kannte sie einfach zu wenig. Und zu schlecht. Aber wenn ich an einem dieser warmen Weihnachten in Wien bei Föhn und Plusgraden, die sich in den letzten Jahren häufen, Sehnsucht spüre nach Wald und Schnee und Winter, dann fällt mir jener Abend wieder ein. Der lange Weg durch die Dunkelheit, die Angst, das kleine Feuer in der Küche, der starke Kaffee, das Schmalz und die Käsnudeln und ihre laute Stimme und ihr Lachen. Und vielleicht hat das auch alles gar nichts mit Weihnachten zu tun.

Aber vielleicht auch eine ganze Menge.