Karin Hofer/NZZ

Die große Obhut unsrer selbst

Gastkommentar / von Klaus Woltron / 26.08.2016

„Je höher, komplexer organisiert, intellektuell und ,gefühlig‘ dominiert und demokratisch organisiert eine Gesellschaft ist, desto geringer ist – ab einem bestimmten Entwicklungsstand – die Fähigkeit zur großen Obhut ihrer selbst. Sie versäumt in der vermeintlich wirksamen Obsorge um alle anderen, ihre eigene Existenz abzusichern.“

Die Welt ist seit einigen Jahrzehnten einem zunehmenden Problemdruck durch große Krisen ausgesetzt. Bevölkerungsexplosion, Klimawandel, Migration, Krise des Kapitalismus, Krise der Demokratie, Revolution der Arbeitswelt, Revolution des Informationswesens und Werteverfall türmen sich vor den Staatskanzleien und den verängstigten Bürgern als schier unüberwindliches Gebirge auf.  Ganze Völker werden in Angst und Schrecken versetzt und bedroht –  bis hin zur Auslöschung. Wie wird das weitergehen? Wo ist die Kraft, die all die Bedrohungen dämpft, Chancen erkennt und nutzt? Wer sieht voraus, was nottut?

Ganz trotzig und kindlich gesprochen: Wer passt auf uns, die hilflosen Bürger, eigentlich auf? Diese Betrachtung will nachweisen, dass die derzeitige westliche Staatsform dies systemisch nicht mehr schafft. Um mit Baltasar Gracián zu sprechen: Die „große Obhut unsrer selbst“ ist uns, als Kollektiv, abhanden gekommen.

Die große Obhut seiner selbst

„Sie ist der Thron der Vernunft, die Grundlage der Vorsicht und durch sie gelingt alles leicht. Sie ist eine Gabe des Himmels, und als die erste und größte die wünschenswerteste. Sie ist das Hauptstück der Rüstung und von so großer Wichtigkeit, dass die Abwesenheit keines anderen den Mann unvollständig macht, sondern nur als ein Mehr oder Minder bemerkt wird. Alle Handlungen des Lebens hängen von ihrem Einfluss ab und sie ist zu allen erfordert: Denn alles muss mit Verstand geschehen. Sie besteht in einem natürlichen Hange zu allem, was der Vernunft am angemessensten ist, wodurch man bei allen Fällen das Richtigste ergreift.“

(Baltasar Gracián; Oraculo manual y arte de prudencia; Handorakel und Kunst der Weltklugheit, 1647)

Zeitenwenden und Paradigmenwechsel

Zeitenwenden erkennt jedermann stolz und selbstverständlich, wenn sie bereits vorbei sind. (Die meisten hatten es „vorher schon gewusst“). Sie bieten unendlichen Stoff für tiefsinnige Betrachtungen und nobel- und pulitzerpreisverdächtige Kommentare. Schwieriger ist es schon, herannahende Paradigmenwechsel vorauszusehen. Am allerschwersten aber ist es, sich damit abzufinden, dass ein solcher gerade beginnt und das gesamte Verhalten darauf neu einzurichten. Schon ein Einzelner ist damit aufs Höchste herausgefordert. Für eine Sozietät aber bedeutet ein grundlegender Wechsel aller Randbedingungen ökonomischer, kultureller und politischer Natur einen gewaltigen Stresstest. Liebgewordene Riten und Verhaltensweisen aufzugeben, wohnliche Geistesgebäude zu verlassen, harte, oft sehr harte Maßnahmen billigen, verhängen oder ertragen zu müssen ist für eine verweichlichte, verwöhnte und Bevormundung gewohnte Menschenmasse ein unerträglicher Ausblick. Dies alles steht uns allen aber bevor. Die Ouvertüre dazu klingt bereits machtvoll in unser aller Ohren.

Die Mittel zur Problemlösung

Zur Analyse eines bereits erfolgten grundlegenden Umschwungs der Verhältnisse braucht es Intelligenz, zum Voraussehen desselben zusätzlich eine Portion Instinkt, und zur Bewältigung, darüber hinaus, noch Kreativität, Entschlusskraft und Mut. Am besten fahren dabei jene, die sie voraussehen und sich rechtzeitig darauf vorbereiten.

Wer dabei zu spät dran ist, wird schwer bestraft – auch jener, der zu früh kommt. Letzterer allerdings kommt in der Regel weit weniger zu Schaden. Das weiß ich selbst aus teils bitterer Erfahrung –  z. B. jener von Konzern- oder der Finanzkrisen.

Intelligenz, Kreativität und Instinkt

Intelligenz ist eine einigermaßen zuverlässig messbare Größe. Definiert als die Fähigkeit, Probleme zu lösen und sich an neue Lagen anzupassen, ist sie in gewisser Weise eine logisch-mathematisch bestimmte Fähigkeit und baut auf dem Potenzial, Ursachen und Wirkungen mit einem großen Erfahrungsschatz sinnvoll und erfolgreich zu verbinden, auf. Kreativität reicht darüber hinaus. Sie verbindet Bestehendes mit weit entferntem Verwandtem zu völlig Neuem, das sich in der Wirklichkeit dann auch durchsetzen kann. Instinkt wiederum, als die über Äonen erworbene Sammlung von passenden Verhaltensweisen eines Lebewesens, ist der weitestgehend unbewusst arbeitende Führer durch die tausenden Entscheidungen, die ein Lebewesen ununterbrochen treffen muss, um sich in seiner Umwelt erfolgreich zu bewegen.

Die hohe Kunst der Optimierung

Nun kennt jeder von uns Menschen, die in der Schulzeit als besonders „gescheit“ gegolten, in späterer Folge, im praktischen Leben, dann aber recht wenig zustande gebracht haben. Unpraktisch wären sie, oder ein zu schwacher Wille hielte sie von wichtigen Entscheidungen ab. Mit zwei linken Händen wären sie geboren, und der Zweifelsucht. Die berühmte und sprichwörtliche „Blässe des Gedankens“ des Shakespeareschen Dänenprinzen hätte sie scheitern lassen.

Andererseits sind viele, die es in Politik, Wirtschaft oder Kunst sehr weit gebracht haben, in ihrer Jugend nicht durch allzu hohe Intelligenz aufgefallen; manche von ihnen waren sogar ausgesprochene Versager. Diese Ausnahmeerscheinungen schafften es, praktische Intelligenz, Instinkt, Kreativität und Energie in einem ausgewogenen Maß einzusetzen und so mit einem Maximum an Herausforderungen fertig zu werden, für Dritte unsichtbare Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Das gilt auch für die Vorausahnung von Gefahren und Risiken, die von anderen nicht rechtzeitig erkannt wurden, was sie letztendlich in die Bedeutungslosigkeit führte oder sogar zum Scheitern brachte. Dies dürfte Baltasar Gracián mit der „großen Obhut seiner selbst“ gemeint haben. Was für Individuen gilt, sollte auch in hohem Maße für Sozietäten, die sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschlossen haben, Relevanz besitzen.

Den systemischen Wettbewerbsnachteil der Demokratie

Westliche Staaten haben sich zu Gesellschaften zusammengefunden, welche einem einigermaßen definierten Wertekatalog folgen und Entscheidungen auf der Basis demokratischer Entschlüsse fällen. Die Demokratie ist in letzter Zeit allerdings ebenfalls ins Gerede gekommen – warum?

Dass es für demokratisch zu Wählende die Hürde der mangelnden Popularität notwendiger schmerzlicher Maßnahmen gibt, ist Alltagswissen und wird ja täglich vor Augen geführt. Eine prophylaktische Haltung billigt man bestenfalls dem Zahnarzt zu. Daher werden Entscheidungen so lange verschoben, bis das Übel bereits unerträglich geworden ist. Auch die Praxis der Findung von Kompromissen über Sachgrenzen hinweg – der Abtausch von Forderungen, die aus völlig unterschiedlichen Problemkomplexen stammen – schafft suboptimale, oft sogar paradoxe, „Lösungen“ und Entscheidungen.

Was die „große Obhut eines Staates seiner selbst“ aber im Kern schwer behindert, hat zwei Wurzeln: zum Ersten die mangelnde Fähigkeit zu kraftvollen, zeitgerecht erfolgenden Entschlüssen. Dieser Mangel fällt in ruhigen Zeiten, da sich nicht allzu viel ändert, nicht wesentlich ins Gewicht. Heutzutage aber, wo sich die Randbedingungen auf allen Gebieten mit immer höherer Geschwindigkeit verändern, hinkt der plumpe Entscheidungssaurier Demokratie mit all seinen „Hinsichtl und Rücksichtl“-Mechanismen samt dem Ins-Lenkrad-Greifen aller möglicher Selbstberufenen den aktuellen Geschehnissen hoffnungslos nach.

Zum Zweiten ist ein Kollektiv in den seltensten Fällen dazu fähig, alle vier Komponenten eines optimierten, umsetzungsfähigen Entschlusses – Intelligenz, Instinkt, Kreativität und Energie – aufzubringen. Dies alles zusammen kann nur in einem einzigen Gehirn oder einer sehr kleinen Gruppe zu einem Optimum gebracht werden (seltene Ausnahmen bestätigen die Regel). Bestenfalls schafft eine demokratische Entscheidung die Optimierung logischer, kreativer und gefühlsmäßiger Faktoren. Der Instinkt des puren Überlebenswillens und die Kraft zur energischen Umsetzung jedoch bleibt in fast allen Fällen auf der Strecke. Beispiele gibt’s es dafür zahllose – je höher entwickelt eine Zivilisation ist, desto ausgeprägter ist der Effekt. Unvergessen sind das Nicht-Voraussehen der jüngsten Finanzkrise, die naive, dumm-gefühlige Blauäugigkeit in der Einschätzung der Folgen der Merkelschen Grenzöffnung, die ex post völlig klare Selbsthemmung der Grundlagen der Europäischen Union durch in sich widersprüchliche Regulative, die zwangsläufig Regelverstöße sonder Zahl provozieren. Usw.

Die kommende Herausforderung für Europa

Die potenziell folgenschwerste und für die europäischen Völker in ihrer jetzigen Form den Untergang bedeutende Bedrohung ist jedoch die muslimische und afrikanische Migration. Millionen Muslime aus Vorderasien und Nordafrika fliehen vor dem Zusammenbruch ihrer Wirtschaft, der politischen Systeme, vor Hunger, Krieg und Arbeitslosigkeit. Es ist eine völlige Illusion der verantwortlichen Europäer, zu glauben, dass Europa diese Menschen sowohl in ihrer Heimat oder durch unbegrenzte Aufnahme auf die Dauer vor ihrem selbst verschuldeten Elend bewahren kann. Die allermeisten dieser Länder sind, auch aus Gründen einer dem Kismet verbundenen, mittelalterlich-anachronistisch gelebten Religion, nicht mehr in der Lage, ihre Bürger zu ernähren. Dasselbe gilt für die noch größere Gefahr der Explosion der Völker Afrikas, die sich ebenfalls zum Großteil nicht mehr selbst helfen können oder wollen und ebenfalls ihr Heil in der Flucht suchen.

Ich verzichte hier auf eine weitere Ausführung dieses historischen Höllenszenarios und verweise auf die brillante und in den allermeisten Punkten überzeugende Darstellung des israelisch-stämmigen Amerikaners Daniel Greenfield, wörtlich wiedergegeben in meinem Blog (wolton.com).

Vorläufige Zusammenfassung

Je höher, komplexer organisiert, intellektuell und „gefühlig“ dominiert und demokratisch organisiert eine Gesellschaft ist, desto geringer ist – ab einem bestimmten Entwicklungsstand – die Fähigkeit zur großen Obhut ihrer selbst. Sie versäumt  in der vermeintlich wirksamen Obsorge um alle anderen, ihre eigene Existenz abzusichern.
Die Ereignisse der letzten 50 Jahre bieten leider allzu viele Beispiel für diese betrübliche Feststellung.

Wie man dieser Falle entkommen könnte, soll und wird Gegenstand kommender Betrachtungen hier bei NZZ.at sein.