Die mit der Geiß ackern

Gastkommentar / von Klaus Woltron / 07.03.2016

Wir schaffen das. Ein Rückblick.

  • „Ah! ça ira, ça ira, ça ira!“ (Ah, wir werden es schaffen, die Adeligen an die Laterne!) sangen die  Sansculotten während der Zeit der Terrorherrschaft in Paris.
  • „Yes, we can!“ (Doch, das können wir!) war der Wahlkampf-Slogan von Barack Obama.
  • „Wir schaffen das“ war die Parole von Angela Merkel.

All dieses Fäusteballen, Augenrollen, Muskel- und Tränendrüsen-Schwellen samt dem kategorischen Aufruf „Schaffen!“ verebbte stets bald. Übrig blieben Blut, Tränen, Enttäuschung, Wut und Resignation: Zum Beispiel Napoleon und ein verwüstetes Europa. Heutzutage sind’s Donald Trump und (heuchlerisch als Lösung gefeierte) balkanesische Kontinentalsperren, in Wirklichkeit aber eine geschichtliche Bankrotterklärung der EU. Dazu weiter unten.

Warum das so war und immer noch so ist

Inspirierte und von einer großen Idee Beseelte (Zyniker würden sagen: Umnachtete) vergessen fast immer, dass sie mutterseelenallein sind, wenn es darum geht, die Mühen der Ebene, die Arbeit der Umsetzung, die Entbehrungen des unvermeidlichen Kampfes auf sich zu nehmen. Die weniger Beseelten – diese stellen zumeist die übergroße Mehrheit – hinken nach anfänglichem Applaus still beiseite, wenn sichtbar wird, was alles zu überwinden ist und welcher Anteil daran auf sie selber entfällt. Ohne die erwähnte Mehrheit aber bleiben alle titanischen Anläufe mit „Wir schaffen das!“ – in welcher Sprache und zu welcher Zeit und in welchem Zusammenhang auch immer – unerfüllte Träume.

Das ist, z.B., anhand des wetterwendischen Verhaltens mancher Bundeskanzler, Zeitungsschreiber, Bundespräsidenten – Kandidaten und, seit heute, Montag, 7. März 2016, auch einer Kanzlerin des westlichen Auslandes deutlich zu erkennen – wie immer man die halsbrecherische Wende auch zu bemänteln versucht.

Ein Intermezzo: Das Beispiel Rentenreform


Credits: chinawesome.wordpress.com

Unser wackerer Finanzminister (er trägt den rührend nostalgischen Namen Schelling) plant und überlegt viel. Er war Hoffnungsträger all jener, die vermeinten, ein professioneller Einzelner könne in einer zähen Suppe kontroverser Interessen eine breite Spur der Veränderung hinterlassen. Weit gefehlt: Seine großmächtig angesetzte Pensionsreform verkam zu einem Sammelsurium halbherziger Anläufe. Warum das so ist? Ein Minister ist nur so effizient wie jene Kräfte, die ihn bei seinem Tun unterstützen. Ein Bauer ackert nur so gut, wie sein Pflug ist und der Traktor, oder das Vieh, das ihn zieht. Er mag schieben wie er will – seine Kräfte reichen bestenfalls aus, die Richtung vorzugeben. Fehlt die Kraft, die am Pflug zieht, hilft der beste Wille nichts.

Drei Gebote beim Umsetzen von großen Plänen


Credits: Bio Suisse

Wenn ich in meinem Berufsleben als Reparaturschlosser in großen Organisationen etwas besonders eindringlich und unauslöschlich gelernt habe, dann das:

  1. Prüfe genau, ob Dein Plan zur aktuellen Lage der Organisation, die Dir anvertraut ist, passt – und umgekehrt.
  2. Überlege immer, ob Du mit Deinem Vorhaben eine kritische Masse von Menschen überzeugen und mitreißen wirst können.
  3. Kalkuliere scharf, ob die Kräfte, die Du für Dein Vorhaben mobilisieren kannst, ausreichen werden, es in Gang zu setzen und auch zu vollenden.

Meine Oma, eine tüchtige Kleinbäuerin, fasste diese Erkenntnis in dem deftigen Satz „Mit der Goaß kann ma net ockern“ zusammen.

Insbesondere der oben angeführte Punkt 3 wird sehr oft, angesichts eines faszinierenden Ziels und des dazu passend erscheinenden Plans, vergessen: Ein tüchtiger Pflüger verschwendet seine Kraft, indem er mit einer Geiß ackern muss, die er fälschlicherweise für einen Zwölfzylinder-Diesel hält. Das besonders Gefährliche daran ist der Umstand, dass die schwächliche Geiß sich zu Anfang des Projekts zumeist als bärenstarker Traktor geriert. Erst im Zuge des fortschreitenden Beackerungsvorganges entpuppen sich die Zylinder und breiten Reifen immer mehr als mickrige Hörner und Klauen.

Wikimedia

Es gibt unzählige prominente Opfer dieses tragischen Irrtums. Michail Gorbatschow, zum Beispiel, diagnostizierte vollkommen korrekt den Zustand der angefaulten UdSSR per „Perestroika“ und „Glasnost“. Er unterschätzte aber den Widerstand der alten Garden und ihrer starrköpfigen Exponenten. Erst der totale Zusammenbruch aktivierte diejenigen Kräfte, welche aus dem Kompost des Kommunismus neuen Humus hervorbrachten, aus dem ein Neu – Anfang möglich wurde. Das Gleiche galt übrigens auch für diejenige Schule, in welcher ich einen Teil des hier Ausgeführten schmerzlich erlernen durfte: Den Zusammenbruch und die Neustrukturierung der ÖIAG in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Das erfolgreichste Gegenbeispiel eines gelungenen Breakthroughs lieferte Jesus: Mit dem Multiplikationstrick der zwölf Apostel und deren exponentiell wachsenden Missionstätigkeit schuf er eine kritische Masse an Anhängern, die für ihn die halbe Welt eroberten: Best Case.

Die Europäische Ziegenherde


Credits: Wikimedia

Herzzerreißend ist es, den Brüsseler Exponenten auf dem steinigen Boden der EU beim Ackern zuzusehen. Auf der Basis schlechter – sogar einander widersprechender – Gesetze und Regeln, mit einer Fehlkonstruktion von Pflug ackern sie, gezogen von einem Gespann von ineinander verhedderten Ziegen, deren jede in eine andere Richtung drängt, den jeweils bevorzugten Kräutern am Rande des Feldes begierig nachstrebend: Ein weithin bejammernswertes Bild des Unvermögens und unauflösbarer Widersprüche. Ein kluger Bauer würde abspannen, den Pflug umbauen, die Ziegen in die Schranken verweisen, neue Regeln zu entwickeln und dafür sorgen, dass beim nächsten Anlauf, umzuackern, auch genügend Zug am Pflug verfügbar ist. Gelänge das nicht, suchte er sich einen anderen Hof.

Deutschland, Frau Merkel und das Gipfelspringen

Einer krassen Fehleinschätzung fiel auch die Kanzlerin unseres Nachbarlandes zum Opfer. Ihrem von evangelikalem Drange inspirierten „Wir schaffen das!“ ging nach einem halben Jahr bereits die Anhängerschaft verloren. In diesem Fall tritt jetzt als zusätzlicher, bemerkenswerter Effekt der Umstand ein, dass die Ziegen beginnen, die Pflügerin wegen des besonders steinigen Bodens und der Anstrengungen, die ihnen abgefordert werden, das Joch abzuwerfen und Pflug und Bäuerin allein lassen: Der vorläufige Höhepunkt in der Un-Kunst des Ackerns mit der Geiß. Frau Merkel ist allerdings eine Meisterin in der Neuordnung ihrer Gespanne, wenn ihre Richtung sich als falsch erweist: Die Aufarbeitung der Niederlage wird als Sieg proklamiert.

Aktuell wird die Niederlage mittels eines wohl orchestrierten Gipfel-Schattenboxens mit den verbündeten EU-Granden und anderen klandestinen Kumpanen bemäntelt und dem ungläubig lauschenden Publikum das übliche semantische Theater vorgespielt. Das ändert an der Ohnmacht des Ziegengespanns nicht das Geringste, sondern dient nur der Verlängerung des traurigen Schauspiels – bis zum nächsten Gipfel.

Österreich, Faymann und Kurz

Unser Kanzler beobachtete Frau Merkel beim Ziehen ihrer immer kurvigeren Furchen und bekam es mit der – in den Genen der Österreicher tief verankerten – Angst vor der eigenen Courage zu tun. Neu-Agrarier Kurz sprengte auf den Plan, spannte neun zugkräftige balkanesische Bullen vor den verfahrenen Karren und zog Furche um Furche. Und dann – gemäß dem Gesetz der Skalenfreien Netzwerke (allwo auch meine Geißen – Theorie wissenschaftlich und unglaublich gescheit dargelegt ist) – galt, was immer schon gegolten hat: The Winner takes it all.

Believe me: Ackere nie mit einer Geiß. So einfach ist das.