Die Narrenkappe – das Märchen von der Krone der Schöpfung

von Klaus Woltron / 13.03.2015
Rütli
Rütli

Prolog

So klug – auch genial – einzelne Menschen sein können, so dumm und lernunfähig ist die Menschheit an sich. Die Gründe und Folgen dieser evolutionären Fehlentwicklung treten immer klarer zu Tage.

(Nur zu lesen, wenn Ihr Magen in einer guten Verfassung ist und Sie mindestens eine halbe Stunde Zeit haben. Eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wein wäre nützlich.)

Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn’ und Welten weiß ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
(Faust 1).

Die schlauen Bienen

Der Imker weiß, dass Bienen seit zwanzig Millionen Jahren in Frieden und zu beiderseitigem Nutz mit den Blütenpflanzen in inniger Harmonie leben und eine ungeheure, aber ganz sanfte und friedfertige Überlebenskraft an den Tag legen. Koevolution nennt man das: Die Heranbildung von Regeln zwischen Partnern, miteinander auszukommen und einander ohne Schaden zu fördern.

Das Märchen von der klugen Menschheit

So klug, auch genial einzelne Menschen sein können, so dumm und lernunfähig ist die Menschheit an sich. Dafür sprechen schlagende Beweise, wie die Tatsachen

  • dass aus all den tausenden Kriegen nichts gelernt wurde, was länger als zwei Generationen hielt,
  • dass angesichts eindeutiger irreversibler Schäden an Umwelt und Ökosphäre außer Lippenbekenntnissen und Feigenblattaktionen nichts Wirksames geschieht,
  • dass die Fähigkeit, über die Grenzen der Familie, oder bestenfalls eines kleinen Landes hinaus, einigermaßen gerecht zu teilen, nicht existiert,
  • dass ungeheure Summen für völlig unsinnige Projekte – insbesondere auf militärischem Gebiet – vergeudet werden,
  • dass man, nach einer schrecklichen Katastrophe, wieder damit beginnt, die Erde mit radioaktiven Stoffen fast unendlicher Lebensdauer zu befrachten,
  • dass offensichtlich unfähige, ja gefährliche, Menschen bevorzugt an die Schaltstellen der Macht gelangen
  • dass gefährliche Doktrinen und Ideologien immer wieder neu Fuß fassen können,
  • dass es möglich ist, immer wieder Keile der Aggressivität und Kriegslust zwischen Völker zu treiben

etc. etc. Der Beispiele ist kein Ende. Hat sich eigentlich schon einmal jemand die Mühe gemacht, die Ursachen dieses offensichtlichen Versagens der menschlichen Evolution klar auf den Tisch zu legen? Viele haben es versucht – genützt hat es nichts. Die Gründe für diese evolutionäre Fehlentwicklung allerdings treten immer klarer zu Tage.

Was Menschen so alles glauben

Der Homo sapiens schaffte es, in knapp dreihunderttausend Jahren nach seinem letzten Evolutionsionssprung und der Ausrottung des Neandertalers, sich ganz offensichtlich an die Grenzen seiner biologischen Existenz heranzumanövrieren: Er entwickelt eine Meisterschaft in der Kunst der Systemzerstörung. Die Quelle dieser ganz unabsichtlichen Zerstörungswut entspringt paradoxerweise genau dem, was ihn bisher an die Spitze der Sieger über alles und jedes geführt hat: dem Glauben und Denken. Es ist unglaublich, woran Menschen trotz des offensichtlichen Augenscheins glauben. Und noch unglaublicher ist es, wie sie die Präzision und Treffsicherheit des Denkens überschätzen – insbesondere im Falle systemischer Problemstellungen.

Immerhin etwa 22.000 Menschen glauben daran, dass wissenschaftlich weit fortgeschrittene, menschenähnliche Wesen (Elohim), die man früher für Götter gehalten hat, für die Schöpfungsgeschichte verantwortlich waren.

Symbol der Raelianer

Die Zahl jener, die davon überzeugt sind ,,dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Mohammed der Gesandte Gottes ist.“ wird auf 1,57 Milliarden geschätzt.

Der Glaube an Kraftfelder, Räucherung, Beschwörungen und hexerische Fähigkeiten ist unausrottbar.

Wunschbaum

1,2 Milliarden Mensche glauben daran, dass Gott einen Stellvertreter auf Erden ernannt hat, dessen Urteil unfehlbar sei und dass dieser in Rom residiere.

Ein schönes Beispiel für einander fast diametral widersprechende Theorien, die bereits zu Glaubensfragen erstarren, ist der Schulenstreit zwischen Monetaristen und Keynesianern.

Die Anhänger der österreichischen Schule der Nationalökonomie sehen die heutzutage fortgeführte Intensivierung des Sozialsystems kritisch: Da zu dessen Aufrechterhaltung Steuern nötig sind, konkurriert ein voll entwickeltes Sozialsystem mit dem Wohlstand der Allgemeinheit. Mit einem ausgeprägten Sozialsystem ließe sich somit keine Vollbeschäftigung erreichen.

Die Keynesianer hingegen – heutzutage besonders beflügelt von begeisterten Anhängern des Quantitative Easing und der nachfrageorientierten Betrachtung des Marktes, wie z.B. des Nobelpreisträgers und Publizisten Paul Krugman, sehen das Sozialsystem als einen anspornenden Faktor der Volkswirtschaft. Beide Schulen haben „unumstößliche Beweise“ für die Richtigkeit ihrer Schule. Beide aber gibt es bereits seit einem Jahrhundert. Wo bleibt die Kraft der Logik?

Die allermeisten Menschen glauben daran, dass man vermittels der Vernunft, des Denkens, die Wahrheit ergründen, das Heil der Menschheit und der Welt herbeiführen und – vorausgesetzt den guten Willen, der frei wäre – alles zum Besseren wenden könne. Dieser (Aber-)Glaube hat dem Menschen den Titel „Krone der Schöpfung“ verschafft.

Die Krone der Schöpfung

Der vorläufige Endpunkt der Evolution ist der Mensch zweifellos – dank seines hypertrophen Großhirns. Kein anderes Lebewesen vermag so tief in die Geheimnisse der Welt einzudringen, das Wesen der Dinge zu ergründen und sein Schicksal in die Hand zu nehmen wie er, und das, so raunt man, nicht erst seit kurzer Zeit: Nein, schon Lukrez und andere, wie Demokrit und Epiktet, sind bereits vor zweitausend Jahren abgrundtief in das Wesen der Dinge eingedrungen, haben die Erkenntnisse der Renaissance, ja sogar jene ganz moderner Naturforscher, vorweggenommen und einen tiefen Blick dorthin getan, wo und wie das Innerste der Welt zusammengehalten (oder getrennt) wird.

Die Evolution des Gehirns

Wer hat es uns, den Gekrönten der Schöpfung, jemals gleich getan im Erforschen des Weltalls, der Tiefen des Ozeans, der Geheimnisse des Atoms und dessen Gedärmen, der menschlichen Psyche und dessen Organismus? Wer heilt Krankheiten, fliegt, fährt, bohrt, postet, surft, dichtet, sieht fern und fotografiert wie wir? We are the champions! Wir tragen die Krone! Das alles schufen wir vermittels unseres Großhirns.

So weit her mit seiner Kraft ist es aber keineswegs. Ein paar Beispiele gefällig?

Aberglaube

Jeder kennt die schwarze Katze, den Freitag, den 13., das Hotelzimmer 12a, den Bösen Blick, das Glücksschwein, den Drudenfuß auf der Türschwelle, den vierblättrigen Klee etc. Das Interessante daran ist, dass fast jeder Mensch an das eine oder andere dieser Symbole und dessen Wirksamkeit glaubt, obgleich gleichzeitig jedermann weiß, dass es reiner Humbug ist. Nicht wenige Menschen glauben an Gespenster, UFOs, Geomantik, Omen aller Provenienz, Kraftfelder und Erdstrahlen, Gedankenübertragung und ähnlich völlig unbewiesene Phänomene. Weit ist’s nicht her mit der Sicherheit der menschlichen Erkenntnis und dessen Glauben und Aberglauben. Es gibt dafür noch viel interessantere Beispiele. Andererseits flog man auf den Mond, den Mars und tauchte 10.000 Meter in die Tiefsee. Wie passt das alles zusammen?

Drudenfuß
Drudenfuß
Drudenfuß

Sinnestäuschungen

Ganz einfache Bilder können einem im wahrsten Sinn des Wortes „auf den Geist“ gehen und auch den Klügsten zum Narren halten.

Sinnestäuschung 1

Sinnestäuschung 2
Sinnestäuschung 3

Insbesondere dann, wenn wenig Zeit zur Verfügung steht, einen Sachverhalt genauer zu untersuchen und zu bedenken, fällt man auf Täuschung, noch viel mehr auf bewusste Manipulation, nur allzu leicht herein. Und die Zeit wird immer knapper heutzutage.

Götter, Religionen und Ideologien

Der Mensch sucht in seinem Drang, alles und jedes auf Ursachen zurückzuführen, einen Gipfelpunkt der logischen Kette, eine letzte Ursache, den tiefsten Beweger, den Urgrund allen Seins – Gott. „Der Mensch ist ein Ursachenbär“, spottet G. C. Lichtenberg schon im 18. Jahrhundert. Jene, die nicht an Gott glauben, lösen dieses Problem vermittels der Einführung eines Religionsersatzes – einer wie immer gearteten Ideologie, die sodann genauso verbissen gegen andere verteidigt wird wie es die religiösen addicts tun. Sowohl Religionen als auch Ideologien haben in der Geschichte der Menschheit bei weitem die meisten Opfer gefordert, Kriege verursacht, Grausamkeiten ungeheuren Ausmaßes zur Folge gehabt – und zeigen gerade jetzt wieder ihre unmenschliche Fratze. Die Wut, die Welt mit unserem winzigen Gehirn zu Ende erklären zu wollen, und das erbärmliche, höchst fragwürdige Resultat – eine ganze Menge einander widersprechender Theorien, Weltanschauungen, Götzen und anderer Wahngebilde – bringt Millionen von Menschen in Hass und Gewalt gegeneinander auf. Jeder kann dafür das angeblich unfehlbare Zeugnis weiser Männer und Frauen, etliche Wunder, zahllose dicke Bücher und Märtyrer für alles Mögliche ins Treffen führen.

Verstärkt wird dieser Effekt durch die unabweisbare Notwendigkeit, dass Menschen zu ihrem gedeihlichen Zusammenleben einer übergeordneten, weitgehend akzeptierten Ordnung bedürfen. Sie ist in ihren Grundzügen bereits im Instinktrepertoire angelegt und angeboren. Wie die geschichtliche Erfahrung zeigt, sind diese Grundlagen allerdings durch kulturelle, religiöse, politische und ideologische Einflüsse in weiten Bereichen manipulierbar. Dabei kommt wieder die Unzulänglichkeit der menschlichen Urteils – und Erkenntnisfähigkeit ins Spiel.

Von der Manipulation der Moralvorstellungen

Eine Person wie Conchita Wurst wäre noch vor 50 Jahren, allgemein verlacht und ausgestoßen, im Gefängnis gelandet. In Riad geschähe ihr noch heute dasselbe: Man stieße sie unter allgemeiner Teilnahme des Volkes von einem Hochhaus in die Tiefe. Während die Pariser Revolutionäre (die schon nach zwei Jahren von der von ihnen angerichteten Pleite hinweggefegt wurden, Parallelen zu heutigen Geschehnissen sind gar nicht zufällig) heutzutage als die Erfinder der Menschenrechte gefeiert werden, entsetzte sich der Freiheitsdichter F. Schiller angesichts von deren Gräueltaten in der „Glocke“ wie folgt:

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.

Eine Assoziation zu den diversen „Frühlingen“ kann man da nicht wirklich unterdrücken. Dennoch rufen Millionen „Hosianna!“ und andere Millionen „Crucifige!“. Beide können sich auf gute „Gründe“ und hochgelehrte Herrschaften berufen.

Selbstbetrug und subjektive Wahrnehmung

Es ist schon schwer genug, sich ein halbwegs stimmiges Urteil über einen komplizierten technischen oder juristischen Sachverhalt zu bilden. Ungleich mühsamer, kontroverser und anstrengender ist es, sich im Laufe eines Lebens eine halbwegs verteidig- und belastbare Theorie über die Welt, ihre Zusammenhänge und Gesetzesmäßigkeiten zu erarbeiten. Die allermeisten Menschen machen sich diese Mühe gar nicht, sondern erheben eine vorgefertigte geistige Speise zu ihrer orientierenden Wegzehrung. Das geht so weit, dass auch modische Schwachsinnigkeiten mit ganz kurzem Ablaufdatum dazu herhalten müssen, als „Weltanschauung“ zu dienen – sozusagen moralisches Fast Food.

Es ist unendlich schwer, eine Weltanschauung aktuell zu halten, ihr immer wieder neue Komponenten und Facetten hinzuzufügen, ohne sie ganz über Bord zu werfen. Sollte aber doch eine untrügliche Information, ein Ereignis, ein Erlebnis auftauchen, die in das lieb gewordene System so gar nicht passt, siegt meist das System: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. So manövrieren sich Glaubenssysteme, Ideologien, Parteiprogramme und Geschäftsideen aus der Realität und verschwinden im Orkus.

Krise und Wendepunkt

Die Folgen kollektiver Dummheit

Wohin man ganze Völker verführen kann, wenn man sie mit raffinierten Methoden, unter Ausnutzung der vorangeführten Schwächen, einem Irrglauben unterwirft, zeigen die Beispiele Stalin, Mao Zedong, Hitler, Rote Khmer etc. Aber schon im Altertum gab es Beispiele kollektiver Verirrung – wie z.B. in Sparta zur Zeit Drakons, welcher ein unmenschliches Terrorregime einführte, das eine Zeit lang durchaus erfolgreich war. Ganze Völker haben sich immer wieder von Einzelnen mit aberwitzigen Versprechungen und Vorspiegelungen ins Verderben locken lassen. Man braucht nicht mit Napoleon, Hitler oder Stalin zu beginnen. Schon die alten Griechen hatten ihre Demagogen, Volksverführer und Populisten.

,Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.‘ Martin Morlock 1977

Im Jahr 2007 wurde von Ernst Gehmacher (persönliche Mitteilung) folgende alarmierende Feststellung getroffen:

… dass der ,Kitt der Gesellschaft‘ in der Modernisierung zerbröckelt und der Menschheit eine ,Implosion‘ der Kulturen droht. Im Zeitalter der Hochtechnologie und der globalen Vernetzung könnte ein zunehmendes Versagen der sozialen Bindungskräfte und der menschlichen Gemeinschaften zur Katastrophe werden.

Diese Entwicklung bedroht auch die Funktion der demokratischen Willensbildung. Wenn das Wissen von und die Mittel für Manipulation, Fehlinformation und Belauschung der Wähler zunehmen, das Vertrauen in die Belastbarkeit von Information schwindet, der Bildungsstandard sinkt, die Fähigkeit zur selbstständigen Urteilsbildung per Verflachung der geistigen Nahrung, der sprachlichen Bildung abnimmt, verliert auch der demokratisch gewählte Anführer seine Legitimation. Er kommt in den Verdacht, sich sein Mandat erschlichen, erkauft, durch Täuschung und Unwahrheit erworben zu haben. Dies geht heutzutage schon so weit, dass man es Politikern verzeiht, vor der Wahl versprochen zu haben, was sie nachher nicht halten. „Das ist eben so in der heutigen Zeit.“

Trügerisches Vertrauen in Großprojekte

Je größer und komplizierter ein Projekt, desto ungewisser ist die Prognose von dessen Ausgang. Beginnend mit den immer wieder auftretenden Kosten- und Terminexplosionen großer Bauvorhaben (Flughäfen, Bahnhöfe, Tunnels) über gewagte Finanztransaktionen (Spekulationsblasen, Quantitative Easing, Rettungsschirme, Einführung des Euro) bis hin zu kontinentalen Zusammenschlüssen von Staaten (Bildung der USA, der UdSSR, der Europäischen Union) haben es Großvorhaben so an sich, ganz anders auszugehen als man von Anfang an plante.

Es ist im Normalfall löblich, sich von Anfangsschwierigkeiten nicht beirren zu lassen und einen einmal eingeschlagenen Weg konsequent, beharrlich und flexibel weiterzugehen. Dabei muss man auch in Kauf nehmen, manche zwischendurch auftauchende schmerzliche Erkenntnis nicht an die große Glocke zu hängen, um die Mitstreiter nicht zu verunsichern. Wenn sich aber wieder und wieder herausstellt, dass der Weg in die falsche Richtung weist, das Ziel in immer weitere Ferne rückt, Nebenwirkungen auftreten, welche den erwünschten Zweck bei weitem überwiegen, ist es falsch und schädlich, stur an der alten Doktrin festzuhalten.

Es zeigt sich aber, dass, wie im Falle einer offensichtlich versagenden Ideologie, es ab einem gewissen Stadium eines Großprojekts nicht mehr möglich ist, den Irrweg zu verlassen: Die Exponenten haben sich eingemauert, niemand getraut sich, die Wahrheit zu sagen, einfache Lösungen sind nicht in Sicht – und so besteht letztendlich die „Lösung“ im totalen Zusammenbruch und Neuanfang auf einem Trümmerfeld: Selbst erlebt im Falle großer Konzerne, hautnah beobachtet im Falle der Auflösung der UdSSR und deren Randstaaten.

Auch letztendlich geglückte große Projekte, wie die Bildung der Vereinigten Staaten von Amerika, verliefen zum Teil katastrophal: Die Stabilisierung der USA kostete mindestens 620.000 Menschen das Leben. Die Kriegskosten überstiegen 8 Milliarden Dollar (damalige Kaufkraft). Diese Kleinigkeiten hatten die ersten Präsidenten Jefferson und Washington nicht wirklich einkalkuliert.

All diese – willkürlich herausgegriffenen – Beispiele zeigen, dass es mit der Kraft der menschlichen Erkenntnis, Vorausschau und des korrigierenden Handelns, wenn es um große Zusammenhänge und komplexe Systeme geht, gar kläglich bestellt ist – auch und gerade in Fällen, wo die Dinge eigentlich glasklar vor Augen liegen. Das Denken hilft dann nichts mehr: Es ist im Wust von Zwängen, Angst, Schuld und Blindheit gefangen.

Die Ohnmächtigen wissen, was zu tun wäre, und haben die Macht nicht dazu, die Mächtigen haben die Macht und wissen nicht, was zu tun wäre – oder getrauen sich nicht.

Wie entstand und funktioniert Erkenntnis?

(Nicht für eilige Leser; kann übersprungen werden).

Die Erkenntnistheorie (Epistemologie) hat die Philosophen seit jeher fasziniert, beschäftigt und an die Grenzen ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit herangeführt. Wen es interessiert – eine kritische, ganz persönliche, Würdigung findet sich unter Sinn (im Detail) und Tractatus, (als Zusammenfassung).

Die Kernaussage 

Unser heutiger Denkapparat hat evolutionär über Jahrmillionen hinweg eine aus begrenzter Umwelt sich ergebende Registrierungs- und Verarbeitungsmethode entwickelt. Dieses Instrument ist daher nur für jene Aufgabenstellungen effizient einsetzbar, welche der ursprünglichen Bestimmung entsprechen oder nur wenig darüber hinausgehen: Der Bewältigung der Überlebensaufgaben in einer endlichen, definierten Umgebung, wie sie über Jahrmillionen formende Realität war. Der Logik ist daher das alleinige Privileg zur Erkenntnis abzuerkennen. Sie ist auf das zu reduzieren, was sie aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte wirklich einigermaßen bewältigen kann: die Bearbeitung jener Aufgaben, welche der unmittelbaren Umgebung und Erfahrung entspringen sowie die exakte wissenschaftliche Sphäre. Demnach sind alle Versuche, ein unendliches, in sich abgeschlossenes Bild der Welt oder einen übergeordneten Sinn des Lebens zu suchen, unsinnig, aporisch.

Das Denken des Menschen ist in den allermeisten Fällen monodimensional – auf einen ganz bestimmten, isolierten Zweck gerichtet. Führt es zur Tat, richtet diese fast unfehlbar an anderer Stelle Schäden an, die die Vorteile der beabsichtigten Folgen oft überwiegen. Dies unterscheidet sein Tun im Endeffekt von dem der unvernünftigen Tiere: Diese handeln nicht oder nur ansatzweise aus Gründen einer (immer unvollkommenen) Vorausschau und Zweckmäßigkeit, sondern aus alten, erprobten und evolutionär gesicherten Motiven. Der Mensch hingegen kann experimentieren, ohne dass sein Experiment jemals auf schädliche Nebenwirkungen getestet worden wäre. Er verharrt in der Meinung, die Summe seiner Experimente – der jetzige Zustand der Welt – könne durch weitere erfolgreiche Experimente im Gleichgewicht gehalten werden. Da die Anzahl der unabsichtlichen und unerwarteten Nebenwirkungen aber immer größer wird, verirrt er sich in einem Dickicht von Schäden, die ihn langsam ersticken.

Zusammenfassung 

  1. Das menschliche Denken – Analysieren, Vorausschauen, Experimentieren – ist, im Gegensatz zu jenem älterer Arten des Lebens, in seinen Konsequenzen in der bisherigen Evolutionsgeschichte noch nicht ausgetestet, erprobt und angepasst. Die Verfolgung der Interessen des Einzelnen führt daher laufend zur Kollision mit den Interessen des gesamten Systems: Koevolution, wie bei anderen Lebewesen, konnte sich noch nicht herausentwickeln. Die Menschheit ist dafür noch zu jung.
  2. Der einzelne Mensch braucht Sinn und sinnerfüllte Zielsetzung, die Gemeinschaft ein Minimum an Schnittmenge dieser einzelnen Bestrebungen. Daraus resultiert das Bedürfnis nach Gott, Religion und Ideologie.
  3. Der menschliche Intellekt als leitende Instanz für das Individuum ist vorrangig Instrument für den einzelnen und für spezielle Aufgaben des Einzelnen und kleiner Gruppen geeignet.
  4. Die Phänomene großer Massen folgen hingegen nicht den Gesetzen der Logik. Die menschliche Psyche ist sehr leicht zu täuschen. In Summe führt Täuschbarkeit und Ideologiebedürfnis zum steten Risiko der Verführbarkeit.
  5. Anführer, Politiker, Fürsten sind oder werden in der Regel amoralisch. Dies ist eine Voraussetzung und auch Folge der herrschenden Ausleseprinzipien: Redegewandtheit, Kunst des Täuschens, Einsatz von Geld, Desinformation, Macht, Skrupellosigkeit, amoralisch angewandte hohe Intelligenz.
  6. Die Revolution der Informations- und Überwachungstechnik fördert die Manipulierbarkeit der Massen durch koordinierte Desinformation vermittels verschiedener Medien (Zeitungen, TV, Film, Internet). Die systematische Ausspionierbarkeit und darauffolgende Nutzung der Ergebnisse unterstützt diese Tendenz.
  7. Im Gegenzug wird die Überprüfbarkeit von Informationen durch den Einzelnen (diese sind allerdings in der Minderzahl) ebenfalls erleichtert. Der innere Widerstand in der Gesellschaft gegen die erkannte systematische Indoktrinierung und Manipulation nimmt zu.
  8. Traditionell übermittelte Informationen werden zunehmend in Zweifel gezogen, die Autorität aller Institutionen sinkt. Diese greifen daher vermehrt zu verstecktem Machtmissbrauch. „Wir wissen besser, was für das Volk gut ist (auf der Basis der von uns selbst geschaffenen und eingetränkten Ideologie).“ Diese wird von den Mächtigen sicherheitshalber nicht mehr hinterfragt, weil das für sie selbst verderblich wäre: ein Analogon zur Inquisition, der Unfehlbarkeit des Koran oder der missbrauchten Political correctness.
  9. Die zunehmende Intervention in das politische Geschehen durch Einzelne – die Befreiung der individuellen, nonkonformistischen „Einzel- Moralen“ – leitet über zu einem „Jeder gegen Jeden“ und einem Zerfall der Ordnungen. Dies steigert die Aggressivität im Zwischenmenschlichen, aber auch im Zwischenstaatlichen, und führt zur „Flucht zum äußeren Feind“ – nachdem man ihn konstruiert und damit künstlich realisiert/provoziert hat.
  10. Das Gesamtsystem der Gesellschaft, das Ökosystem und – in letzter Konsequenz – auch die Ökonomie bleibt in diesem Kampf der Egoismen auf der Strecke. Die Bienen werden es überleben. Die Mehrzahl der Menschen, eines Tages, wahrscheinlich nicht.