Die Peinlichkeiten der Voith-Kritiker

von Matthäus Kattinger / 05.02.2015

Nimmt man das „Empörungs-Barometer“ von St. Pöltens Bürgermeister, Arbeiterkammer und Gewerkschaften als Messlatte, dann herrscht in der Landeshauptstadt seit Montag Ausnahmezustand. Da hat nämlich eine der grössten deutschen Familiengesellschaften, der Voith-Konzern aus dem schwäbischen Heidenheim, bekanntgegeben, in St. Pölten bis Ende März 2016 die Sparte Papier (Walzenfertigung) aufzulassen. Damit werden 150 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verlieren.

Wie Voith in einer Aussendung erklärte, habe das dauerhaft um die Hälfte geschrumpfte Marktvolumen für neue Papiermaschinen und der verschärfte Wettbewerb- und Preisdruck keine andere Wahl gelassen. Das europäische Papiermaschinen-Geschäft des Voith-Konzerns werde deshalb am Standort Heidenheim gebündelt. Neben St. Pölten werden auch die Papier-Standorte Krefeld und Neuwied geschlossen. Doch wäre es zu einfach den Stammsitz Heidenheim als Profiteur zulasten der Produktionen in Krefeld, Neuwied und St. Pölten zu sehen, müssen doch auch 300 Mitarbeiter der Papiersparte am Konzernsitz Heidenheim gehen.

So verständlich Enttäuschung, Frustration und Ängste der von den Kürzungen am Standort St. Pölten betroffenen Mitarbeiter sind, so überzogen sind diverse Reaktionen des St. Pöltner Bürgermeisters, der Arbeiterkammer und der zuständigen Teilgewerkschaften.

Für den Präsidenten der Arbeiterkammer Niederösterreich Markus Wieser (zugleich Vorsitzender des ÖGB in Niederösterreich), ist es „unverfroren, „eine Sparte, die Gewinn schreibe, abzudrehen und derart viele Mitarbeiter vor die Tür zu setzen“. Man müsse sich fragen, so Verschwörungstheoretiker Wieser, welche wirtschaftlichen Begünstigungen im Nachbarland solche Schritte unterstützt hätten. Fast wortgleich argumentierten die Sprecher von Produktions- und Angestelltengewerkschaft: „Wieder einmal wird von einem deutschen Konzern ein gewinnbringender Industriestandort einfach geschlossen. Wieder einmal lauten die schlichten Begründungen ‚Wettbewerbsfähigkeit‘ und ‚notwendige Umstrukturierung“.

Nun gibt es in der Arbeiterkammer in Wien zwar eine fachlich fundierte Abteilung für Betriebswirtschaft, doch dürfte deren Wirken selbst im Hause (und bei dem von der Arbeiterkammer via volks- und betriebswirtschaftlicher Studien quer-subventionierten Gewerkschaften) unbemerkt geblieben sein . Sonst könnte es wohl nicht sein , dass ein AK-Präsident nicht zwischen einem positiven Betriebsergebnis eines Teilbereiches an einem von mehreren Standorten und den mittel- und langfristigen Überlebenschancen einer unter massivem Druck geratenen Branche wie dem Papiermaschinenbau zu unterscheiden. Offensichtlich hat man in einem derart von Markteinflüssen abgeschotteten Biotop wie der Arbeiterkammer noch nichts von den dramatischen Umwälzungen etwa im Zeitungsgeschäft von Print zu Online mitbekommen.

Dass die Walzenfertigung in St. Pölten, selbst wenn es Kompetenzzentrum für den Konzern ist, nur ein Teilbereich von Voith Paper ist, die Unternehmensführung ihre Entscheidung aber darauf ausrichten muss, den Bereich Papiermaschinen als Ganzes zu sanieren bzw. zu retten, das wollen Gewerkschafter nicht einsehen. Was kümmert’s uns, ob Papiermaschinen überhaupt noch benötigt werden, solange in St. Pölten weiterhin Walzen dafür gefertigt werden können. So traurig das für St. Pölten auch sein mag, so ist es möglicherweise die letzte Chance für Voith Paper, den Bereich an einem Standort, eben der Konzernzentrale Heidenheim, zusammenzuziehen.

Spartenergebnisse des Voith Konzerns 2013/2014 (30.9.), Vorjahr in Klammer
Betriebsergebnis (in Mio €) Rendite eingesetztes Kapital (%)
 Voith Papier 9 (86) 1,0 (9,1)
Voith Industrial Services 20 (30) 8,5 (12,6)
 Voith Hydro 101 (106) 21,8 (20,9)
Voith Turbo 111 (110) 14,7 (13,9)

Wann werden Arbeiterkammer und Gewerkschaften erkennen, dass Globalisierung nicht teilbar ist. Dass es unmöglich ist, sich nur die Rosinen herauszupicken (deutlich gesunkene Preise), die damit verbundenen Nachteile (wie Produktionsverlagerungen) nicht akzeptieren will. Bezeichnend für diese Realitätsverweigerung ist der von der Arbeiterkammer in deren halbjährlichen Wettbewerbsberichten akribisch geführte Auslagerungs-Monitor. Dort werden alle ins Ausland verlagerten Produktionsbereiche samt in Österreich aufgelassener Arbeitsplätze aufgelistet. Nichts aber ist davon zu lesen, dass nur durch die Auslagerung der Produktion bzw. der Bezug von Vorleistungen aus dem preisgünstigeren Ausland –zig Tausende Arbeitsplätze, ja ganze Standorte in Österreich gehalten werden konnten. Österreich profitiert im Übrigen wie nur wenige andere Länder von der internationalen Arbeitsteilung.

Ach ja, auf den immerhin seit 2004 amtierenden Bürgermeister von St. Pölten, Matthias Stadler (zugleich Landesparteivorsitzender der SPÖ), will ich keinesfalls vergessen. Als der Voith-Konzern auch in schwierigen Jahren St. Pölten die Treue hielt, da nahm man dies als selbstverständlich hin. Jetzt aber, wo es um das Überleben der gesamten Papiermaschinen-Sparte von Voith geht, werden dem Management unlauterste Motive unterstellt. So erregt sich Stadler darüber, dass schon 2013 rund 250 Beschäftigte bei Voith in St. Pölten ihre Arbeitsplätze verloren hätten. Dies sei damals, so Stadler, als Grundvoraussetzung genannt worden, dass Voith Paper „in den nächsten Jahren als gesundes und profitables Unternehmen agieren könne“.

Ja, Herr Bürgermeister, so ist eben die Wirtschaft. Da gibt es u. a. ganz böse Konkurrenten, die zu Kampfpreisen der Voith Aufträge wegnehmen. Schlimmer noch, manche davon sitzen in Ländern, in denen Lohn- und Lohnnebenkosten nicht so hoch und Umweltauflagen bei weitem nicht so streng sind wie etwa in Deutschland und Österreich. Das sind eben die Vor- und Nachteile einer globalisierten Wirtschaft. Das ist im Übrigen nicht viel anders wie mit dem Kurs des Schweizer Frankens.
Auch da konnte, als die Stadt St. Pölten den für sie jetzt so teuren Währungs-Swap abschloss, niemand ahnen, dass der Kurs des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro geradezu explodieren würde.

Was Voith mit der Wette St. Pöltens auf den Franken zu tun hat? Die Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien hat St. Pölten im November 2014 auf 67 Millionen Euro geklagt, weil die Stadt die laufenden Zahlungen aus der Zinswette (Währungsswap) eingestellt hat. In St. Pölten verteidigt man sich damit, dass das Geschäft 2007 nicht rechtsgültig zustande gekommen sei. Ein einfacher Standpunkt: Verträge gelten nur dann, wenn es uns passt. So lange alles gut geht (wie es etwa auch bei den Kursgewinne von Meinl European Land in den ersten Jahren nach der Emission war), die Papiere deutlich im Kurs zulegen oder wie im Fall St. Pölten die Währung sich wie gewünscht entwickelt, geniesst der Kavalier und schweigt.

Wehe aber, wenn sich das Geschäft in eine unerwünschte Richtung entwickelt. Dann will man plötzlich das Geschäft an sich nicht verstanden haben (siehe Linz) oder behauptet, dass es ist nicht rechtsgültig zustande gekommen ist (St. Pölten). Oder man besteht darauf, dass Voith auf immer und ewig in St. Pölten Walzen für Papiermaschinen herstellt. Auch wenn diese längst nicht mehr benötigt werden.