Die Renaissance von Populismus und religiösem Radikalismus

Meinung / von Alexander Zlatnik / 15.07.2016

„Tötet sie alle, Gott wird die seinen schon erkennen“

Arnold Amalrich, 1209, päpstlicher Legat

Auch 800 Jahre nach dem Gemetzel von Béziers haben wir Menschen noch nichts dazugelernt.

Das Gegenteil ist der Fall, Populismus und religiöser Radikalismus erleben eine Renaissance dieser Tage, dabei handelt es sich nicht etwa um ein lokales, sondern um ein globales Phänomen, ein Megatrend.

Die Menschheit befindet sich auf dem Zenit in jeder Hinsicht, Technologie, Wohlstand, Frieden, Wissen; zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit ging es uns besser. Leider stimmt diese Aussage aber nur für einen Teil der Menschheit, nämlich der sogenannten westlichen Welt, und einem Teil Asiens.

Der Wohlstand ist teuer erkauft, zum Großteil auf Kosten des afrikanischen Kontinents. Billiges Erdöl als Treibstoff für unsere Automobile und Konsumgüter für unsere Wegwerfgesellschaft, seltene Erden für unsere Mobiltelefone, Edelmetalle und Edelsteine; die größten Abbaugebiete und Minen liegen in Afrika und dem Nahen Osten. Die Ausnahme bildet Australien, die größten Eisenerz und Kohlevorkommen bilden das Rückgrat der australischen Wirtschaft, 3 Unternehmen kontrollieren 2/3 des Welt-Eisenerzmarktes. BHP und Rio Tinto in Australien und Vale in Brasilien. Ein Quasimonopol. Nur im Gegensatz zum Kartell der OPEC spricht niemand darüber, weil es die wenigsten wissen oder interessiert.

Die Welteisenproduktion liegt bei ca. 1.500 Millionen Tonnen pro Jahr und 3 Konzerne kontrollieren diesen Markt. Die Überkapazitäten in China von mehreren hundert Millionen Tonnen pro Jahr überschwemmen den Weltmarkt mit billigem Stahl, von der chinesischen Regierung subventioniert. Europa und die USA versuchen sich händeringend durch Strafzölle zu schützen, Afrika und Großteile Asiens können sich gar nicht schützen, ebenso wie Südamerika.

Unsere Kleidung wird in Asien gefertigt, damit wir ein T-Shirt um 2 Euro kaufen können, um es nach ein paar Monaten wegzuwerfen, kostet ja nichts und die neue Kollektion ist auch schon da.

H&M, C&A, Primark, KIK, aber auch die exklusiven Nobelmarken lassen dort fertigen, wo die Kosten am geringsten und der Gewinn am größten ist. Und das System funktioniert, dank uns. Wir Konsumenten bestimmen was wir kaufen, jeder Einzelne ist mitverantwortlich für das bestehende System. Die Hersteller und Händler reagieren nur auf unser Kaufverhalten, und fördern es natürlich in die Richtung Gewinnmaximierung.

Dass die Produktionsbedingungen unserer billigen Kleidungsstücke menschenunwürdig sind, interessiert uns in der westlichen Welt nicht wirklich. TV-Dokumentationen darüber gibt es genügend, die werden aber nicht zur Primetime ausgestrahlt. Auf dritten deutschen Programmen nach 24 Uhr, oder auf Spartensendern wie arte und Phönix werden diese Dokumentationen gezeigt.

Das hat System, man stelle sich vor um 20:15 auf ORF1 werden 10 jährige Kinder gezeigt wie sie T-Shirts mit bloßen Füßen in Bottichen mit Chrom-6 haltigen Flüssigkeiten färben. Und eine Lebenserwartung von 30 Jahren haben, damit wir T-Shirts um 2 Euro kaufen können.

Dann lieber Starnacht am Wörthersee oder den Bergdoktor.

Brot und Spiele funktioniert. Immer.

Unsere Landwirtschaft, in der EU und in den USA durch Aber-Milliarden Steuergelder gefördert, produziert mehr als wir verbrauchen können. Der Überschuss wird vernichtet und exportiert. Die EU exportiert jährlich landwirtschaftliche Güter im Wert von mehreren Milliarden Euro nach Afrika, zu Dumpingpreisen, und hat die lokalen Landwirte längst in den Ruin getrieben.

Industrielle Nahrungsmittelproduktion, mit Steuergeld subventioniert, gegen lokalen Ackerbau ohne maschinelle Unterstützung. Der Verlierer stand schon vor Beginn dieses Matches fest.

Was sind die Konsequenzen unseres Handelns?

Arbeitslosigkeit, Armut, keine Perspektiven in den meisten Ländern Afrikas oder in Asien.

Der perfekte Nährboden für Populismus und Radikalismus. Gib Menschen einen Schuldigen und sie tun alles für dich. Das wissen wir seit tausenden von Jahren, und es funktioniert nach wie vor reibungslos.

So haben die Herren Strache und Wilders und auch Frau LePenn leichtes Spiel. Und genau derselbe Mechanismus greift seit vielen Jahren in Afrika, dem Nahen Osten und in Asien.

Was können wir tun?

Die Ursache der Probleme bekämpfen, nicht die Wirkung. Zäune an den Grenzen aufzustellen löst die Probleme nicht. Solange die Menschen in ihren eigenen Ländern von ihren eigenen Regierungen abgeschlachtet werden, keine Perspektiven haben, solange werden sie alles versuchen in Länder zu gelangen in denen sie nicht getötet werden.

Wir unterstützen diese Regierungen, damit wir billige Rohstoffe und Dienstleistungen verfügbar haben. Stellen Sie sich vor, in Afrika und Asien würde der gleiche Lebensstandard herrschen wie in Europa, T-Shirts würden mindestens 10 Euro kosten. Flachbildfernseher und Mobiltelefone zumindest das Doppelte. Aber nur am Anfang, wir würden all unser Wissen und unsere Technologie darauf verwenden die Produktion zu optimieren und es würde uns relativ rasch gelingen. Auf der anderen Seite hätten zufriedene Menschen wenig bis kein Interesse daran sich zu radikalisieren. Menschen sind prinzipiell faul, oder anders gesagt, wir Menschen bevorzugen das indifferente Gleichgewicht. Wenn unsere Grundbedürfnisse gedeckt sind, sind wir zufrieden und haben keinen Drang Sprengstoffgürtel umzuschnallen.

Aber noch ist der Leidensdruck zu gering um etwas am Status quo zu ändern.

Religiöser Radikalismus und damit verbundene terroristische Anschläge sind ein Aufschrei der Verzweiflung. Aber wir können ihn nicht hören.