Die Seele ist’s, die österreichische: To whom it may concern

von Klaus Woltron / 24.03.2015

Überraschung!

Die Seele ist’s, die österreichische! Das ist das eindeutige Ergebnis eines strategischen Vergleichs zwischen der Schweiz und Österreich.

Der Mangel ist nunmehr, per Fehl-Steuerungs-Reform, verteilt – sei’s gerecht oder ungerecht. Die Fehler der Vergangenheit werden mit Begeisterung untersucht, das Absandeln wort- und krokodiltränenreich beklagt. Es fehlt jedoch ein nicht unwichtiger Punkt: Wie ist’s so weit mit uns gekommen? Noch wichtiger: Wie soll es eigentlich weitergehen?

Vor einem Vierteljahrhundert verfasste ich, geplagt von Sinnkrisen, ein Buch mit dem Titel: Der Wald, die Bäume und dazwischen, es wurde ein Bestseller und ich war sehr stolz.

Es war das Resultat einer Suche nach Orientierung in einem Wust von philosophischen und beruflichen Zielkonflikten. Abseits von den derzeit heiß umstrittenen „Bäumen“ der Österreich-Problematik (Stichwort: „Absandelung“) war es interessant, einen Blick auf den gesamten „Wald Österreich“ zu werfen.

Wie stehts eigentlich um den?

Eine Vorschau auf Schmerzen

Jeder bei Verstand befindliche Unternehmer, sicher aber jeder Führer eines Großkonzerns, der seinen Aktionären Rechenschaft ablegen muss, was er mit deren Geld so alles treibt, ist dazu verpflichtet, eine Gesamtstrategie als Handlungsrahmen zu entwickeln. (Ein österreichischer Bundeskanzler offenbar nicht.) Der allererste Schritt dazu ist die Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen: Wo ist das Kapital, wo sind die Chancen, wo liegen die Schwachstellen?

Wertparameter einer Struktur

Die folgende Analyse ist halbquantitativ. Sie soll lediglich als Beispiel dienen, wie man als Verantwortlicher an die Zukunft herangehen möge. Sie wäre es wert, von einer Gruppe fachkundiger Rechercheure im Detail ergänzt und verfeinert zu werden, um als stabile Basis für einen mittelfristigen Handlungsplan zu dienen.

Als allererstes Resultat der „Drüberschau“ muss man feststellen: Was immer uns allen bevorsteht, und wie immer man es angehen wird: Es wird wehtun. Und die Fehler liegen bei uns allen. Bei jedem von uns.

Wir haben den Hut verkehrt auf

Wir verteilen die Schulden höchst gerecht, man verfolgt – ja bestraft sogar! – jene Bösewichte, welche die bekannten Fiaskos angerichtet haben, jeweils mit Zähigkeit und Härte. Weitere sind übrigens bereits im Keller am Abstinken. Das alles aber ist rückwärtsgewandt.

Währenddessen überholen uns klammheimlich unsere internationalen Konkurrenten, Firmen wandern ab, hochqualifizierte Absolventen gehen ins Ausland und stärken die Konkurrenz, Schulen und Universitäten werden von einem Clan von Nivellierern und Experimentierern in situ paralysiert. Viele Milliarden an öffentlichen Mitteln werden in Projekte investiert, welche in Bezug auf ihre volkswirtschaftliche Rentabilität keiner Überprüfung standhalten würden.

Wer ist uns, den Bügern, Wählern und Zahlern, eigentlich dafür verantwortlich, sich darüber Gedanken zu machen, wo dieses Land in zehn Jahren stehen will? Wer sorgt dafür, dass die wesentlichen Leitlinien staatlichen Handelns sich an einer wohl fundierten, ganzheitlichen und mit Zahlen, Fakten und Vergleichen unterlegten Gesamtkonzeption orientiert? Ich will nicht weiterfragen und untersuche daher erst einmal selbst.

Die Methode

Die wichtigsten Parameter, welche die Ausgangslage Österreichs beschreiben, sind gewichtet aufgelistet. Diese Gewichtung ist subjektiv und entspricht meinem persönlichen Empfinden.

Daneben findet sich die Beurteilung der Schweiz, eines Landes, welches in sehr vielen Aspekten seiner Lage, Bevölkerungszahl und Kultur mit Österreich vergleichbar ist.

Auch diese Beurteilung ist selbstverständlich subjektiv, halb-qualitativ und müsste im Falle einer genauen Untersuchung auf Stimmigkeit abgeklopft werden. Nach meinen über ein Jahrzehnt andauernden persönlichen Erfahrungen in der Schweizer Wirtschaft halte ich die definierten Parameter aber für weitestgehend realistisch.

Die Bewertung

Stärken-Schwächen-Einschätzung (subjektiv, Woltron)

Die Gegenüberstellung – rote Flächen: Nachteile Österreichs

Stärken/Schwächen, grafisch (subjektiv; Woltron).

Die Vorteile der Schweizer, aufgereiht

Schweiz vs. Österreich (subjektiv, Woltron)

Hard facts

Hohe Schulden, Kosten des Staates, Höhe der Steuern und fehlende Gesamtstrategie liegen bei den Negativfaktoren vorne, gefolgt vom Schul- und Universitätssystem – so weit, so bestens bekannt.

Soft facts

Dort liegt der eigentliche Hase im Pfeffer: All die jetzt so wortreich beklagten und untersuchten Nachteile sind von uns Menschen verursacht. Welche Fehler haben bzw. machten die Österreicher gegenüber den Schweizern, um in derartige Kalamitäten zu kommen?

Die Schweizer sind im Schnitt ehrlicher: Sie gestehen eigene Fehler eher ein, während der Österreicher dazu neigt, sich hauptsächlich fremden Fehlern zu widmen. 

,Jeder kehre vor der eigenen Türe, und die Welt ist sauber.‘ (J.W. Goethe)

Der Österreicher denkt und agiert kollektiv defensiv, sein Verteidigungswille beschränkt sich weitestgehend auf das berühmte „Matschkern“ – diese Alibi-Einstellung charakterisiert sogar seine Einstellung zur Landesverteidigung, die er bereits de facto abgeschafft hat, in einer Zeit rundum zunehmender Gewalt.

Die Beschäftigung mit allen Arten des Matschkerns und den Fehlern anderer sowie deren penibler Untersuchung lenkt davon ab, sich mit den Herausforderungen der Zukunft zu befassen. Dabei vergisst man, dass es die Zierde der Staatsfrau und des Staatsmannes wäre, die ausnahmsweise einmal klar gefassten Entschlüsse auch in die Tat umzusetzen: Die mangelnde Tatkraft, der blutleere Umsetzungswille ist einer der größten Fehler des homo politicus austriacus. 

Wer einmal einer Vorstandssitzung in einem der tausenden Vereine Österreichs beigewohnt hat oder in einer Gemeinderatssitzung zu Gast war, kann ein langes Lied von der unsäglichen Art und Weise, wie man da nicht zu Entschlüssen gelangt, singen. Von den Debatten im sogenannten Hohen Haus sei erst gar nicht die Rede. Offensichtlich wird schon in die frühkindliche Seele des Österreichers der Keim gelegt, ausschließlich seinen eigenen Standpunkt zu sehen, zu vertreten, anderen Meinungen erst gar nicht zuzuhören oder mit abwehrender Manier zu begegnen – und dies auch ein ganzes Leben lang tapfer durchzuhalten.

Der pure Extrakt dieser befremdlichen negativen Eigenheiten des Österreichers – besonders des Ostösterreichers – ist sodann das politische Personal. Dort findet sich alles Geschilderte in konzentrierter, herausdestillierter Form: mangelnde Ehrlichkeit und Selbstkritik, fehlender Wille zur Verteidigung gemeinsamer Anliegen aus parteipolitischem Eigeninteresse, Feigheit vor den Folgen der notwendigen Tat, mangelndes Eingehen auf Argumente und gute Vorschläge von dritter Seite. Die wenigen wohltuenden Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Folgen: Man schmort im eigenen Saft, schiebt Aufgaben vor sich her, bis man darin steckenbleibt, und ist sodann vergangenheitsorientiert. Erst im Falle außerordentlicher Ereignisse: Flutkatastrophen, Lawinenabgänge, Großbrände etc. rücken die Österreicher zusammen. Dies lässt befürchten, dass das Zusammenrücken im Falle der geschilderten Mängel ebenfalls erst nach einer Katastrophe erfolgen wird. Die Beispiele Verstaatlichte, BAWAG, Hypo, Volksbank, Neue Mittelschule  etc. etc. wären sodann nur ein matter Vorgeschmack gewesen.

Was tun im Emergency Case?

Zuerst das Dringende, parallel dazu und langfristig das Wichtige.

Passiert ein Unfall, kommt der Notarzt, stillt das spritzende Blut, stellt den Kreislauf wieder her und sorgt für schonenden Abtransport. Im Spital erstellt ein erfahrener Profi die Anamnese, seine Assistenten besorgen die Details. Parallel dazu reserviert man einen Platz im REHA-Zentrum und erarbeitet einen Langfrist-Plan für das Procedere der Rehabilitation. Diesen verfolgt der Hausarzt über viele Jahre hinweg, macht seine Patienten auf Fehler, Abweichungen und Risiken rechtzeitig aufmerksam und bewahrt sie vor neuerlichem Ungemach.

Unternehmensretter gehen analog vor, und Staatenlenkern wäre dringend zu raten, in Krisenfällen ebenfalls so zu agieren bzw. agieren zu lassen.

Insbesondere den Soft Facts müsste die langfristige Aufmerksamkeit gelten: Schon in der Schule, der Berufsaus- und Weiterbildung müsste Wert darauf gelegt werden, die geschilderten Soft Facts im positiven Sinne zu entwickeln. Der Homo politicus sei bei jeder Gelegenheit daran erinnert, als Beispiel zu wirken, und auch alle anderen Verantwortungsträger möge man, als Beispielgeber, bei jeder Gelegenheit ermahnen und bestärken. Das wären Projekte, die langfristig eine ungleich höhere Rentabilität hätten als hilflose Image-Polituren in Boulevardzeitungen.

Das wäre, im übertragenen Sinn, der Prozess. Für das Weitere bin ich nicht zuständig – die Verantwortlichen mögen es berücksichtigen. Oder auch nicht.