Die Stadt, die mit Geld umgehen kann

von Elisabeth Oberndorfer / 29.05.2015

Während im Silicon Valley das Geldverbrennen zum Statussymbol wird, setzen New Yorker Gründer auf nachhaltiges, besonnenes Wachstum. Das zeigen bescheidene Unternehmer und auffallend leere Büros.

„Ich bin der Entwicklungsleiter. Aber ich hab keine Ahnung, was meine Mitarbeiter eigentlich machen.“ Es gibt keinen besseren Ort für Real Talk im Start-up-Business als auf der Premierenfeier der Reality-Show „Start-ups: Silicon Valley“. Es war im Herbst 2012, als mir der Mitarbeiter eines der heißesten Unternehmen, das zu dem Zeitpunkt 600 Personen beschäftigte, alkoholisiert Absurditäten gestand. Noch heute ist die Anekdote ein Platzhalter für alles, was schiefläuft im Silicon Valley.

Geld aufstellen, hunderte Mitarbeiter einstellen und vom hippen Interior Designer das Büro gestalten lassen: So lautet der Lebenslauf vieler Start-ups in Nordkalifornien. Bei dem rasanten Wachstum geht der Überblick verloren. Nachhaltiger Unternehmensaufbau ist in der Tech-Szene selten, „fail fast“ lautet das Mantra.

Internationale Expansion in kleinen Schritten

Zweieinhalb Jahre später in einem stillen Wohnbezirk in Brooklyn: In einem unscheinbaren Warehouse hat sich Kickstarter eingebettet. Die reichweitenstärkste Crowdfunding-Plattform ist auf internationalem Expansionskurs und verfügt über Risikokapital im zweistelligen Millionenbereich. Das industrielle Gebäude ist für ein Unternehmen mit diesem Bekanntheitsfaktor auffällig leer. 120 Mitarbeiter hat Kickstarter angestellt, informiert die Pressesprecherin. Auch wenn vor wenigen Wochen die deutsche Version des Portals online ging, will sie von Büros in Europa nichts wissen: „Wir warten erst einmal ab, wie sich der Markt entwickelt. Wir wollen ja nichts überstürzen.“ Bescheidene, besonnene Worte. Sie sind rar in der Start-up-Community – aber offenbar nicht in der von New York.

Ein ähnliches Bild zeigt sich am Rande von Chelsea, wo die Betreiber der Erfinderplattform Quirky sitzen. Auf dem Portal kann die Community Produktideen einreichen, die dann mit großen Handelspartnern umgesetzt und vertrieben werden. 185 Millionen US-Dollar haben Risikokapitalgeber bisher in die Idee gesteckt. „Wir haben erst diese Woche 33 neue Mitarbeiter von einem anderen Unternehmen übernommen“, erklärt die Rezeptionistin die Aufregung, die in der Luft liegt. Für Quirky ein Big Deal, denn bisher haben dort nur rund 100 Mitarbeiter zwischen Prototypen-Werkstatt und Schreibtischen gearbeitet.

Von den Fehlern der Wall Street gelernt

Firmennamen mit Kreide auf eine Tafel gekritzelt, kein Empfang mit Ausweiskontrolle und kein Lift: In einem heruntergekommenen Gebäude in Midtown schnauft Kellee Khalil, Gründerin des Hochzeitsportals Loverly durch: „Nächste Woche ziehen wir endlich um.“ Das benachbarte Start-up hat kürzlich eine Finanzierungsrunde in Höhe von zehn Millionen Dollar abgeschlossen und ist bereits vor einigen Tagen ausgezogen.“ Die New Yorker Gründer gehen bescheidener mit ihren Ressourcen, wiederholt sie das, was auch andere Interviewpartner in den vergangenen Wochen gesagt haben. Eine hohe „Burn-Rate“ ist in der Stadt im Gegensatz zum Silicon Valley kein Statussymbol. Das mag daran liegen, dass sich die Start-ups nicht gegenseitig aufreiben und Hahnenkämpfe austragen, oder auch daran, dass in New York weniger Wagniskapital zu finden ist als in der Bay Area.

Was an der Wall Street vor dem Ende der goldenen Zeiten schieflief, das scheint die Gründerszene in New York City bewusst vermeiden zu wollen. Gezielte Investitionen übertrumpfen vorschnelle Exits und unnötig hohe Kapitalspritzen. Denn mit Geld scheinen die meisten hier besser umgehen zu können als in der Region um San Francisco.

Auf den Nebensatz, dass ihr Start-up immerhin schon eine gute Menge an Budget erhalten hat – fünf Millionen Dollar, reagiert Khalil jedenfalls so: „Das ist nicht wirklich viel. Wäre ich im Valley, ein Mann und mein Start-up nicht in der Hochzeitsindustrie, hätte ich 30 Millionen aufstellen können.“