Ron Antonelli / Bloomberg

Die US-Wirtschaft und die Wahlen: Corporate Americas Glanz trügt

Meinung / von Christiane Hanna Henkel / 15.10.2016

Amerikas Konzernen geht es längst nicht so gut, wie das die hohen Gewinne oder Börsenrekorde implizieren. Es hat sich viel Reformbedarf angestaut. Der Wahlkampf erweckt den Eindruck, dass sich weder Clinton noch Trump der grossen Herausforderungen bewusst wären.

Die Wall Street feiert derzeit Rekorde. Der Aktienindex S&P 500 hat sich seit der Finanzkrise um 89 Prozent in die Höhe geschwungen, der technologielastige Index Nasdaq gar um 125 Prozent. Beide Börsenbarometer bewegen sich damit in der Nähe von Allzeithochs. Auch die Gewinne und Gewinnmargen sind vielerorts rekordverdächtig. Das Silicon Valley und andere Innovationszentren wie Boston, New York, Austin oder Las Vegas vibrieren vor unternehmerischer Energie. Während Uber, Airbnb, Facebook oder Tesla zu den etablierten Newcomern gehören, rüstet sich im ganzen Land bereits die nächste Generation von Firmen für die bevorstehende Revolution in Bereichen wie künstliche Intelligenz oder virtuelle Realität.

Die etablierten Unternehmen Amerikas reagieren auf neue Konkurrenz und andere Herausforderungen ebenso dynamisch und oft gar mit der Neuerfindung ihrer selbst. Der Technologiekonzern Cisco etwa entlässt seit Jahren jedes Jahr Tausende von Mitarbeitern, zählt Ende des Jahres dann aber doch mehr Beschäftigte als zuvor, weil er Firmen aufkauft oder Geschäftsbereiche ausbaut. Der riesige Hersteller von Turbinen und anderen Investitionsgütern General Electric wiederum versteht sich mittlerweile als Softwarekonzern. Und nicht zuletzt zeigt sich die Dynamik amerikanischen Unternehmertums in der rasanten Erschliessung des in Schiefergestein lagernden Erdöls und Erdgases mittels neuer Technologien („Fracking“).

Wankelmut am Werk

Trotz alldem verliert der Glanz von „Corporate America“ bei genauerem Hinsehen an Strahlkraft. Die gute Gewinnlage etwa ist nicht das Ergebnis eines phantastischen Geschäftsverlaufs. Die Umsätze sind in den letzten Jahren nur moderat gewachsen. Vielmehr haben Amerikas Firmen enorme Anstrengungen unternommen, um ihre Kosten zu senken. Der Personalaufwand wurde durch zum Teil grosse Entlassungen und das Einfrieren der Löhne gesenkt. Viele Unternehmen haben ihre Steuerlast verringert, indem sie Firmen im steuergünstigen Ausland gekauft und daraufhin ihren Steuersitz dorthin verlegt haben („Inversionen“). Dank den niedrigen Zinsen konnten die Konzerne zudem Schulden umschichten und teure Kredite in günstigere umtauschen. Auch hat der Konzentrationsgrad in einigen Branchen ein bedenkliches Ausmass erreicht. Die damit einhergehende Abschwächung des Konkurrenzdrucks hat zu steigenden Gewinnmargen beigetragen.

Auch die Börsenhausse zeichnet ein trügerisches Bild vom Zustand von Corporate America. Hinter der Hausse steckt – neben der durch die Zinspolitik der Zentralbank künstlich angekurbelten Nachfrage der Investoren nach Aktien – auch eine Menge an „financial engineering“: Die Unternehmen haben Rekordsummen in den Rückkauf eigener Aktien gesteckt. Die Anzahl der ausstehenden Aktien sinkt, und damit erhöht sich der Gewinn je Aktie und in der Folge oft der Aktienkurs. Microsoft etwa hat erst jüngst einen Rückkauf im Umfang von 9 Prozent seines Marktwertes (von 445 Milliarden Dollar) angekündigt. Die Rückkäufe wurden von den Konzernen zum grossen Teil über die Emission günstiger Anleihen finanziert. Auf diese Fremdmittel greifen die Firmen zurück, weil ein grosser Teil ihrer Gewinne aus steuerlichen Gründen im Ausland untergebracht sind.

Die seit 2008 amtierende Regierung Obama vermochte keine wesentlichen Wachstumsimpulse zu setzen.

Was in den Führungsetagen der Unternehmen, abgesehen von einigen Branchen oder einzelnen Firmen, seit sieben Jahren kaum zu spüren war, ist Optimismus – trotz hohen Gewinnen und Börsenrekorden. Das spiegelt sich vor allem in der trägen Investitionstätigkeit der Unternehmen. Erst im vergangenen Jahr investierten Amerikas Firmen (in absoluten Zahlen gemessen) wieder so viel wie vor der Rezession; derzeit sind ihre Investitionen wieder rückläufig. Dabei hätten sie ausreichend Mittel. Die Firmen haben in den zurückliegenden Jahren nämlich ihr Eigenkapital kräftig aufgestockt, und die Verschuldungsquote (Schulden im Verhältnis zu Eigenkapital) ist damit trotz starker Aufnahme von Fremdkapital auf ein im historischen Vergleich sogar niedriges Niveau gesunken. Investitionen könnten leicht über den Einsatz von Eigenkapital finanziert werden.

Wahrscheinlich sind die geringen Investitionen von Corporate America eine wichtige Erklärung für die zuletzt rückläufige Produktivität des Landes. Dieses in vielen Industrieländern zu beobachtende Phänomen ist in den USA besonders ausgeprägt. Über seine Ursachen gibt es verschiedene Theorien. Gründe dafür, ihre Investitionen seit Jahren einzuschränken, haben Amerikas Unternehmen viele. Zunächst einmal konnten sie dank der Niedrigzinspolitik der US-Zentralbank kurstreibendes „financial engineering“ in Gang setzen und ihre Aktionäre über derart erreichte Kurssteigerungen zufriedenstellen, ohne dank Neuinvestitionen Umsatz zu schaffen. Dann brachen Schwellenländer wie Brasilien schnell als vielversprechende Absatzmärkte weg. Die seit 2008 amtierende Regierung Obama vermochte keine wesentlichen Wachstumsimpulse zu setzen. Sie war zunächst mit der Eindämmung der Finanzkrise und später mit der Bewältigung von deren Folgen beschäftigt.

Investitionsfeindliches Klima

Die Regierung Obama hat auf die Finanzkrise vor allem mit einem Mehr an Regulierung geantwortet. So wurde die viele tausend Seiten umfassende Reform der Finanzbranche („Dodd-Frank Act“) verabschiedet. Damit reagierte die demokratische Regierung genauso, wie es der Republikaner George W. Bush nach dem Platzen der Dotcom-Blase sowie den Betrugsskandalen Enron und Worldcom getan hatte: mit mehr Regulierung. Bush hatte damals die heute von Unternehmen als viel zu bürokratisch empfundene Sarbanes-Oxley Act erlassen. Das Mehr an Regulierung und Bürokratie lässt sich beispielsweise am Ranking „Doing Business“ der Weltbank ablesen: Gehörten die USA im Jahr 2004 noch zu den Ländern, in denen es kinderleicht war, ein Unternehmen zu gründen (Platz 4), sind sie mittlerweile auf Platz 49 abgerutscht.

Auf Amerikas Unternehmen lastet überdies mit einem Satz von 35 Prozent eine der höchsten Gewinnsteuern der Welt. Auch sind die USA eines der wenigen Länder, die das weltweite Einkommen der Unternehmen besteuern. Weil die Steuer erst bei der Rückführung von Gewinnen in die USA erhoben wird, belassen die Unternehmen diese oftmals im Ausland. Rund 2000 Milliarden Dollar an zurückbehaltenen Gewinnen haben sich ausserhalb der USA angehäuft. Es ist höchste Zeit für eine Steuerreform, die dieses Problem aus der Welt schafft und so zu einem besseren Geschäftsklima in den USA beiträgt.

Die Geldpolitik der Zentralbank hat als Ersatz für eine solide, reformorientierte Wirtschaftspolitik ausgedient.

Schliesslich gibt es in den USA mittlerweile einige Branchen – konkret etwa die Pharmaindustrie –, in denen das Spiel von Angebot und Nachfrage nicht mehr richtig funktioniert und wo sich Verkrustungen herausgebildet haben. Die Fälle der Pharmakonzerne Valeant und Mylan zeigen, dass Firmen Monopolstellungen ausnutzen können, ohne dass die Wettbewerbshüter eingreifen. Das zunehmende Lobbying vieler Branchen in Washington ist kein gutes Zeichen. Zu viele Energien werden zur Besitzstandwahrung oder Erlangung von Vorteilen aufgewendet, statt sie in unternehmerische Bahnen zu lenken.

Obwohl sich Corporate America derzeit glänzend präsentiert, ist der Reformbedarf also gross. Dies gilt umso mehr, als die Geldpolitik der Zentralbank als Ersatz für eine solide, reformorientierte Wirtschaftspolitik ausgedient hat. Für Amerikas nächste Präsidentin oder nächsten Präsidenten gibt es eine Menge zu tun. Leider erweckt der derzeitige Wahlkampf nicht den Eindruck, dass die beiden Kandidaten für das Spitzenamt sich dieser grossen Herausforderungen bewusst wären.