Die Verachtung

von Barbara Kaufmann / 09.01.2015

Am Ende sind sie alle tot. Julien wird zum Tode verurteilt. Madame de Rênal schläft drei Tage später für immer ein. Und Mathilde? Mathilde ist innerlich schon lange tot. Für sie, die Adelstochter, die sich mit dem Sohn eines Sägemühlenbesitzers aus der Provinz eingelassen hat, ist Beziehung nur so lange interessant, wie das Interesse nicht erwidert wird. Julien, der eigentlich ähnlich denkt, baut jahrelang an einem Konstrukt der eigenen Identität, das ihn unempfindsam machen soll für jegliches unkontrolliertes Gefühl. Er gab sich eine schier unglaubliche Mühe, alles zu verderben, was liebenswert an ihm war.

Ein Aufsteiger ohne Gewissen

Julien benützt die Zuneigung wohlhabender Frauen wie die von Madame de Rênal, um gesellschaftlich aufzusteigen. Seine ehrgeizigen Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, die ihm diese bisher verwehrt hat. Er war der homme malheureux en guerre avec toute la société, wie es Stendhal beschreibt. Der geschundene Mensch im Krieg gegen die ganze Gesellschaft. Doch dann trifft er Mathilde. Sie ist ihm ebenbürtig im Machtanspruch. In der Umdeutung und Unterdrückung warmer Gefühle – Verachtung gilt laut dem Psychoanalytiker Léon Wurmser als kalter Affekt.

Letztendlich verliert Julien die Kontrolle. Offen zeigt er Mathilde seine Liebe. Das Ende einer Affäre beginnt. Mathilde, der Liebe Juliens nun sicher, verachtete ihn jetzt gründlich. Sie ließ ihn mitten im Park stehen, und der letzte Blick, den sie ihm zuwarf, war voller Geringschätzung.

Der Roman Rot und Schwarz (Le Rouge et le Noir), stammt aus dem Jahr 1830. Und doch hat er etwas eigentümlich Zeitgemäßes. Als Mathilde über Juliens einfache Herkunft philosophiert, die sie anfangs noch erregt, fühlt man sich an den SZ-Nachruf für Frank Schirrmacher erinnert.

Schirrmacher. Einer, der nicht dazugehört.

Dort heißt es unter anderem gleich nach dem Hinweis auf die kleinbürgerliche Herkunft des ehemaligen FAZ-Herausgebers, dass er die Weinkarte niemals lange studierte. Er sagte: Wir nehmen einen teuren Rotwein, der muss gut sein. Weiter oben im Text erfährt der Leser, dass Schirrmacher im Umgang mit feiner Kleidung nachlässig war. Einer also, der eigentlich nicht dazugehörte, wollen uns die AutorInnen – darunter Franziska Augstein – bedeuten.

Wir sind nicht glücklich, sagt Stendhal später zu seinem Roman befragt, weil wir eitel sind.

Aber gründet sich Verachtung bloß auf Eitelkeit? Ist die Überheblichkeit, die ihr ohne Zweifel innewohnt, und der Ausschluss des Verachteten ein Ausdruck überzogener Selbstliebe? Das Gegenteil ist der Fall, meint der deutsche Psychotherapeut Rainer Krause.

Das Dilemma des Narzissmus

Die Wurzeln der Verachtung liegen oftmals im überzogenen Anspruch an sich selbst. In der Selbstüberschätzung, der Selbstüberforderung. Und der letztlich daraus resultierenden Selbstverachtung. Das unsichere Ich giert nach Bestätigung von außen. Derjenige, der sie verweigert, wird abgewertet und verachtet. Gleichzeitig sehnt man sich im Innersten nach Zuwendung durch das abgewertete Objekt. Das ist das grundsätzliche Dilemma des Narzissmus. Anerkennung von jemandem zu erwarten, den man niedermacht – das kann sich nicht ausgehen.

Aber was, wenn darin das Geheimnis der Verachtung steckt? Wenn der Chefredakteur des Printmagazins in Wahrheit die Liebe der Onliner sucht, die er beständig abwertet? Wenn die Pegida-Demonstranten sich nach einer Einladung der türkischen Familie aus dem Nachbarhaus zum Fest des Fastenbrechens sehnen? Wenn der innenpolitische Kommentator sich im Innersten bessere, engagierte, ehrlichere Politiker wünscht?

Verachtung also als Ausdruck tiefster Enttäuschung? Als schmerzhafte Kränkung? Steckt hinter kalter Verachtung nackte Verzweiflung, die man sich bloß nicht anmerken lassen will? Höflichkeit ist doch die sicherste Form der Verachtung, schreibt Heinrich Böll in seinem Roman Billard um halbzehn.

Bildverweigerung als Verachtung des Terrors

Als in London im Juli 2005 Terroranschläge verübt werden, gibt es vergleichsweise wenig Bildmaterial von den Opfern und den Trauernden. Die Verachtung der feigen Attentäter drückt sich in der Verweigerung der von den Terroristen erhofften Bilder aus. Hannah Arendt beschreibt in Macht und Gewalt die Verachtung als gefährlichsten Gegner der durch Gewalt entstandenen Autorität. Autorität bedarf zu ihrer Erhaltung und Sicherung des Respekts entweder vor der Person oder dem Amt. Ihr gefährlichster Gegner ist nicht Feindschaft, sondern Verachtung, und was sie am sichersten unterminiert, ist das Lachen. Charles Darwin stellt bereits Mitte des 19. Jahrhunderts fest, dass die Verachtung mimisch einem Lächeln ähnelt. Der Beleidiger wird damit so bedeutungslos, dass er nur Erheiterung erregt.

Lachen als Zeichen des Widerstandes gegen Einschüchterung und Terror. Eine Haltung, die angesichts der feigen Ermordung von Redakteuren der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo erfolgreich erprobt wurde.

Snobismus und the stiff upper lip

Unberührbarkeit und demonstrative Unverwundbarkeit hingegen finden sich in einem Sprachbild des britischen Empire wieder, das im Zusammenhang mit Verachtung noch immer gerne verwendet wird: die sogenannte stiff upper lip. Die steife Oberlippe als Symbol für die emotionslose britische Oberschicht, die niemals Schwächen zeigt. Ein Erziehungsideal des Viktorianischen Zeitalters.

Mit diesem wächst der Vater von Edward St Aubyn auf. Der britische Autor, der zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern Englands zählt, verarbeitet die Folgen dieser Erziehung in seiner Some Hope-Trilogie. Der Vater, ein angesehener Aristokrat, verachtet die Mutter aufgrund ihres Reichtums, der den Hauptgrund für ihre Ehe darstellt. Er misshandelt seine Frau vor den Augen der Kinder und missbraucht Edward sexuell. Dabei wahrt er, zu Hause ein Sadist und Vergewaltiger, nach außen stets penibel die Form. Snobismus ist eine verfeinerte Form von Verachtung, sagt Edward St Aubyn heute. Wenn man jemanden nur noch als Ding betrachtet, ist es kein großer Schritt mehr dahin, ihn auch zu vergewaltigen.

Le Mépris. Ein Film über das Filmemachen.

Die Verachtung in ihrer gefährlichsten Form. Als Entmenschlichung des Gegenübers. Aus dem Subjekt wird ein Objekt. Ohne Würde. Ohne Rechte. Ohne Grenzen. Ein Gegenstand, käuflich wie alle Dinge. Personifiziert wird diese Haltung vom Hollywood-Produzenten Jeremy Prokosch in Jean-Luc Godards Die Verachtung (Le Mépris). Er hat für den europäischen Kunstfilm und seine Protagonisten nichts übrig außer Ekel und Abscheu. Mehrfach zeigt sich im Film seine Verachtung für die scheinbar zivilisierteren und den Amerikanern überlegenen Europäer, deren Kunstschaffende doch nur am Geld interessiert sind wie einer der bekanntesten Monologe von Prokosch verdeutlicht. Whenever I hear the word culture, I bring out my checkbook.

Sozialer Ekel

Verachtung gehört laut dem Anthropologen Paul Ekman zu den sieben Basisemotionen des Menschen. Er interpretiert sie als eine Art verdünnten Ekel, den er als Ursprung der Verachtung identifiziert. Zu ihm gesellt sich ein jahrelang aufgebautes Wertesystem, an dem sich die Verachtung orientiert. Verachtung wird stets nur Menschen oder menschlichem Handeln entgegengebracht, nicht aber Geschmack, Gerüchen oder Berührungen. In Hundekot zu treten mag Ekel erregen, niemals aber Verachtung.

Verachtung ist also eine Art sozialer Ekel. Ihr Gegenteil ist Achtung, Bewunderung, Anerkennung. Verachtung soll beim Gegenüber Scham auslösen. Scham darüber, nicht dazuzugehören. Nicht wahrgenommen zu werden. Nicht Teil der Gruppe zu sein. Die Strafe lautet: Ausschluss, Verlassenwerden, Isolation. You should be ashamed! So der Titel eines düsteren Songs von Gallon Drunk 1993, in dem die Band die Täter-Opfer-Umkehr im Fall des Missbrauchs einer jungen Frau thematisiert. Sie bricht auf der Straße zusammen, Blut rinnt über ihre Beine. It’s just your kind. Your cheap kind. Imitiert Sänger James Johnston die verächtliche Stimme des Mobs. Moralisierend, mitleidslos, unmenschlich. Well, you carry the mark of sin!, wirft er ihr entgegen. Sünde. Schuld. Scham. Säulen einer Gesellschaft, die abstraft, indem sie ausgrenzt.

Narziß und Athena als HBO Serie

Es sind aber auch Begrifflichkeiten der klassischen Psychoanalyse, geprägt von Freud, Kernberg oder Wurmser, die der Therapeutin Dagmar Hoffmann-Axthelm zu überholt sind, um sich dem Phänomen der Verachtung zu nähern. Also kommt das Erklärungsmodell in ihrem Buch Wenn Narziß Athena küsst – Über die Verachtung aus dem Jahr 1998 modern daher. Ein wenig wie eine Folge einer populären HBO-Serie, wie eine Szene aus Sex and the City oder den Sopranos. Da trifft man auf der einen Seite Narziß, Sohn des Kephissos, den die Mutter emotional zu ihrem Gefährten und Ersatzmann macht. Narziß fügt sich in die zugewiesene Rolle, vereinsamt jedoch innerlich und nimmt sich wie einst Henry Higgins in My Fair Lady mit grimmiger Entschlossenheit vor: I shall never let a woman in my life!

Dieser Mann trifft nun auf Athena, deren Mutter vom Vater Zeus während eines kleinen Streits mal eben nebenbei verschlungen wurde. Daher muss Athena auch bei der Geburt dem Haupte ihres Vaters entspringen. Die Geburt einer verkopften Frau. Die Dominanz des Männlichen bleibt in ihrem Leben. Der Vater drängt alles Weibliche zurück. Wenn nun ausgerechnet Narziß und Athena gemeinsam in eine kleine Eigentumswohnung ziehen, ist die Verachtung das Fundament ihrer Beziehung.

Verachtung ist gefährlich

Solcherart waren laut der Autorin die Ehen der Goebbels und der Schumanns und die Beziehung von Thomas und Heinrich Mann zu ihren Schwestern. Der Mann braucht eine Partnerin, die er verachten kann, um seine Selbstzweifel zu besiegen. Die Frau ist dadurch in ihrer eigenen Selbstverachtung bestätigt und geht in der passiven Hingabe für ihren Mann auf. Dazu trällert Britney Spears 1999 den Hit I was born to make you happy.

Verachtung ist ein kalter, distanzierter Gefühlszustand. Sie schützt vor einer tieferen, emotionalen Auseinandersetzung mit einem Thema, das schmerzt. Sie ist jedoch so gefährlich, weil sie nicht etwa die Vorstufe von Wut oder Ärger darstellt – warme, leidenschaftliche Gefühle. Sondern eine entrückte, oftmals zynische Position, die lange nach dem Ausgangsmoment eingenommen wird, in dem der Verachtende noch berührbar und dadurch für sein Gegenüber erreichbar war. Im Zustand der gegenseitigen Verachtung ist keine Kommunikation mehr möglich. Auf die Abwertung folgt die Entwertung, auf die Entwertung die Vernichtung des anderen. Das Ende der Verachtungsspirale.