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Dreißig Jahre nach Tschernobyl

Die wirtschaftliche Kernschmelze der Atomkraft

Gastkommentar / von Rolf Wüstenhagen / 26.04.2016

Dreißig Jahre nach Tschernobyl steht den Betreibern von Atomkraftwerken eine weitere Kernschmelze bevor. Diesmal ist sie finanzieller Art. Ein Gastbeitrag von Rolf WüstenhagenRolf Wüstenhagen ist Professor für Management Erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. .

Die Kernschmelze im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine am 26. April 1986 war einer der schlimmsten Unfälle in der Geschichte der Energiewirtschaft. Die Katastrophe schien die Befürchtungen der Umweltbewegung zu bestätigen, die stets vor den ökologischen Gefahren der Atomkraft gewarnt hatte. Dreißig Jahre später steht die Atomindustrie vor einer wirtschaftlichen Kernschmelze.

„New Nuclear – the Economics Say No“ war die Überschrift einer Studie der Citigroup im Jahr 2009. Die Finanzspezialisten hatten die Wirtschaftlichkeit neuer Atomkraftwerke in Großbritannien analysiert und waren zu dem Schluss gekommen, dass Nuklear-Investitionen von fünf wesentlichen Risiken betroffen sind: Planung, Bau, Energiepreis, Betrieb und Stilllegung. Viele dieser Risiken seien so groß, dass jedes für sich dazu geeignet sei, „auch den größten Energiekonzern finanziell in die Knie zu zwingen“.

Zwei Jahre nach Veröffentlichung der Studie erfuhr die Analyse der Citigroup eine empirische Bestätigung: Die Kernschmelze in drei Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi in Japan führte zu großflächiger Verstrahlung. Der Vorfall war eine Tragödie für Mensch und Umwelt, aber das Ausmaß des finanziellen Verlustes – Schätzungen gehen von 250 bis 500 Milliarden Dollar aus – erforderte auch die größte staatliche Rettungsaktion in der Wirtschaftsgeschichte Japans für die Betreiberin Tepco.

In manchen Ländern hat die Katastrophe zum Umdenken in der Atompolitik geführt, so auch in der Schweiz. Dazu trugen neben Sicherheitsbedenken auch ökonomische Überlegungen bei. Einer ständigen Kostensteigerung beim Bau von Kernkraftwerken standen fallende Kosten bei erneuerbaren Energien gegenüber. Der Versicherungsschutz für Schweizer AKW ist auf weniger als 2 Milliarden Franken begrenzt, ein Bruchteil der Folgekosten der Unfälle in Fukushima oder Tschernobyl. Anders als im Norden Japans oder in der ukrainischen Provinz ist zudem hierzulande die Umgebung der Atomkraftwerke dicht besiedelt. Die Finanzmetropole Zürich liegt nur dreißig Kilometer von zwei der ältesten Nuklearreaktoren der Welt, Beznau I und II, entfernt.

Einmal abgesehen vom Risiko eines großen Störfalls; wie sind die Aussichten, neue Atomkraftwerke gewinnbringend zu betreiben? Die britische Erfahrung legt nahe: nicht gerade rosig. Die Ausschreibung für ein neues Atomkraftwerk in Hinkley Point endete mit nur einem Bieter: der staatlichen Electricité de France (EdF). Die unverhoffte Exklusivität bleibt nicht ohne Folgen für die britischen Stromkunden.

EdF machte den Bau des Kraftwerks von weitreichenden Preisgarantien für den produzierten Strom abhängig. Als Reaktion schlug die Regierung eine Subvention vor, die den Einspeisevergütungen ähnelt, mit denen in vielen Ländern Investitionen in erneuerbare Energien gefördert werden. Während jedoch in Ländern wie Deutschland und der Schweiz das Niveau der Einspeisetarife für Wind- und Solarenergie fortlaufend gesenkt wurde und damit die Lernkurve dieser Technologien widerspiegelt, folgt die Preisgarantie für Atomenergie einem gegensätzlichen Trend. Dank der großzügigen „Atom-KEV“ wird der Strom aus Hinkley Point die britischen Konsumenten im Laufe der nächsten 35 Jahre zwei- bis dreimal so teuer zu stehen kommen wie Solar- und Windenergie.

Wenn es also kein einfaches Vorhaben ist, neue Atomenergie zu finanzieren, wie steht es damit, bestehende Atomkraftwerke länger zu betreiben? Schließlich sind die Folgekosten für die sichere Lagerung des Atommülls enorm. Als die Strompreise hoch waren, war es wirtschaftlich attraktiv, das Ende der Laufzeit von abgeschriebenen Anlagen hinauszuzögern. Durch den Rückgang der Großhandelsstrompreise in Europa hat dieses Argument in den vergangenen Jahren an Schlagkraft verloren. Auch Schweizer AKW-Betreiber sagen inzwischen, dass sie im jetzigen Preisumfeld mit jeder produzierten Kilowattstunde Geld verlieren. Der Nutzen einer späteren Abschaltung reduziert sich damit auf die Verzögerung der Stilllegungs- und Entsorgungskosten. Dass die Verteilung der Kosten über die Lebenszeit der Technologie kein goldenes Ende hat, mussten auch andere Produzenten nichterneuerbarer Energien jüngst schmerzlich feststellen. Der schwedische Energieversorger Vattenfall bekundete größte Mühe, einen Käufer für seine Braunkohle-Aktivitäten in Deutschland zu finden.

Das positive Geschäftsmodell für nichterneuerbare Energien neigt sich dem Ende entgegen. Dreißig Jahre nach Tschernobyl und fünf Jahre nach Fukushima sollte die wirtschaftliche Kernschmelze der Atomkraft ein Weckruf für Investoren und Regierungen sein. Es ist an der Zeit, in eine sauberere Energiezukunft zu investieren.