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Wirtschaft im Umbruch

Digitale Chancen packen

Meinung / von Peter A. Fischer / 26.04.2016

Wer hätte vor dreißig Jahren gedacht, dass wir heutzutage kleine Geräte mit Hochleistungsrechnern auf uns tragen würden, mit denen wir nicht nur telefonieren, sondern die uns auch den schnellsten Weg zu einem beliebigen Ziel weisen, über fast alles Erdenkliche Auskunft geben und uns Videos aufnehmen lassen, die wir umgehend mit entfernten Freunden teilen? Die Veränderungen, die das mobile Internet und die Digitalisierung des Lebens ermöglichen, sind derart fundamental, dass heute kaum jemand zu sagen vermag, was wir in dreißig Jahren für selbstverständlich erachten werden. Erkennbar ist aber bereits, dass die Digitalisierung unser Leben und viele Geschäftsmodelle transformiert und dabei auch für angenehme Erleichterungen sorgen wird.

Schneller und effizienter

So können immer größere Mengen von Daten dezentral erfasst und in Echtzeit zusammengeführt werden. Zuerst nutzten das die großen Suchmaschinen, jetzt sind es die Vermittlungsplattformen der „sharing economy“, morgen werden es vielleicht selbstfahrende Fahrzeuge oder lernfähige Roboter sein. Für den Erfolg der Vermittlungsplattformen spielen Geschwindigkeit, Größe und Netzwerkeffekte eine wichtige Rolle. Wer einen substanziellen Marktanteil erobert, ist oft schwer wieder zu verdrängen. Erfolgreiche müssen aber nicht immer Google oder Uber heißen.

So haben in Moskau die beiden konkurrierenden Taxi-Apps Yandex.Taxi und GeTTaxi die früher weitverbreiteten „wilden Taxis“ in kürzester Zeit verdrängt. Fast alle Fahrer arbeiten inzwischen lieber mit den Apps. Eine Fahrt von A nach B erhält man damit schneller zu einem vorbestimmten, marktgerechten Preis, der online beglichen werden kann. Wo Kunden die Qualität bewerten können, wird zudem der Service freundlicher. Der Fahrer ist besser ausgelastet und kann seine Arbeitszeiten in Kenntnis der Marktlage flexibler wählen. Ob beim Taxifahren, beim Mieten eines Mobility-Autos oder bei der Wahl einer Übernachtungsgelegenheit: Die Digitalisierung ermöglicht eine effektivere Nutzung von Ressourcen und Infrastrukturen. Sie erhöht die Transparenz und Vielfalt. Lokale Monopole geraten unter Druck; die Konkurrenz ist oft nur einen Klick entfernt.

Die Beispiele zeigen aber auch, wie wichtig es wäre, Branchen regelmäßig von überholten Regulierungen zu befreien und Vorschriften anzupassen. Die private Wohnung und der Uber-Fahrer sind oft auch günstiger, weil sie nicht mit übertriebenen Bauauflagen für Hotels und Restriktionen für Taxifahrer zu kämpfen haben. Warum soll jemand alle Straßennamen auswendig lernen müssen, wenn das Navigationsgerät sicher ans Ziel führt? Wofür braucht es noch exklusive Standplätze?

Auch in den traditionellen Branchen eröffnet die Verknüpfung und automatische Auswertung großer Datenmengen ganz neue Möglichkeiten. Das alte Tag-Nacht-Heizungsregime kann durch eine energiesparende Feinsteuerung von Wärme und Beleuchtung ersetzt werden, die sich danach richtet, wer sich wo aufhält. Ein Algorithmus beurteilt einfache Schadenfälle schneller und kostengünstiger als der Versicherungsangestellte. Ob beim Streaming von Musik, beim Kundenbesuch oder bei der Partnersuche: Die Analyse digital gesammelter Daten generiert auf die (vermuteten) individuellen Bedürfnisse und Präferenzen zugeschnittene Angebote. Selbst in der Medizin gibt das dem Arzt ganz neue Diagnoseinstrumente in die Hand.

Natürlich bringt all das Veränderungen mit sich und produziert Gewinner und Verlierer. Die Arbeit wird neu verteilt, wird aber kaum ausgehen. Offsetdrucker haben es schwer, während Datenanalytiker hoch im Kurs stehen. Die Digitalisierung mischt die Medien und das klassische Finanzwesen disruptiv auf. Die neue Blockchain-Technologie zur elektronischen Festlegung von Guthaben könnte gar die Geldpolitik verändern. Doch der Mehrwert von verlässlicher Information, kompetenter Vermögensverwaltung und sicherem Geld bleibt. Zunehmend komplex zu beantworten sein wird allerdings die Frage, wer zu welchen Daten Zugang haben soll und diese wie nutzen darf. Auch deshalb wird der Schutz vor kriminellen Hacker-Angriffen zu einem immer wichtigeren Thema werden.

Erfolg nicht verordnen

Die Digitalisierung hat enormes Wertschöpfungspotenzial und bietet damit die Aussicht auf hohe Renditen und Löhne. Da wäre es wünschenswert, dass die Schweiz an der Spitze mithält. Die Chancen stehen nicht schlecht: Ihre Innovationskraft ist hoch, die Infrastruktur gut und die Rechtssicherheit groß. Das Land ist politisch neutral, was beispielsweise für die Ansiedlung von Daten-Clouds von Vorteil sein könnte. Auch an Geldern zur Finanzierung von guten Geschäftsideen fehlt es nicht.

So gesehen, mag irritieren, dass die Googles, Apples und Alibabas in den USA und in Asien lanciert wurden. Das dürfte mit dem größeren Markt und günstigeren Rahmenbedingungen zusammenhängen. Der Schweizer Bundesrat hat diese Woche eine neue „digitale Strategie“ lanciert. Doch wie schon in der „alten“ lässt sich auch in der digitalen Wirtschaft Erfolg nicht staatlich verordnen. Vor zehn Jahren wollte die EU unter französischer Leitung mit 250 Millionen Euro eine europäische Konkurrenz zu Google aufpäppeln; doch von Quaerospricht heute niemand mehr. Staatlich finanzierte Grundlagenforschung hat hingegen in den USA und auch in der Schweiz Pionierleistungen erbracht. Damit diese zu kommerzieller Verwendung finden, ist eine gute Vernetzung mit der Wirtschaft wichtig, welche die Bildung innovativer Cluster (wie beispielsweise in der Biotechnologie) unterstützt. Dabei spielen nicht nur Hinterhof-Startups, sondern auch große Konzerne eine zentrale Rolle.

Verbesserungspotenzial gäbe es im Schweizer Schulwesen. Zwar nutzen Jugendliche früh Social Media, doch bekommen viele kaum mit, was an IT und Technik dahintersteckt. Die digitalen Chancen müssen in den Köpfen ankommen. Prompt fehlt es an naturwissenschaftlichen Fachkräften. Umso wichtiger wäre es, die besten Talente einfach anstellen zu können. Die rigide Bewilligungspraxis für den Beizug von Fachkräften aus Drittstaaten sägt an dem Ast, aus dem unser Wohlstand spriesst.

Gerade weil wir nicht wissen, was in dreißig Jahren unser Leben bereichern wird, sollten Steuergelder nicht dazu verschwendet werden, Einzelnes gezielt zu fördern. Die Politik sollte innovationsfreundliche, aber technologieneutrale Rahmenbedingungen samt einfachem Zugang zu den großen Märkten schaffen und Unternehmertum ermutigen. Die faszinierenden Chancen des technologischen Wandels müssen Wirtschaft und Gesellschaft selber identifizieren und packen. Während der nächsten neun Wochen wird die NZZ dazu in einer ressortübergreifenden Serie jeweils dienstags und freitags Chancen der Digitalisierung vorstellen.