Dr. Varoufakis oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben

von Lukas Sustala / 20.03.2015

Vergessen Sie die Sonne. Die Welt dreht sich gerade um den Mittelfinger von Yanis Varoufakis, wenn man deutschsprachigen Medien glauben darf.

Im #Fingergate kann man ja auf viele Arten nachbohren. Etwa wenn es um Varoufakis’ Reaktion geht. Er dementierte ja in der ARD-Talkshow mit Günther Jauch die Geste und bezeichnete das Video als manipuliert. Er teilte aber später auf Twitter eine Aufnahme, auf dem sein Fingerzeig sehr wohl zu sehen ist.

Man könnte sich auch auf den schlechten ARD-Journalismus stürzen. Wenn dem deutschen Fernsehzuschauer etwa kaum klar werden kann, dass es sich um eine alte Rede des damaligen Wirtschaftsprofessors handelte – und nicht um eine aktuelle des amtierenden griechischen Finanzministers.

Oder aber man erregt sich an der jüngsten Wendung in der bereits ohnehin aufgeregten Debatte: Der deutsche Comedian Jan Böhmermann sorgte mit einem Fake-Geständnis, das Mittelfinger-Video gefaked zu haben zusätzlich für Verwirrung.

Zu guter Letzt aber kann man den Finger auf die ökonomische Dimension legen:

Denn der Kontext des Fingerzeigs ist deutlich interessanter als die mediale Hyperventilierung um die rüde Geste. Yanis Varoufakis, als Wirtschaftsprofessor mit spieltheoretischer Expertise, ist der Finger nicht wirklich „ausgekommen“. Als er den Finger 2013 streckte, sagte er (auf Englisch, der Spiegel hat Varoufakis’ Rede hier übersetzt):

My proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting — just like Argentina did — within the Euro, in January 2010 and stick the finger to Germany and say: Well, you can now solve this problem by yourself.

Varoufakis gibt hier einen Einblick in seine Strategie. Griechenland solle lieber gleich pleitegehen statt zu verhandeln. Auch in den Wochen, bevor er Finanzminister wurde, forderte er Extrempositionen in den Verhandlungen mit den Euro-Partnern ein. Immer wieder hat Varoufakis eine Pleite Griechenlands mit dem Verbleib in der Eurozone gefordert (2012, 2014). Dem Standard-Kollegen Andreas Sator etwa sagte er:

Man muss sich der Wahrheit stellen. Griechenland ist bankrott. Das war es schon vor Jahren. Anstatt dieses Problem anzugehen, hat Europa die Insolvenz verschleppt und dem Land den größten Kredit der Geschichte gegeben. Griechenland muss aufhören, die Schulden zurückzubezahlen, und Wege finden, wie es die Wirtschaft wieder stabilisiert.

Es ist für einen spieltheoretisch geprägten Menschen wie Varoufakis nicht untypisch, solche Vorschläge zu machen. Die Zahlungen einstellen heißt nichts anderes, als die Gegenseite in politischen Verhandlungen mit ersten Verlusten zu konfrontieren und unter Druck zu bringen.

Als rationaler Verhandler weiß Varoufakis (er hat etwa ein Buch namens Rational Conflict geschrieben), dass es wichtig ist, klare, diese teils extremen Forderungen zu stellen. Im Falle Griechenlands ist SYRIZA mit Forderungen nach einem Schuldenerlass und einem Ende der Sparmaßnahmen in die Verhandlung gegangen.

Doch Varoufakis hat einige Unsicherheiten in dem „Spiel“ wohl heillos unterschätzt: So sind die Kosten eines Grexit oder zumindest eines unkontrollierten Endes der Verhandlungen für Griechenland schmerzhafter als für die EU. Zum anderen hat er selbst rasch ein Glaubwürdigkeitsproblem mit seiner Strategie bekommen, als griechische Bürger ihr Geld aus den Banken abzogen.

Auch andere Spieltheoretiker sind mit ihren Strategien realpolitisch nicht durchgekommen. John von Neumann etwa, Mitbegründer der modernen Spieltheorie und eines der Vorbilder des Mathematikers im Film „Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“, war als Berater der US-Regierung in den 1950er Jahren ein Anhänger einer präventiven nuklearen Abschreckung gegen die Sowjetunion.

Damit sollte die Aufrüstung im Kalten Krieg verhindert werden. So wenig wie der damalige US-Präsident Eisenhower auf von Neumann hörte, ist auch Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras offenbar wenig begeistert von der Variante, einseitig keine Schulden mehr zu bedienen. Selbst wenn es aus strategischen Überlegungen sinnvoll sein könnte.