Drei Seiten

von Barbara Kaufmann / 06.03.2015

Schneegestöber, Haltestelle, Vorstadtödnis. Drei Seiten noch und dann ist das Gedicht zu Ende. Die Bank ist eingeschneit, die Füße sind nass, die Straße schlecht beleuchtet. Der Bus hat sich in der Finsternis verfahren.

Unbedeutend.

Drei Seiten noch, Fäustlinge aus, umblättern, Fäustlinge an. Sie sind aus grober grauer Wolle. Die Oma hat sie mir gestrickt, da waren sie noch zu groß für meine Hände. Jetzt passen sie und ich bin eigentlich zu alt dafür. Auf dem rechten Fäustling ist ein Brandloch von der ersten Zigarette. Der kleine Finger lugt heraus. Der ist ganz rot gefroren an diesem Winternachmittag, an dem die Sonne sich nicht blicken lässt. Als hätte sie die kleine Stadt am Wörthersee vergessen.

Zwei Seiten noch. Neben mir der Nachbarjunge, der ständig auf den Boden spuckt. Krächzt, aufzieht, spuckt. Wer hört ihn schon, wenn er den Kopf voll hat mit ihren Bildern. Die Närrin, die im Knabenkraut an ihrer Unglückssträhne strickt. Christine Lavant, Gedichte. Der Umschlag ist schon ganz zerdrückt und feucht vom Schnee, der auf die Buchstaben fällt und schmilzt.

Bachmann, Plath, Lavant. Die Säulenheiligen einer Jugend in der Kleinstadt, in der sich nichts bewegt und man in dunklen, kalten Ecken im Stadtpark mit anderen gemeinsam trinkt und raucht und darauf wartet, wegzuziehen. Das Buch ist ein Geschenk der besten Freundin. Seelenverwandte, Viertelkind, Namensvetterin der Autorin. Noch eine Christine. Selbstinszenatorin, Außerirdische in dieser Straße mit den pastellfarbenen Reihenhäusern. Komplizin bei Verschwörungen gegen ihre Bewohner, Mittäterin beim Unterlaufen ihrer Regeln, Seelentrösterin. Die größte Liebe meiner Jugendjahre ist eine Frau. Mit ihr gemeinsam hab ich alles überlebt. Und wenn es doch gefährlich wird und wenn wir drohen zu kentern in Stadtbällen und Teestunden mit den Eltern, dann springt die beste Freundin auf in ihrem kleinen Zimmer unterm Dach, das meinem gleicht, nimmt einen Pinsel und schwarze Farbe und malt in großen Lettern an die Wand Er ging hinaus und weinte Buttermilch. Ulysses. Wir haben die Reihenhausbesitzer zum Duell gefordert und Joyce ist unser Sekundant.

Noch eine Seite Schmerz. Ihr ganzes Leben in den Strophen. Bergbauernhof, Abgeschiedenheit, Trauer, weil der, an den sie ständig denkt, nicht bei ihr sein kann. Stunden des Wartens, Ausharrens, Arbeit, die nicht ablenkt, sondern nur erschöpft. Christine Lavant mit dem Kopftuch und der Schürze und dem dunklen Blick. Es ist der Blick vieler Frauen auf den Höfen in der Einöde. Es ist der Blick meiner Oma, die schlecht deutsch spricht und im Wald lebt, ohne Strom und ohne Telefon. Die Hände voller Narben hat und Risse unter ihren Nägeln. Die erste Liebe hat sie an den Krieg verloren, es war die einzige. Und später, als er heimkehrt, da spürt sie schnell, er ist in Wahrheit dortgeblieben. Dort auf dem Schlachtfeld. Und hat sich nie verziehen, doch überlebt zu haben. Nur seine Hülle kommt zurück, mit schweren Schritten und ohne rechten Arm. Nur ein paar Jahre später nimmt er sich das Leben.

Um zu überleben, sagt sie zu einem anderen Ja. Aus Pflicht wird Zuneigung, aus Zuneigung wird Pflege. Drei Jahre lang hat er den Tumor, dann stirbt er auf der Bank in ihrer Hütte neben ihr. Verrückt vor Schmerz und Einsamkeit irrt sie danach durch unsere Stadt und ihre lauten Straßen. Wir suchen sie gemeinsam. In jeder Gasse rund ums Krankenhaus und in den Häuserfluchten halte ich Ausschau nach einer kleinen Frau mit Kopftuch. Und weiß nicht, was ich sagen soll, falls ich sie finde.

Die letzten Worte auf der letzten Seite. Sie hätten ihr gefallen. Erzählen von ihrem Leben. Chronistin vieler Leben vieler Frauen, die keine Wahl haben, die festsitzen auf ihren Höfen, Brennholz tragen im Winter, Beeren sammeln im Sommer, die niemand fragt, was sie sich wünschen. Die Texte von Lavant, sie sind ein Zufluchtsort und ein Zuhause. Zwischen karger Stube und Reihenhaus, in dem der Mann am Abend seine Wurstplatte bekommt und dazu ein paar Scheiben Brot, die nicht mehr selbstgebacken sind. Sonst gibt es keinen Unterschied.

Drei Seiten haben mich gerettet, der Bus ist nicht gekommen. Der Nachbarjunge fort. Die Kälte spür ich nicht.

Jetzt, Jahre später in der geheizten Wohnung in der Großstadt, da lese ich in der Zeit das Urteil unserer Zeitgenossinnen. Dass Lavants Worte höchst bedenklich sind, die Selbstzerstörung falsche Werte transportiert. Nicht feministisch, nicht affirmativ genug. Wer urteilt über sie, wer darf sie richten, der selbst noch nie halb wahnsinnig vor Schmerz und Angst und Einsamkeit in einem Leben festgesessen ist, das man nicht ändern kann, weil einem der Glaube dazu fehlt? Mit tausend richtigen Gedanken im Kopf und keiner Möglichkeit, sie auszusprechen.

Auf dem Heimweg durch die zugeschneiten Straßen nimmt eine 15-Jährige den Stift aus ihrer Tasche und schreibt ins Buch ihrer Christine: Im Narrenkraut, da sitz ich auch, da sitzen wir doch alle.