Drinnen und draußen – über Kritikkultur, Einbunkern und leere Kinosäle

von Barbara Kaufmann / 13.02.2015

Die Bunkermentalität ist die hässliche kleine Schwester der Krise. Je stärker man ins Trudeln gerät, je lauter die Kritik wird, umso mehr igelt man sich ein. Fensterläden zu, Kerzen an, Schulterschluss. Bloß nicht mit Ideen belästigt werden. Denn draußen wartet das Böse. Das kann je nach Profession und Branche unterschiedliche Gestalten annehmen. Der Kunde, der Wähler, der Rezipient. Irgendjemand, der das Resultat der eigenen Arbeit beurteilt. Und das eventuell nicht so, wie man es sich am Ende eines harten Tages wünschen würde. Kritik anzunehmen ist nicht leicht. Dazu gehören Größe, Gelassenheit und eine gewisse Souveränität. Und wer hat die schon im digitalen Zeitalter, in der die Feedbackmöglichkeiten schneller, einfacher und im Ton leider auch hemmungsloser geworden sind?

Zum fehlenden Respekt für das Gegenüber gesellt sich hierzulande meist noch ein österreichisches Spezifikum: die generell unterentwickelte Kritikkultur.

Der Stil, in dem Missfallen vorgetragen wird, ist im Land von Thomas Bernhard gerne persönlich, untergriffig und verletzend. Faktischen Argumenten wird dabei wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Falls doch, dann frei nach dem Motto eines TV-Reporters des US-Senders FOX News, der live der Unwahrheit überführt wurde, aber dennoch mit folgender Begründung bei seinen Behauptungen blieb: But people feel it’s true!

In der Alpenrepublik wird vielerorts und quer durch die Generationen mit einer Wonne gesudert, genörgelt und verrissen, die auf junge Gründer und Start-up-Unternehmer verstörend wirkt. Tatsächlich haben es Menschen schwer, die sich beherzt der melancholischen Grunddepression im Land entgegenstellen und etwas wagen und verändern wollen. Statt Unterstützung für ihre Ideen zu erhalten, werden sie oft schon im Vorhinein mit allerlei düsteren Prophezeiungen überschüttet, die das quasi bereits feststehende Scheitern in bedrohlichen Szenarien schildert. Halten sie dennoch unbeirrt an ihrer Businessidee fest, werden sie vom Umfeld gerne von Tag eins an eingezählt. Jeder scheint nur darauf zu warten, dass man versagt. Erfolg würde im Land der guten Posten auch zu viele Glaubenssätze in Frage stellen.

Das Resultat dieser Stimmung ist in meinem Freundes- und Bekanntenkreis die zunehmende Abwanderung von Kreativen in Länder und Städte, in denen man sie nicht nur mit offenen Armen empfängt, sondern sie in ihren Plänen unterstützt. Braindrain, das ist immer öfter eine leere Abflughalle nach den Weihachtsfeiertagen. Stockholm, Dublin, Amsterdam. Dort ist das Wetter schlecht, aber das Klima ungleich besser.

Dabei kann konstruktive Kritik einen höchst produktiven Prozess in Gang setzen. Die Vorraussetzung dafür ist auf beiden Seiten die Bereitschaft zur echten Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Dass das nicht immer schmerzfrei geht, liegt in der Natur der Sache. Manchmal ist es jedoch angezeigt, kleine Blessuren des Egos zu ertragen, statt unverletzt doch dafür sehenden Auges gegen die Wand zu fahren.

Ich bin in der Filmbranche sozialisiert worden. Dort ist das Feedback auf das eigene Werk seit jeher ein recht unmittelbares. Das Publikum klatscht oder es steht einfach auf und geht mitten in der Vorstellung. Manchmal kommt es gar nicht erst. Wenn dann nach den Schlusstiteln von den fünf verbliebenen Zusehern vier denselben Familiennamen wie die Regisseurin haben, sollte man spätestens die peinliche Stille nach dem Applaus dafür nutzen, in sich zu gehen und die eigene Auffassung von Relevanz zumindest zur Diskussion stellen. Wenn auch nur im Selbstgespräch. Nach Verstreichen einer angemessenen Trauerphase, die zum Scheitern dazugehört, heißt es: Aufstehen, durchatmen, weitermachen. Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf. (Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters)