Ein guter Tag für linke Salonlöwen, ein schlechter Tag für Griechenland

von Michael Fleischhacker / 25.01.2015

Als österreichischer Medienkonsument musste man nach der Griechenland-Wahl am Sonntagabend den Eindruck gewinnen, dass man soeben Zeuge einer glorreichen, friedlichen Revolution geworden war, die eines unserer europäischen Bruderländer aus der Diktatur befreit hat.

Im ORF diskutierten „Im Zentrum“ die grüne EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek, der deutsche Ökonom und Lafontaine-Zuträger Heiner Flassbeck und der deutsche Experte für eh alles, Dirk Müller (er verkauft seine Bücher gut, weil eine Weile lang in den deutschsprachigen Zeitungsredaktionen das einzig einigermaßen reproduzierbare Foto aus einem Handelsraum sein Gesicht vor einer spektakulären Grafik zeigte), mit dem Generaldirektor der Oberbank über die Auswirkungen des griechischen Wahlergebnisses.

Der Tenor, gegen den sich Franz Gasselsberger, der nicht zu den großen rhetorischen Charismatikern des europäischen Festlandes gehört, wacker stemmte, lautete: Die griechische Katastrophe, die während der vergangenen Jahre stattgefunden hat, haben die nordeuropäischen Regierungen, voran Deutschland und das angeschlossene Österreich, gemeinsam mit den korrupten griechischen Eliten vergangener Jahre zu verantworten. Und jetzt ist mit SYRIZA und Alexis Tsipras endlich eine Kraft da, die wieder die ökonomische Vernunft – Ende der Austerität, Schuldenschnitt, Investitionen –zu ihrem Recht verhilft.

Wie die Grünen die Sache sehen, hatte bereits zuvor deren stellvertretender Klubobmann und Finanzsprecher Werner Kogler auf der Partei-Website kundgetan:

Bildschirmfoto 2015-01-25 um 22.03.53
Bildschirmfoto 2015-01-25 um 22.03.53

In der Tat liest man auch in seriösen österreichischen Zeitungen seit geraumer Zeit vom „Austeritäts-Diktat der Frau Merkel“, dem sich die Griechen, angeführt von Alexis Tsipras, nun entgegenstellen würden, was im Interesse aller Europäer hoch an der Zeit sei. Man dürfe, heißt es, nun nicht mehr sparen, jetzt gelte es zu investieren.

Aus österreichischer und deutscher Sicht ist an den Reaktionen auf den SYRIZA-Sieg vor allem interessant, welche Zukunftsvorstellungen die Tsipras-Sympathisanten haben, die am Sonntagabend darüber jubelten, dass endlich in einem europäischen Land eine „wahre“ linke Partei an die Macht gekommen sei. Eine, die nicht wie die Sozialdemokratie den nützlichen Idioten für das europäische Großkapital gebe, die für eine „neue Finanz- und Wirtschaftspolitik“ stehe, die nun von Griechenland aus nordwärts den Kontinent aus dem desaströsen Spardiktat in eine lichtvolle Zukunft führen soll. Ein Ende der Austerität in Österreich? Das wird schwer möglich sein, denn eine Austeritätspolitik lässt sich in diesem Land mit freiem Auge nicht erkennen.

Es war ein guter Tag für Griechenland und für Europa, sagen die wohllebigen Linken aus der mitteleuropäischen Komfortzone. Der eine Teil mag stimmen: Für die linken Salonlöwen in Wien und Berlin war es ein guter Tag, denn sie konnten einen Sieg feiern, für den sie nicht kämpfen mussten.

Für Griechenland war es kein guter Tag. Denn auf diesen Tag wird ziemlich rasch der Tag folgen, an dem klar wird, was SYRIZA und Alexis Tsipras ihren Wählern wohlweislich verschwiegen haben: Selbst wenn mit der Verkündigung des Wahlergebnisses alle Schulden getilgt würden, hätte sich am Kernproblem des Landes nichts geändert. Es hat kein Geschäftsmodell. Und es gibt kaum Indizien dafür, dass Herr Tsipras eines hat. In der Enttäuschung über diese Erkenntnis liegt womöglich die wirkliche Gefahr für Griechenland und Europa.