Entblößte Scham

von Carolina Vinqvist / 19.03.2015

„Muss man sich für seinen nackten Körper schämen?“ Der chinesische Fotograf Ren Hang stellt diese Frage nicht nur sich selbst, sondern vor allem seinem Publikum.

Es könnte Landschaftsfotografie sein: Hinten erstrahlt der Horizont in hellem Blau, im Vordergrund eine Berglandschaft mit fünf Hügeln. So der erste Eindruck. Doch schnell kommt dann die nackte Wahrheit: Der Blick ruht nicht auf Bergen, sondern auf fünf nackten Körpern; um genauer zu sein, auf deren Hintern. Ein paar Schritte weiter dann die entblößte Scham einer Frau, die mit rotem Lippenstift ein Herz auf ihre nackte Haut zeichnet. Es sind diese Fotografien, die Ren Hang ausmachen. Zwischen purer Ästhetik und angrenzender Pornografie spielt er mit der menschlichen Nacktheit. Er fängt sie ein, ohne große Inszenierung. Es soll nicht künstlich sein, er möchte die authentische Form einfangen. Dazu gehören auch die täglichen Bedürfnisse. Wenn also eines seiner Models mitten im Shoot anfängt zu urinieren, ist das eben so. Für den Fotografen ebenfalls eine Form von Authentizität.

Verblüffend dabei ist doch, wie das Nackte als Faszination und Skandalstoff seit Tausenden von Jahren beständig bleibt. Angefangen von der Göttin Diana, die nicht nackt gesehen werden will, sonst droht eine schreckliche Strafe, bis hin zu lasziven Venusdarstellungen in der Renaissance, der skandalträchtigen Olympia von Édouard Manet oder zeitgenössischer obszöner Aktfotografie des Schockfotografen Terry Richardson. Egal wie sehr der doch natürliche Zustand des Menschen brüskiert, er wird immer wieder inszeniert. Für den Betrachter ist das nicht immer eine angenehme Situation. Schnell schleicht sich das Schamgefühl ein, ein Zustand, der nicht nur dann auftaucht, wenn man selbst die Hüllen fallen lässt. Allein das Beobachten von Nackten kann für Unbehagen sorgen. Genau damit spielen Künstler und Fotografen, und es scheint, sie wollen dieses Tabu ein für alle Mal beseitigen. Ren Hang führt sein Publikum in der Wiener Galerie OstLicht sanft an das Problem heran. Es springen nicht sofort obszöne Szenen in die Augen. Seine Bilder bewegen sich zwischen zarten Körpern bis hin zu skulpturartigen Gebilden und steigern sich sanft in Form und Ausdruck. In seinem Heimatland China wird seine Kunst nicht gern gesehen, doch in Österreich wird ihm jetzt die Chance gegeben, seine Sicht nackter Tatsachen zu teilen.

Das OstLicht bietet für Interessierte an folgenden Tagen jeweils um 17.30 Uhr Führungen an: 9. April, 7. Mai und 10. Juni 2015. Die Ausstellung „Ren Hang“ ist bis 19. Juni 2015 zu sehen.