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Randnotiz

Es gibt nicht mehr Drogen – aber mehr Dealer

von Wolfgang Rössler / 18.05.2016

U-Bahn-Station Thaliastraße, später Samstagabend. In einer Ecke neben dem Abgang durchsuchen Polizisten drei junge Schwarze. Der Erste legt seine Habseligkeiten auf den Boden: eine Brieftasche, ein Feuerzeug, ein altes Nokia-Handy, ein rosaroter Labello-Stift. Ein Uniformierter filzt ihn von oben bis unten – ohne zu finden, wonach er sucht. Nun ist der Nächste an der Reihe. Sein Freund ist fertig, er schmiert sich Labello auf die Lippen. „Die Männer sind weggelaufen“, sagt ein Polizist. Dadurch hätten sie sich verdächtig gemacht. „Hier passiert viel, es gibt irrsinnig viele Anrainerbeschwerden.“

Am Ende werden die Männer, die sich mit grünen Asylwerber-Ausweisen bei der Polizei identifiziert haben, laufen gelassen. Eine reine Routine-Kontrolle. Am Gürtel, der Fortgehmeile entlang der U6, hört man an diesem Abend fast ununterbrochen Fetzen von Sirenen. Die Exekutive zeigt Präsenz, eine Reaktion auf die zuletzt massiv gestiegenen Klagen über den Handel mit Drogen in aller Öffentlichkeit. Das lässt sich nicht leugnen.

Eine U-Bahn-Fahrt weiter, Station Josefstädter Straße. Beim Ausgang auf die Straße stehen junge Afrikaner und suchen Blickkontakt. Schaut man weg, schauen sie auch weg. Weicht man dem Blick nicht aus, betrachten sie das als stillschweigende Zustimmung zu einem Anbahnungs-Gespräch. „Do you need something?“, fragt ein junger Mann in beiger Lederjacke in schwer verständlichem Englisch. Er ist unaufdringlich und höflich.

Nein, keine Drogen. Aber ob er reden möchte?
Der junge Mann zögert.
Woher er kommt?
– „Aus Nigeria.“
Warum er hier auf der Straße steht?
– „Weil jeder einen Job braucht, um über die Runden zu kommen.“
Glaubt er, dass es moralisch vertretbar ist, mit Drogen zu dealen?
–  „Ich glaube an gar nichts, außer an Gott.“

Im Übrigen deale er gar nicht mit Drogen. Aber wenn man etwas brauche, könne er gern weiterhelfen. 10 Euro für ein Gramm Marihuana, 50 Euro für ein Gramm Kokain: Das ist der übliche Preis.

Der Nigerianer mit der beigen Lederjacke ist streng genommen tatsächlich kein Dealer. Seine Aufgabe ist es, Passanten anzusprechen und weiterzuleiten. Die Drogen hortet ein anderer, wieder ein anderer nimmt das Geld entgegen.

Diese – relativ neue – Arbeitsteilung ist einer der Gründe, warum das illegale Straßengeschäft mit Rauschmitteln immer offensichtlicher wird: Es gibt nicht mehr Drogen, und auch nicht signifikant mehr Abnehmer. Doch die Zahl der Verkäufer ist massiv angestiegen. Für die Hintermänner bringt das nur Vorteile: Das Risiko wird auf mehrere Köpfe verteilt. Da die meisten der Beteiligten keine verbotenen Substanzen bei sich tragen, sondern nur den Kontakt zu anderen herstellen, kann ihnen die Polizei wenig anhaben.

Julia Herrnböck: Die Zahlen hinter der Angst