Es ist gut, dass der Überlebenskünstler geht

von Elmar Wagner / 03.06.2015

Joseph Blatter war zuletzt eine Belastung für die Institution. Auf seinen Nachfolger wartet die herkulische Aufgabe, das Image der Fifa zu verbessern. NZZ-Sportredakteur Elmar Wagner kommentiert den Rücktritt des FIFA-Präsidenten.

Joseph Blatter geht nach 40 Jahren Tätigkeit im Schosse der Fifa – und das ist gut so. Die Zeit für einen Rücktritt wäre schon zum Ende seiner letzten Amtszeit als Präsident reif gewesen. Und einen Abgang hatte er bei seiner vorletzten Wiederwahl auch versprochen. Doch er krallte sich an sein Amt. Und er verglich sich mit einer Walliser Berggeiss, „die immer läuft und läuft, man kann mich nicht bremsen“.

Nun aber lahmt die Ziege plötzlich. Das ist erstaunlich, denn in den 17 Jahren seiner Präsidentschaft gab es immer wieder Gegner von innen und außen, die ihn mit allerlei Finten vom Thron stoßen wollten. Doch Blatter war stets cleverer als sie; das zeigt sich auch darin, dass ihm bis heute nie etwas Justiziables vorgeworfen werden konnte. Warum steigt der Überlebenskünstler nun vom Fifa-Hochsitz, vier Tage nur nach seiner soliden Wiederwahl?

Zum Grund für diesen überraschenden Schritt gab es am Dienstagabend nichts als Spekulationen. Doch es ist nicht auszuschließen, dass ihn die US-Justiz zum Rücktritt gedrängt hat – allenfalls indirekt, allein durch ihren abschreckenden Ruf. Schließlich hat sie zuletzt verschiedentlich gezeigt, mit welcher Hartnäckigkeit sie sich in Personen und Institutionen verbeisst, die im Verdacht stehen, gegen redliches Handeln verstoßen zu haben. Blatter könnte den schneidenden Wind von Übersee gespürt haben.

Eigentlich wollte Blatter in seiner fünften Amtszeit als Präsident noch „eine Mission vollenden“. Dabei ging es ihm darum, jenen Reformprozess abzuschließen, den 2011 der Strafrechtsprofessor Mark Pieth angestoßen hatte. 37 der 40 Reformen sind zumindest institutionell vollzogen. Doch es fehlen noch drei gewichtige Punkte: die Amtszeitbeschränkung und die Alterslimite für Fifa-Funktionäre sowie Transparenz in den Geldbezügen der Offiziellen.

„Das möchte ich noch durchsetzen“, sagte Blatter in seiner Rücktrittsrede am Fifa-Hauptsitz. Das klingt zwar gut, ist aber Augenwischerei, denn die Exekutive kann einzig die Schaffung von Salär-Transparenz durchsetzen. Die restlichen Punkte müssen vom Kongress gutgeheißen werden – und dieser schmetterte das Anliegen vor Jahresfrist ab. Warum sollte der Kongress nun plötzlich eine Kehrtwende machen? Immerhin kann Blatter nun für sein letztes Anliegen weibeln, ohne auf eine Wiederwahl zu schielen. Vielleicht gelingt es ihm dabei sogar, die Uefa als Gegnerin ins Boot zu holen.

Dies wäre sein positives Vermächtnis – und eine Art Meisterstück. Es ist Blatter durchaus zuzutrauen, ihm, der in seiner langen Karriere die Macht stets zu konsolidieren verstand, selbst bei unentwegt ändernden Koalitionen. Blatter stehen durchaus auch andere Verdienste zu: In den Jahren seines Wirkens machte er aus einem Verband, der nach dem Kollaps der Vermarktungsfirma ISL finanziell vor dem Abgrund stand, eine Geldmaschine. Die Fifa setzt unterdessen Milliarden um; ihre Reserven belaufen sich auf 1,5 Milliarden Dollar.

Gleichzeitig kümmerte sich Blatter um die globale Entwicklung des Fußballs. Geld zum Bau von spezifischer Infrastruktur floß bis in die hintersten Ecken der Welt. Das diente auch der Erschließung neuer Märkte und zur Eindämmung allzu starker Machtgelüste, etwa der Uefa. Daneben schuf sich der Präsident so auch eine solide Basis von Delegiertenstimmen.

Letztlich reagierte er aber viel zu spät und zu zögerlich, als in den letzten Jahren immer deutlicher wurde, dass sich viele der ihm zugeteilten Exekutivmitglieder auf unlautere Art bereicherten und sich der Ruf der Fifa massiv verschlechterte – zumindest im Westen. Zuletzt war Blatter so eine Belastung für die Institution. Sein Nachfolger mag zwar als Hoffnungsträger empfangen werden, seine Aufgabe aber wird herkulisch sein: In den jetzigen Strukturen wird sich die Fifa nicht läutern lassen.