MK

Kattingers Grenzgänge

Etappe 14: Von Hardegg nach Retz

von Matthäus Kattinger / 29.10.2015

Credits: GG, FL

Heute werden wir knapp vor dem Etappenziel Retz vom Wald- ins Weinviertel wechseln, wiewohl der Wanderer davon kaum was mitbekommt. Es war zwar schon in den letzten beiden Etappen zu erkennen, dass die Böden besser für Landwirtschaft geeignet sind als im westlichen Waldviertel, doch mit der „Überschreitung“ der Ausläufer des Manhartsberges kommen wir in jene Region Österreichs, die sowohl Kornkammer als auch Wein- und Gemüsegarten Österreichs sein will.

Seit April 1990 ist sie keine Sackgasse mehr, die Brücke über die Thaya in Hardegg. Im Gegenteil, heute ist sie Ausgangs- bzw. Endpunkt vieler Wanderungen im grenzüberschreitenden Nationalpark Thayatal/Podyji , der auf tschechischer Seite bis nach Znaim reicht. Nun ist zwar einiges geschehen, doch gibt es beispielsweise noch immer keinen grenzüberschreitenden Rundwanderweg. Dazu fehlt vor allem ein zweiter Thaya-Übergang, ob das nun flussaufwärts in der Nähe von Vranow oder flussabwärts in Höhe der Umlauf-nahen Ruine Nový Hrádek ist.

Nach dem Gasthof zur Thayabrücke halten wir uns in den nächsten zwei Stunden mit kurzen Unterbrechungen am Südufer der Thaya – gelegentliche Ausweichmanöver auf den Hang inbegriffen. Knapp vor dem Umlaufberg mit der großen Thaya-Schlinge fordert zudem der Schutz der Vogelwelt seinen Tribut (offiziell darf der Uferweg im Vogelschutzgebiet nur von 9 bis 18 Uhr begangen werden).

Wer sich näher mit den Besonderheiten des Naturparks bekannt machen will, dem wird der Besuch des Naturparkhauses empfohlen. Dort erfährt man, dass die Thaya-Auen Rückzugsgebiete für gefährdete Tierarten wie Äskulapnatter, Schwarzstorch, Smaragd-Eidechse oder Fischotter sowie für etliche Fledermausarten sind. Eine Besonderheit der Auwälder sind auch die Silikat-Trockenrasen, die es vor allem auf steilen Felshängen zu bestaunen gibt. Aber auch viele seltene Schmetterlingsarten sind hier heimisch.

Der Einsiedler und die Silbermine

Etwa 20 Minuten nach der Thayabrücke gibt es für all jene, denen es noch nicht idyllisch genug ist, die Möglichkeit, in einer Schleife dem Einsiedlerfelsen einen Besuch abzustatten. Die Höhle in rund fünf Meter Höhe verdankt ihren Namen einem Einsiedler, der – so geht die Mär – dort zur Zeit der Kreuzfahrer gehaust haben soll. Doch auch für die Herrschaft Hardegg soll sich die Einsiedelei bezahlt gemacht haben, soll man doch durch den Eremiten auf eine Silbermine gestoßen sein. Ob mit oder ohne Eremitenklause müssen wir in der Folge mehrmals auf den Hang ausweisen, nach Ende eines solchen Vogelschutz-Ausweichsteiges schwenken wir nahe am Fluss in einen Karrenweg ein.

Bis sich nach einigen Fischerhütten die Frage stellt: Umlauf ja oder nein. Bergauf zum sogenannten Überstieg gehen jene, die nur die kurze Variante nehmen wollen – von diesem schmalen und felsigen Sattel hat man eine prächtige Aussicht auf die langgezogenen Bögen der Thaya um den Umlaufberg. Hinter der rechts zurückführenden Schlinge erkennt man auf mährischer Seite die schon erwähnte Ruine Novy Hradek (Neuhäusl), während weiter nach Osten der Stallfirst dem Umlaufberg gegenübersteht.

Die Stunde der Schlinge

Wer die Schlingen nicht nur aus der Höhe beobachten, sondern diese auch wandernd begleiten will, geht bei der genannten Gabelung nicht rechts hinauf, sondern folgt der Thaya geradeaus; der Abstecher in die Idylle, wobei Wald und Wiese abwechseln, dauert knapp eine Stunde (für die 3,5 Kilometer). Etwas unterhalb des Überstiegs vereinen sich die beiden Wege wieder. Etwas später stehen wir vor der Mündung des Kajabaches in die Thaya.

Ruine Kaja
Credits: MK

Der Abstecher nimmt nur einige Minuten in Anspruch, die Lage der Ruine, aber auch der diese umgebende Wald lohnen den Umweg jedenfalls.

Weg von der Ruine Kaja in Richtung Merkersdorf
Credits: MK

Zurück an der Gabelung, sehen wir erstmals unser Etappenziel Retz angegeben (12,1 Kilometer, drei Stunden). Nächster markanter Punkt der Wanderung ist der Sagteich. Bald danach lichtet sich der Wald. Wir folgen noch etwa einer halben Stunde der nur sporadischen rot-weiß-roten Markierung. Wenn wir auf eine im rechten Winkel kreuzende Forststraße treffen und im rechten „Kreuzungs-Eck“ die ziemlich versteckte Steinstatue St. Joseph erkennen, sollten wir laut (neuer) Markierung rechts abbiegen.

Doch lohnt ein kleiner Umweg: Wir folgen der Forststraße (wie es ältere Karten vermitteln) noch etwa zehn Minuten: Wenn wir dann wieder auf eine Sandstraße treffen, wenden wir uns nach links (Schild Forstverwaltung), bis wir nach einigen Minuten durch eine Kastanienallee vor dem Tor von Schloss Karlslust stehen, um wenigstens einige Blicke auf das einstige Jagdschloss zu werfen.

Abstecher zum Galgenberg

Vor dem Tor vor Karlslust machen wir kehrt, folgen der Sandstraße in südlicher Richtung. Nach etwa zehn Minuten schwenken die Weitwanderwege 607 und 630 wieder auf unseren Weg ein. Kurz darauf zweigen wir halblinks ab (wer gerade weitergeht, dem droht eine längere Odyssee), überqueren die Straße vom nahen tschechischen Šatov nach Niederfladnitz und stehen bald vor der Gabelung, die links zum Galgenberg von Niederfladnitz einlädt. (Näheres zur einstigen Hinrichtungsstätte hier.)

Ob mit oder ohne Abstecher zum Galgen, wir behalten die Richtung Süden bei; es geht nun bei wechselndem Belag mal im Wald, mal am Waldrand, mal auf Schotter, mal auf Asphalt, bis zur Straße von Niederfladnitz nach Retz. Wir halten uns nur kurz in Richtung Retz, zweigen sofort wieder rechts nach Hoffern ab. Noch vor den Geleisen des Nur-Noch-Nostalgiezuges „Reblaus Express“ nehmen wir links den asphaltierten Kamptal-Thaya-March-Radweg nach Retz. Zehn Minuten später drehen wir nach dem Bahnübergang und vor einem Steinbruch rechts leicht bergan.

Durch die Weinberge zur Windmühle

In den nächsten Minuten überwinden wir die fiktive Grenze zwischen Wald- und Weinviertel, nähern uns durch Laubwald und Auen auf leicht fallendem Weg Retz. Wir ignorieren die jeweils in größeren Bögen nach Retz führenden Wenzelgraben-Rundwanderweg und Haidgrabenweg, halten hier dem asphaltierten Radweg die Wanderer-Treue. Nach einem Kreuz erreichen wir die Weinberge, etwas später sehen wir Soldatenfriedhof und Windmühle vor bzw. über uns.

Windmühle in Retz
Credits: MK

Zwischen den Weingärten wandern wir die Windmühlgasse runter, drehen vor der Kirchenstraße rechts durch das Znaimer Tor auf den von Weinkellern unterminierten, aber leider von zu vielen Autos verstellten Hauptplatz.

Sgraffito-Haus und Brunnen auf Hauptplatz Retz
Credits: MK

Der Hauptplatz hat einiges an südländischem Flair an sich: von der sehr großzügigen luftigen Anlage über die Vielfalt der Fassaden des stimmigen Ensembles als Umrandung.

Verderber-Haus auf dem Hauptplatz in Retz
Credits: MK

Den Platz selbst, also die Mitte dieser städtischen Guckkastenbühne, bilden Rathaus, Pranger, Pestsäule und Dreifaltigkeitssäule.

Rathaus in Retz
Credits: MK

Der um einiges größeren südmährischen Partnerstadt Znaim fehlt zwar ein derart großzügiger Hauptplatz, doch bei den unterirdischen Weinkellern können die Znaimer durchaus mithalten. Ein Abstecher lohnt sich jedenfalls – mit dem Zug ist man in 19 Minuten in Znaim.