MK

kattinger reist

Etappe 15: Von Retz durch Pulkautaler Kellergassen nach Hadres

von Matthäus Kattinger / 30.10.2015

Credits: MK

Bei dieser Etappe kommen auch Krimi-Freunde auf ihre Rechnung – auch wenn es nur um ein mögliches Wiedererkennen von aus „Polt“-Krimis bekannten Orten, Kellergassen und verträumten Landstrichen geht. Doch auch ohne Wissen um die Originalschauplätze des „Entschleunigungs-Krimis“, ist die dort so meisterhaft vermittelte Melancholie des nördlichen Weinviertels immer wieder zu spüren.

Vom Hauptplatz in Retz geht es durch Wiener und Kremser Straße zunächst nach Unternalb. Das langgezogene Straßendorf ist eine eigenartige „Mischkulanz“ von alten Weinkellern, Landwirtschaften und die Lücken dazwischen füllenden Einfamilienhäusern. Knapp vor dem Ortsende verabschieden wir uns für einige Stunden von größeren Siedlungen und nähern uns durch die Hubertusgasse der aus den Polt-Krimis vermittelten Beschaulichkeit.

Vom Hauptplatz in Retz geht es durch Wiener und Kremser Straße zunächst nach Unternalb. Das langgezogene Straßendorf ist eine eigenartige „Mischkulanz“ von alten Weinkellern, Landwirtschaften und die Lücken dazwischen füllenden Einfamilienhäusern. Knapp vor dem Ortsende verabschieden wir uns für einige Stunden von größeren Siedlungen und nähern uns durch die Hubertusgasse der aus den Polt-Krimis vermittelten Beschaulichkeit.

Nach einigen Minuten queren wir den Seebach (in älteren Karten war dieser noch als Nalber Bach amtsbekannt), um – nach der Kapelle „Rotes Kreuz“ den nur wenige Meter höheren, bewaldeten Kamm zu „erklimmen“. Dieser ist in den Wanderkarten – alt und neu – als „Der Gupferte“ ausgewiesen. Der ehemalige mittelalterliche Hausberg der Retzer gilt als Rückzugsgebiet der in Österreich selten gewordenen Halbstrauch-Radmelde (Bassia prostrata).

Gleichgewicht des (Er-)Schreckens

Das Kammwäldchen im Rücken, geht es danach zwischen weitgezogenen Feldern dahin, doch die Idylle trügt. Denn der in Gedanken vor sich hinmarschierende Wanderer wird jäh durch ein von ihm erschrecktes Rebhuhn im Gestrüpp am Ackerrand selbst aufgeschreckt – also eine Art Gleichgewicht des Schreckens. Was sich in der Folge einige Male wiederholt. Dagegen hat sich das Rotwild auf den Feldern offensichtlich an gelegentliche Wanderer gewöhnt, registriert fast gelangweilt, wie der Wanderer jedes Mal zusammenfährt, wenn ein gestörtes Rebhuhn aufgescheucht wird.

Ein entgegenkommender Weinbauer erzählt mir, dass die Rebhühner typische Feldhühner sind, die den Wald meiden und selbst die Nacht in Deckung am Boden in der Feldflur verbringen. Ihr Lebensraum sind Wegränder und Feldraine – vor allem dann, wenn sie reich an Unkraut sind. Auf diesem Stück der Etappe sind es die fast völlig ebenen „Schafberge“, die auf zwei bis drei Kilometern den Rebhühnern ausreichend Gestrüpp und Deckung am Ackerrand bieten.

Einsamer Glockenturm

Dann mündet unser Güterweg in das kleine, schon zu vorgeschichtlichen Zeiten besiedelte Straßendorf Ragelsdorf. Bekannt ist Ragelsdorf für seinen alleinstehenden Glockenturm und die zum Schloss (dem früheren Meierhof) gehörende Grabkapelle der Magdalena von Ehrenfels (am Ortsende das letzte Haus zur Linken). Letztere wurde vom zwischenzeitlichen Eigentümer, dem Stift Göttweig, zwar den Ortsbewohnern überlassen, aber mit der Auflage verbunden, dass Nachkommen aus der Familie der Ritter von Ehrenfels dort weiterhin bestattet werden dürfen.

Die Weingärten am Rabenberg

Gleich nach dem Ortsende queren wir auf einem Güterweg den Seebach und marschieren dann in gut einer halben Stunde zunächst durch Niederwald auf die Nordseite des 260 Meter hohen Rabenbergs. Dort treffen wir auf die westlichen Vorboten der Pulkautaler Weinberge.

Über diese führt auf riesigen Stelzen die einige Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhanges errichtete Umfahrungsstraße über Kleinhaugsdorf nach Znaim hinweg. Einige Minuten später nach einer langgezogenen Schlinge in den Weinbergen stoße ich in einer Kurve auf die alte Straße zum Grenzübergang Kleinhaugsdorf. Dort hatten am 17. Dezember 1989 die Außenminister Jiří Dienstbier und Alois Mock den Eisernen Vorhang zwischen Österreich und der damaligen Tschechoslowakei offiziell durchtrennt. Nun ist aus der Tschechoslowakei nach der freundschaftlichen Trennung von der Slowakei Tschechien geworden, doch das Verhältnis zwischen Wien und Prag bleibt atmosphärisch belastet.

Was in den nicht so guten Ried-Lagen etwa im Bereich unter der Umfahrungsstraße auffällt, sind die fast ausschließlich tschechischen Autos. Doch es sind längst nicht mehr nur Arbeiter, viele tschechische Grenzgänger sind mittlerweile längst Eigentümer in den Weinbergen. So zeigen gerade die grenznahen Regionen der Pulkautaler Weinberge, dass zumindest der kleine Grenzverkehr funktioniert – wohl auch deshalb, weil die Kontakte auch zu Zeiten des Eisernen Vorhanges gegeben waren.

Auf der alten, ausgedienten Straße nach Kleinhaugsdorf herrscht jedenfalls beschauliche Ruhe. Da kann der Wanderer die gut 150 Meter bis zur Abzweigung rechts in die Weinberge auf dem Hutberg getrost die Straßenmitte nehmen, allenfalls kommt gelegentlich ein Traktor.

Die Kapelle am Beginn der Kellertrift auf dem Hutberg ob Haugsdorf
Credits: MK

Weinstöcke, so weit das Auge reicht. Auf der Ostseite des Hutberges fordert eine Gabelung mit von der Sonne ausgegerbten hölzernen Hinweistafeln Entscheidung. Nach links lädt der Sonnenweg in einem 2,4 Kilometer langen Bogen nach Haugsdorf ein, ich aber folge dem asphaltierten Güterweg, der mich nach der nächsten Kuppe an unzähligen Weinkellern durch die Große Kellertrift hinunter nach Haugsdorf bringt.

Beginn des die Kellertrift in Haugsdorf umgehenden Sonnenweges
Credits: MK

Doch selbst in der langen Haugsdorfer Trift ist die Kellergassen-Welt nicht mehr heil, stehen doch einige Keller zum Verkauf, wurden sogar schon verkauft – wie an den Holzvertäfelungen eines offensichtlichen Zweitwohnsitzer-Kellers zu sehen ist. Knapp vor den Geleisen der schon 1988 stillgelegten Pulkautalbahn trifft bei der Maria-von-Zülow-Andacht an der aus dem Jahr 1670 stammenden Antonikapelle mit dem Sonnenweg auch der Franz von Zülow-Weg auf die Straße nach Haugsdorf.

Die Maria-von-Zülow-Andacht bei der Antonikapelle auf dem Franz-von-Zülow-Weg
Credits: MK

Wir queren Pulkau und Pulkautalbahn und erreichen bei der Mariensäule in der Ortsmitte von Haugsdorf, flankiert von Raiffeisen- und Sparkasse, die Straße von Retz nach Laa. Wir folgen dieser einige Minuten, um sie einige hundert Meter weiter, nach dem Schüttkasten, wieder zu verlassen. Der einstige Schüttkasten der Herrschaft Haugsdorf beherbergt heute neben Dorf- und Kulturzentrum auch ein Restaurant. Wir biegen links ab, folgen dem Mühlweg am Friedhof vorbei, etwas später queren wir wiederum die Geleise der Pulkautalbahn und auch die Pulkau.

Als Europadorf veralbert

An der Pulkau entlang zeigen sich bald die ersten Häuser von Alberndorf, das sich als Vorreiter der Idee eines gemeinsamen Europa schon 1959 zum Europadorf ernannt hatte, dafür zunächst Hohn und Spott erntete, wiewohl die Alberndorfer dafür vom Europarat ausgezeichnet wurden, ihnen sogar die Europafahne verliehen wurde.

Was mit der Kellertrift in Haugsdorf begonnen hat, setzt sich nahtlos fort – der Wettstreit um die längste Kellergasse. Diese dominiert die Orte – und das Denken. Ein kleines Beispiel: Das zu Hadres gehörende Untermarkersdorf hat 444 Einwohner (ohne Zweitwohnsitze) in 225 Wohnhäusern, dem stehen in der Trift die Presshäuser mit 211 Weinkellern (und darin noch immer 52 Baumpressen) gegenüber.

Wer hat die längste Kellergasse?

Wir wandern parallel zur Pulkau, die fast ineinander übergehenden Ortschaften Alberndorf, Untermarkersdorf und Hadres unter uns, die Weingärten und Kellergassen zur Linken. Hadres reklamiert letztlich den Superlativ für sich, seine Kellergasse soll mit 1,6 Kilometer Länge nicht nur die längste im Pulkautal, sondern überhaupt die längste geschlossene Kellergasse des Landes sein.

Man vergisst in Hadres auch nicht, darauf hinzuweisen, dass in einer etwas abgelegenen Kellergasse Szenen für einen der Polt-Krimis gedreht wurden. Womit mich die Wirklichkeit wiederhat – die Vermarktung der ob ihres Nicht-Vermarktet-Werden-Sollens so einzigartigen Region. Mit diesem Konflikt haben nicht nur Weinviertel und Pulkautal zu leben.